An einem Junitag 1878 erlebte der Chemiker Constantin Fahlberg das wohl kürzeste und wundersamste Abendmahl seines Lebens. Das gedankenlos abgebrochene Stück Brot schmeckte plötzlich unvergleichlich süß, das Wasser wie Sirup. Als der Mann prüfend seinen Daumen ableckte, übertraf dessen Geschmack alles, was er je in seinem Leben an Naschwerk probiert hatte. Fahlberg wurde schlagartig klar, dass er diese Süße mit nach Hause gebracht hatte.Er hatte sich nach dem langen Arbeitstag nicht die Hände gewaschen und auch jetzt keine Zeit zu verlieren. Der Wissenschaftler eilte in sein Labor zurück und kostete, so sagte er es später dem Scientific American: „voller Aufregung den Inhalt jedes einzelnen Bechers und jeder einzelnen Abdampfschale auf dem Labortisch“. Die Aktion ging erstaunlicherweise glimpflich aus und war darüber hinaus erfolgreich. In einem der Gefäße fand der Chemiker die süße Substanz, die er später Saccharin nannte. Es war der erste synthetische Süßstoff der Welt – entstanden durch Zufall und entdeckt durch eine große Portion Unvorsichtigkeit.Heute ist Saccharin einer von elf in Deutschland zugelassenen Süßstoffen – und die sind ein Thema, bei dem nach Meinung vieler Fachleute eine gewisse Vorsicht angebracht ist. Seit die Bundesregierung beschlossen hat, eine Zuckerabgabe auf Süßgetränke einzuführen, gewinnen die Fragen nach Nutzen und Risiken der synthetischen Süßungsmittel noch einmal an Bedeutung. Die Unterstützung für eine Limoabgabe ist prinzipiell groß. Doch was, wenn dann noch mehr Süßstoffe in die Brausen gerührt werden? Sind sie wirklich die besseren Alternativen zum Zucker, wenn es um die Vermeidung von Übergewicht und Folgeerkrankungen geht?Ernährung:Was eine Zuckerabgabe auf Softdrinks bewirken könnteDie Bundesregierung will eine Abgabe auf Süßgetränke einführen. Welchen Nutzen haben solche Preiserhöhungen, gibt es Risiken und wirksame Alternativen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.Tatsächlich ist die Frage auch knapp 150 Jahre nach Fahlbergs Entdeckung kaum zu beantworten. Dabei muss man nicht einmal tief in die Detailwirkungen von Aspartam, Saccharin, Sucralose und ihren Verwandten einsteigen. Bereits die grobe Zusammenschau der Forschungsliteratur ist ein Sammelsurium von Widersprüchen, Inkonsistenzen und Datenlücken.Auf der einen Seite existieren etliche Studien nach dem Goldstandard der Forschung. Ihre Teilnehmer nahmen nach dem Zufallsprinzip Süßstoffe zu sich oder eben nicht. Die Vergleiche zeigten: Wer Aspartam und Co. konsumierte, verlor tendenziell eher Gewicht, wie eine Auswertung der Fachliteratur durch die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 2022 und auch nachfolgende Arbeiten zusammenfassten. Das Problem ist, dass die Experimente mit den Süßstoffen meist nur einige Monate andauerten und die große Frage offenlassen: Was passiert langfristig?Diese Frage versuchten Beobachtungsstudien zu klären, in denen über Jahre die Gesundheit von Menschen verfolgt wird, die freiwillig Süßstoffe verwenden oder nicht. Unglücklicherweise ergaben diese Studien das Gegenteil der kurzfristigen Experimente: Forschende dokumentierten bei jenen, die Süßstoffe zu sich nahmen, Jahre später mehr Kilos, mehr Diabetes und mehr Herz-Kreislauf-Leiden, wie der WHO-Review und auch spätere Arbeiten resümierten.Allerdings werfen diese Studien ihrerseits die Frage auf: Was ist Ursache, was Wirkung? Führen tatsächlich die Süßstoffe auf lange Sicht zu Gesundheitsproblemen? Oder greifen vor allem Menschen zu dem Süß-Ersatz, weil sie bereits Gesundheitsrisiken und -probleme haben? Nicht auszuschließen ist zudem, dass Menschen, die Süßstoffe verwenden auch noch andere Verhaltensweisen haben, die sich auf ihre Gesundheit auswirken und damit die Studienergebnisse verzerren – etwa, dass sie insgesamt mehr hoch verarbeitete und damit kalorienreiche Produkte essen.Sind Süßstoffe das kleinere Übel?Unklar bleibt in vielen dieser Beobachtungsstudien überdies, wie und warum die Teilnehmer Süßstoffe verwendeten. Sparten sie damit tatsächlich in nennenswertem Ausmaß Zucker ein? Oder konsumierten sie die synthetische Süße zusätzlich zum Zucker, aus purer Gewohnheit oder gar um eine Art persönlichen Ablasshandel zu betreiben? Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich manche Menschen mit Süßstoff im Kaffee ein ruhiges Gewissen am Kuchenbuffet erkaufen. Viele Versuche, solche Unklarheiten in den Studien zu berücksichtigen, führten nach Angaben der WHO zu inkonsistenten Ergebnissen.Diese Gemengelage ermöglicht sehr unterschiedliche Schlussfolgerungen. Die WHO formulierte in einer zum Teil kritisierten Richtlinie aus dem Jahr 2023, dass Süßstoffe weder zur Gewichtskontrolle noch zur Vorbeugung von Zivilisationskrankheiten genutzt werden sollten. Sie argumentiert dabei in erster Linie, dass, selbst wenn die schädlichen Wirkungen nicht klar belegt sind, es auch keinen Beweis für den langfristigen Nutzen der Süßstoffe gibt. Damit könne man die Substanzen nicht empfehlen. Auch andere halten es mit dem Grundsatz: Im Zweifel für die Vorsicht. Sarah Forberger vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen sagt: „Es gibt Hinweise, dass Süßstoffe womöglich doch nicht harmlos sind. Wir sollten ihnen daher keinen Freifahrtschein ausstellen.“Stefan Kabisch von der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin an der Berliner Charité positioniert sich anders. Vielleicht haben Süßstoffe einige Nachteile. Aber: „Vom Zucker wissen wir sehr eindeutig, dass er problematisch für praktisch jedes Organ ist“, sagt der Mediziner. Damit seien Süßstoffe „alles in allem das kleinere Übel“. Es macht die Lage auch nicht übersichtlicher, dass sowohl für die positiven als auch negativen Gesundheitsauswirkungen schlüssige biologische Erklärungen denkbar sind.Süßstoffe haben anders als Zucker keine oder vernachlässigbare Mengen an Kalorien. Kabisch sagt: „Es ist plausibel, dass die Menschen damit weniger Gewicht zulegen und sich dies auf ihre metabolische Gesundheit auswirkt.“Möglich ist andererseits, dass Süßstoffe indirekte negative Effekte haben. Sarah Forberger sagt: „Einige Studien legen nahe, dass künstliche Süßstoffe appetitstimulierende Effekte auslösen und dadurch das Verlangen nach Zucker verstärken könnten.“ Die Süßstoffe docken an den gleichen Rezeptoren an wie Zucker. Sie signalisieren dem Organismus, dass gleich eine schnelle Energielieferung kommt. Bleibt diese aus, könnte das sogar verstärkten Hunger zur Folge haben, sodass am Ende doch relativ viele Kalorien und vor allem Zucker aufgenommen werden. Einzelne Studien deuten laut Forberger auch darauf hin, dass Süßstoffe das Mikrobiom verändern – mit möglichen langfristigen Effekten auf den Stoffwechsel.Kinder sollten möglichst wenig Süßstoffe aufnehmenEntsprechend unterschiedlich fällt auch die Einschätzung aus, ob all das bei der Ausgestaltung einer Zuckerabgabe eine Rolle spielen sollte. Sarah Forberger spricht sich für eine Abgabe aus. Weil aber die Evidenz zu Süßstoffen noch nicht vollständig ist und potenzielle gesundheitliche Effekte nicht ausgeschlossen werden können, hält sie ein begleitendes Konzept für den Umgang mit Süßstoffen für notwendig. Dazu könnten eine klarere Kennzeichnung von Süßstoffen gehören, zuckerfreie Getränke an Schulen sowie das Monitoring des Konsums und langfristiger Gesundheitsfolgen. Kabisch, der ebenfalls für die Limoabgabe ist, sagt dagegen: „Eine Warnung vor Süßstoffen auf dem Etikett halte ich für übertrieben. Dadurch wird der Eindruck vermittelt, dass wir stärker vor Süßstoffen als vor Zucker warnen.“Vielleicht kommt man am Ende weiter, wenn man den Blick auf das richtet, was wenig strittig ist. Wenn es um Kinder geht, sprechen sich Fachleute deutlicher dafür aus, mehr Vorsicht walten zu lassen. Kabisch verweist darauf, dass sich Kinder noch in der Entwicklung befinden. Wenn die Süßstoffe also Nachteile hätten, könnten sie sich bei den Heranwachsenden stärker auswirken. Kinder könnten zudem ihr Verhalten noch nicht so gut kontrollieren und nähmen so unter Umständen schon früh große Mengen an Süßstoffen auf.Das ist auch deshalb ungünstig, weil sich in den ersten Lebensjahren Geschmacksvorlieben bilden und festigen, wie Berthold Koletzko, Ernährungsmediziner am Haunerschen Kinderspital des LMU-Klinikums in München sagt. Ein Angebot weniger süßer Speisen und Getränke sei deshalb „unbedingt empfehlenswert“.In einem anderen Punkt herrscht absolute Einigkeit: Am günstigsten sind Getränke, denen weder Zucker noch Süßstoffe zugesetzt sind. Es gibt genügend Alternativen von Leitungswasser bis ungesüßten Saftschorlen. Die extreme Süße, wie sie Constantin Fahlberg einst nach einem Labortag von seinen Händen leckte, braucht der Mensch schlicht nicht. Und ob er sie wirklich will, wie bisweilen als Argument für die süßen Getränke vorgebracht wird, kann auch bezweifelt werden. Ein Bedürfnis nach extremer Süße sei nichts Naturgegebenes, sagt Sarah Forberger. Vielmehr wird es Kindern vor allem durch die sehr süßen Getränke erst antrainiert. Genauso kann man es auch wieder verlernen.