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Abkommen zwischen USA und Iran: „Der Beweis liegt erst in der Umsetzung“ Eine Öffnung der Straße von Hormus war kurzfristig das wichtigste US-Ziel, sagt Iran-Experte Ali Vaez. Doch eine Lösung des Atomkonflikts liege noch in weiter Ferne.

Julian Heißler 16.06.2026 - 09:58 Uhr Schiffe in der Straße von Hormus. Foto: via REUTERSWirtschaftsWoche: Herr Vaez, der Iran und die USA haben sich auf ein Abkommen verständigt, das den Konflikt im Mittleren Osten beenden soll. Wie bewerten Sie die Einigung?Ali Vaez: Sie ist sicher eine positive Entwicklung. Man sollte das nun vereinbarte Memorandum of Understanding aber nicht überhöhen. Schließlich behandelt es nicht das substanziell schwierigste Problem zwischen Teheran und Washington: die Zukunft des iranischen Atomprogramms. Aber wir sollten die Entwicklung auch nicht kleinreden. Schließlich war kurzfristig das wichtigste Ziel, die Straße von Hormus zu öffnen. Eine länger anhaltende Störung des freien Flusses von Energie und anderen essenziellen Gütern hätte weltweit verheerende wirtschaftliche Folgen gehabt. Insofern ist das Abkommen eine gute Nachricht. Aber: Der Beweis liegt erst in der Umsetzung.Halten Sie es denn für ausgemacht, dass die Vereinbarung tatsächlich hält?Das werden die nächsten Tage zeigen. Selbst in einem kurzen Memorandum of Understanding kann genug Spielraum für Missverständnisse stecken, um die Umsetzung zu stören. Hinzu kommt, dass beide Seiten das Abkommen in der Öffentlichkeit als ihren Erfolg darstellen werden wollen. Das ist schon per Definition nicht kompatibel und kann zu weiteren Schwierigkeiten führen.Hinzu kommt der weiter schwelende Konflikt zwischen der Hisbollah und Israel. Konnte eine Eskalation im Libanon das Abkommen gefährden?Das kann passieren. Am Sonntag wäre es beinahe passiert. Wenn Präsident Trump nicht sehr deutlich interveniert hätte, hätte die Entwicklung entgleisen können. Man muss zudem bedenken: Wir sehen eine neue Konstellation. Hisbollah ist in diesen Konflikt erstmals in dieser Form eingestiegen – nicht primär aus eigener Kalkulation, sondern ausdrücklich zur Unterstützung Irans. Das ist neu. Und es könnte die Situation noch volatiler machen.Ali Vaez. Foto: PR Zur Person Ali Vaez ist Projektleiter für den Iran bei der International Crisis Group und leitender Berater des Präsidenten. Er leitete die Bemühungen von Crisis Group, die Gräben zwischen dem Iran und den P5+1 zu überbrücken, was schließlich zum Atomabkommen von 2015 führte. Zuvor war er als Senior Political Affairs Officer in der Abteilung für politische Angelegenheiten und Friedensförderung der Vereinten Nationen tätig und leitete das Iran-Projekt der Federation of American Scientists. Er ist Co-Autor des Buches „How Sanctions Work: Iran and the Impact of Economic Warfare“.Heißt das: Ein einzelner Vorfall könnte reichen, um alles zu sprengen?Entscheidend sind der Zeitpunkt und das Ausmaß. Wenn es während der Implementierung dieser Verständigung zu einer größeren Eskalation kommt, kann das die Vereinbarung tatsächlich untergraben. Bei kleineren Verstößen hingegen ist es möglich, dass sie nicht automatisch alles zum Einsturz bringen. Und wenn es erst deutlich später – in sechs Monaten oder in einem Jahr – wieder zu einem Krieg zwischen Israel und Libanon käme, könnte Iran versuchen, das als bilateralen Konflikt darzustellen: also als etwas, das mit der jetzigen Verständigung nichts zu tun hat und in eine langjährige Konfliktlogik passt.Zurück zu Washington und Teheran: Für welche Seite ist die Vereinbarung denn aus Ihrer Sicht ein größerer Erfolg?Zuletzt lag eine Verlängerung der Kampfhandlungen nicht mehr im Interesse beider Seiten. Deshalb ergibt es Sinn, dass es nun zu diesem Abkommen kam. Um zu sehen, wer erfolgreicher war, lohnt es sich, die Mindestziele der Kriegsparteien anzuschauen: Für die USA und Israel reichten diese von einem Regimewechsel über eine signifikante Degradierung Irans militärischer, defensiver