Eine gute Nachbarschaft muss nicht frei von Konflikten sein. Doch in der Stadt kommt man anders zusammen als auf dem Land: Berlin ist nicht Altranft.

S ein Plan war ambitioniert: Mein Nachbar wollte das Kottbusser Tor in Kreuzberg, Berlins Mekka für Müll und Drogenbestecke, in ein verwunschenes Sonnenblumenparadies verwandeln. An einem Frühsommerabend karrte er Säcke voller Erde heran und schüttete sie um die Straßenbäume rund um den verdreckten Kreisel am U-Bahnhof auf. Er baute einen Holzzaun und strich ihn grün an, pflanzte liebevoll Gräser, säte Sonnenblumen und blickte jeden Tag voller Zuversicht aus dem Fenster auf sein Beet. An Tag eins kotzte jemand hinein. An Tag zwei klauten Junkies die frisch gepflanzten Blumen. An Tag drei schaufelte eine Seniorin die Erde aus dem Beet und fuhr mit der Beute im Rollator unbekümmert davon.

Der Anwohner gab resigniert auf. Sollte die Nachbarschaft doch versinken in ihrem selbst geschaffenen Drecksloch.

Die Belastbarkeit nachbarschaftlichen Engagements scheint in Kreuzberg vielerorts an ihre Grenzen zu stoßen. „Ich wünsche mir, dass die Nachbarschaft lernt, dass sie das Engagement, das ich bereit bin zu erbringen, unterstützen muss“, sagt bei einer Kiez-Veranstaltung eine Anwohnerin. Gerade hat sie noch von selbst gebauten Gemeinschaftsmöbeln in ihrem Innenhof erzählt, die Jugendliche aus Langeweile abgefackelt hätten. Andere berichten von Zitronenbäumen, die samt kiloschweren Pflanzenkübeln geklaut worden seien. „Sind die Zeiten von Konsensorientierung vorbei?“, fragt die Kreuzbergerin. „Muss es erst wieder richtig knallen?“ Fiete Rohde beschwichtigt: „Dass Menschen über die Kieze streiten, ist kein Zeichen von Niedergang. Es ist ein Zeichen, dass hier noch verhandelt wird“, sagt der Initiator des Vereins Kiezconnect. Wer keine Ansprüche mehr habe, ziehe sich zurück.