Der Satz, den die Sprecherin des Weltfußballverbands FIFA am Sonntagnachmittag in Inglewood sagt, soll nur den baldigen Beginn der Pressekonferenz ankündigen, aber zugleich ist er die Nachricht des Tages. „Das iranische Team ist angekommen“, sagt sie. Und weil allein dieser Satz schon eine große Nachricht ist, wirkt auch der Satz ein wenig naiv, den ihr FIFA-Kollege fünf Minuten später sagt, als er die Pressekonferenz eröffnet: Die beiden Männer, die neben ihm sitzen, würden nur Fragen mit Bezug zum Spiel beantworten.Irans Trainer Amir Ghalenoei und sein Kapitän Mehdi Taremi haben eine Botschaft mitgebracht am Tag, an dem sie nach langem Hin und Her doch noch ihre Füße auf US-amerikanischen Boden gesetzt haben: die Botschaft von der vereinenden Kraft des Fußballs, die sie an den Mann bringen wollen. Ghalenoei wird sie noch vor der ersten Frage los. „Ich hoffe, dass Fußball ein Mittel sein kann, Freude zu haben und Länder und Kulturen einander näherzubringen“, sagt er.Mehdi Taremi wiederholt die Botschaft kurz darauf, als es um die gespaltenen Gefühle der Iranerinnen und Iraner zu ihrer Nationalmannschaft geht. Fußball könne vereinen, sagt er. Und dass er und seine Kollegen alle repräsentieren wollen, die Iraner in Iran und die Iraner in der Diaspora.Das ist nur eine der vielen Wirrungen für die Spieler Irans bei dieser Weltmeisterschaft: die Frage, für wen sie spielen, wen sie repräsentieren und wer sich von ihnen repräsentiert fühlt. Es werden eine Menge Mitglieder der iranischen Diaspora zum Stadion kommen am Montagabend, in Los Angeles lebt eine sechsstellige Anzahl Menschen mit iranischer Abstammung. Sie dürften versuchen, Protest dorthin zu tragen; gegen das Regime, womöglich auch gegen die Mannschaft, die einige von ihnen vor allem als Repräsentanten dieses Regimes sehen. So soll sie, wenn es nach dem Regime geht, auch auftreten. Da kann kein Pass, kein Tor vereinend genug sein.Abgelehnte VisumsanträgeDie anderen Wirrungen haben, natürlich, mit dem Krieg zu tun. Eine Mannschaft, deren Land sich zum Start des Turniers im Krieg befindet mit der Gastgebernation, das gab es noch bei keiner WM. Als Donald Trump anderthalb Stunden vor der Pressekonferenz ein Abkommen zum Ende dieses Krieges verkündet, hat diese Situation bereits zur wohl chaotischsten Vorbereitung der WM-Geschichte geführt.Sie begann mit monatelanger Unsicherheit über die eigene Teilnahme. Sie setzte sich fort in Wochen der Unklarheit in Bezug auf die Einreise in die USA. Und sie mündete kurz vor der Weltmeisterschaft in der kurzfristigen Verlegung ihres WM-Quartiers.Das hatte die iranische Delegation eigentlich in Tucson im US-Bundesstaat Arizona aufschlagen wollen, nicht in Tijuana, Mexiko. Drei Wochen vor Beginn des Turniers mussten sie ihre Pläne angesichts der Visumsprobleme aber kurzfristig umwerfen. Vor einer Woche traf die iranische Mannschaft dann in Tijuana ein, bevor sie am Tag vor dem Spiel über die Grenze reiste.„Das betrifft uns alle“Wann genau sie diese Reise antreten würden, das war selbst wenige Tage vor dem Spiel noch nicht klar gewesen. Es hatte geheißen, die Iraner würden erst am Spieltag ins Land kommen und gleich wieder abreisen müssen. Nun aber sind sie doch da, schlafen eine Nacht im Land des Kriegsgegners. Elf Mitglieder der Delegation fehlen dabei, sie haben keine Visa erhalten. Darunter wenig überraschend der Verbandspräsident Mehdi Taj, ein ehemaliges Mitglied der Revolutionsgarden.Als Mehdi Taremi über solche Schwierigkeiten spricht, wird es dann ziemlich offensichtlich schwierig mit der Botschaft vom vereinenden Fußball. Das Gefühl rund um diese WM sei anders als sonst, sagt er. Er habe die Spannung gespürt, vom ersten Moment dieses Turniers. „Wir erleben nicht das, worüber wir sonst immer sprechen: Frieden und Freude“, sagt er. Und fügt hinzu, dass es auch anderen Teams und sogar Schiedsrichtern so ergangen ist, die Probleme bei der Einreise hatten. „Das betrifft uns alle. Es untergräbt die Botschaft der FIFA und unserer Leute, nämlich dass Fußball Frieden schafft“, sagt er.Es untergräbt auch das Mantra des FIFA-Präsidenten Gianni Infantino, das er bei allen aufkommenden Problemen wiederholt: „Fußball vereint die Welt“. Ein Mantra, das bei dieser WM, die auch von seinem Freund Donald Trump geprägt wird, so eindeutig wie selten an seine Grenzen stößt.Am Ende ergreift Mehdi Taremi noch einmal das Wort, um ein paar Worte zum morgigen Gegner loszuwerden, Neuseeland. Er hat nämlich festgestellt, dass er nur politische Fragen beantwortet habe, keine einzige Frage zum Fußball. Womit der iranische Kapitän nur teilweise recht hat. Denn die Politik hat die Umstände, die Vorbereitung, die Atmosphäre dieses ersten iranischen WM-Spiels derart beeinflusst, dass all die politischen Fragen eine Menge mit Fußball zu tun hatten.
Fußball-WM 2026: Irans Team zwischen Krieg und Turnier
Monatelang war offen, ob und unter welchen Bedingungen dieses Team würde anreisen können. Nun beginnt das Turnier für Iran unter Bedingungen, wie sie eine WM noch nicht gesehen hat.