und offensiver Fähigkeiten bis hin zur Zerstörung des Nuklearprogramms und einer Kapitulation am Verhandlungstisch. Nichts davon ist eingetreten. Ja: Teherans militärische Fähigkeiten sind beschädigt worden. Aber nicht irreversibel – und nicht in einem Umfang, der Israel Sicherheit garantieren würde.Abkommen mit dem Iran Warum Trumps „historischer Deal“ wackelt Auf den ersten Blick läuft es perfekt für den Präsidenten: Pünktlich zum Geburtstag kann er ein Abkommen mit dem Iran verkünden. Doch entscheidende Details fehlen. von Sonja ÁlvarezUnd auf iranischer Seite?Dort liegt die Latte für „Sieg“ niedriger: Für das Regime ging es um das Überleben des Systems. Und dieses Ziel wurde erreicht. Gleichzeitig hat Iran einen sehr hohen Preis bezahlt, sowohl wirtschaftlich, als auch infrastrukturell, an Menschenleben und mit Schäden an historischen Stätten. Deshalb halte ich wenig von der simplen Gewinner-Verlierer-Logik. Je nach Perspektive kann jede Seite Punkte reklamieren – und jede Seite hat klare Verluste.Warum war dann gerade jetzt der Punkt erreicht, an dem beide Seiten bereit waren, ein Abkommen zu schließen?Weil sie erkannt haben, dass sie keine bessere Option haben. Sie steckten in einer Situation wechselseitig schädlicher Störung – mit spürbaren Effekten auf die Weltwirtschaft. Das dürfte Teheran und Washington motiviert haben, sich zumindest vorläufig zu einigen.Die nächste Hürde ist ungleich höher. In 60 Tagen soll nun ein neues Atomabkommen verhandelt werden. Kann das gelingen?Es ist nahezu ausgeschlossen. Dieses 60-Tage-Fenster gab es bereits – und die substanziellen Streitpunkte, die damals eine Einigung verhindert haben, sind bis heute nicht gelöst. Die Positionen liegen dafür zu weit auseinander.Mit welchen Erwartungen schauen Sie also auf diese Gespräche?Das realistischste Szenario ist ein rollierendes 60-Tage-Fenster – also fortlaufende Verhandlungen, die zunächst kein wirklich relevantes Gesamtresultat hervorbringen. Das ideale – weil machbare – Ergebnis wäre eine Serie kleinerer, gestaffelter Abkommen statt eines großen, umfassenden Deals.Iran-Krieg Trump verliert die Geduld mit Netanjahu Im Mittleren Osten eskaliert die Lage erneut. Und in den USA kippt die Stimmung gegen Israel spürbar. Für die Regierung in Jerusalem wird das zum heiklen Problem. von Julian HeißlerKönnen Sie das konkretisieren? Wie sähe so ein „Mini-Deal“ aus?Ein Beispiel: Wenn Iran im Gegenzug für eine Wiederherstellung des Zugangs der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) – sodass Inspektoren Material und Bestände nachvollziehen können – spezifische Sanktionserleichterungen bekäme, dann wäre das leichter zu verhandeln als ein Gesamtpaket.Könnte am Ende eine Vereinbarung stehen, die dem unter der Obama-Administration ausgehandelten Atomabkommen JCPOA gleicht, das die Urananreicherung des Iran deutlich begrenzt hatte?Es wäre etwas anderes, weil sich die Lage vor Ort verändert hat. Iran hat inzwischen eine andere Ausgangslage, auch was Anreicherung betrifft. Das würde zwangsläufig zu anderen Bedingungen führen als im JCPOA. Ich würde eine längere Phase eines Moratoriums nicht ausschließen, bevor man wieder – in irgendeiner begrenzten Form – Anreicherungsaktivitäten sieht. Gleichzeitig könnten einzelne Elemente ähnlich sein: bei Inspektionen, bei Kategorien von Sanktionserleichterungen.Das JCPOA wurde auch unter Einbeziehung Europas verhandelt. Haben europäische Mächte auch diesmal eine Rolle zu spielen?Ich glaube leider nicht. Die traditionelle Vermittlerrolle, die Europa früher gespielt hat, wurde diesmal von regionalen Akteuren übernommen – ohne sie wäre diese Verständigung nicht zustande gekommen. Das ist bedauerlich, weil Europa die technische Expertise mitbringt, die nötig wäre, um so einen Prozess wirklich ins Ziel zu bringen und Probleme umfassend zu adressieren. Aber weder Iran noch die USA scheinen derzeit ein Interesse daran zu haben, Europa einzubinden. 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