Pathetisch, glühend, frei – endlich auf Deutsch: die bahnbrechenden Gedichte des dänischen Kultautors Michael StrungeDie Entdeckung des wilden und zornigen dänischen Lyrikers Michael Strunge (1958–1986) ist überfällig. Mit ihren erfindungsreichen Bildern eröffnen seine Gedichte schockartig eine nicht bekannte Wirklichkeit. Ziel ist die epiphanische Wiederkehr des Verdrängten.Peter Urban-Halle15.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEine Legende seiner wilden Generation: Michael Strunge.Lars GunderseDer dänische Dichter Michael Strunge ist im deutschen Sprachraum praktisch unbekannt. In seiner Heimat hingegen zählt er zu den legendären Autoren der jüngeren Generation – auch durch seinen frühen Tod 1986, da war er 27. Zehn Jahre danach erschien sein Gesamtwerk in einem Band, er war nach Wochen ausverkauft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Strunge ist die herausragende Figur des sogenannten Lyrik-Booms in den Jahren um 1980 in Kopenhagen. Zusammen mit Freunden wie F. P. Jac, Sören Ulrik Thomsen und anderen mischte er das literarische Leben in der Hauptstadt auf, auch weil das Fernsehen die wilden und zornigen jungen Männer einem Massenpublikum vorstellte.Neue Formen, neue ThemenIhre Texte faszinierten mit neuer Formensprache und neuen Themen. Schluss mit der sozialsentimentalen Bekenntnislyrik der linken Siebziger! Die Jungen sind pathetischer und glühender als die etablierten «Modernisten» der sechziger Jahre, sie lehnen sich eher an die Lyrik der unmittelbaren Nachkriegszeit an, die das Gedicht als eigenständiges Erkenntnismedium erkannte.Bei Michael Strunge spricht ein Ich, das zwar frei ist, aber auch das Chaos der Wirklichkeit erkennt. Häufige Begriffe wie «Nacht» oder «Traum» weisen in Richtung Romantik, dabei ist die Grossstadt unentbehrlicher Bezugspunkt, auch wenn er sich ihr nicht bedingungslos anheimgibt. «Und wenn mir alles zu viel wird / lasse ich mich fallen aus der Gesellschaft / in einen Traum», heisst es irgendwo. Der Kollege Sören Ulrik Thomsen wurde mit der Zeit immer goetheanischer – Strunge hätte vielleicht Dänemarks Schiller werden können.Nun hat der Zürcher Germanist Philipp Theisohn etwa sechzig Gedichte übersetzt und einen anspruchsvollen Essay beigesteuert, in dem er an Strunges Inspirationsquellen Rimbaud, David Bowie und den Punk erinnert und sich am mehrdeutigen Symbol der Welle entlanghangelt. Sie kann ja die physikalische Welle des Rundfunkempfängers sein (zu Strunges Zeit noch sehr wichtig) und im übertragenen Sinn das Leben selbst, sie kann Freiheit und Bewegung sein. Und schlicht eine neue Kunstetappe bezeichnen.Michael Strunge ist für Theisohn ein «Dichter der neuen Welle», sie sei die «Realisation des Verdrängten», Wellen «durchfliessen» sein Werk. Der junge Dichter ist eine Art Sprecher jener Generation, also ein Auslöser der Welle, aber er habe nicht gesteuert, sondern sich treiben lassen, sagt Theisohn und spricht von «Ansammlungen versprengter Schattenwesen». Dem Herausgeber wurde bisweilen, zum Beispiel bei seinem Buch «Plagiat», ein Plauderton bescheinigt. Den hätte man sich hier manchmal gewünscht. Sein eher schwieriger Essay glänzt mit teilweise prätentiösen Sätzen.Eine Art InterpretationÄhnlich auch seine Übersetzung. Nun ist Michael Strunge alles andere als schlicht, er schlägt einen expressiven, hyperbolischen Ton an – und Übersetzung ist stets eine Art Interpretation. Vor Jahrzehnten sollten Strunges Gedichte einmal von Thomas Kling nachgedichtet werden. Das wäre interessant geworden. Theisohn aber stellt seine Schöpferlust manchmal arg in den Vordergrund.Bei Formulierungen wie «wozu es ihnen ward verstattet» oder «Heut sann ich nach der Wolken Reise», fragt man sich: Sind wir hier bei Rudolf Alexander Schröder? Das Kultgedicht «Livets hastighed», in dem Ich-Zweifel und Selbstbewusstsein miteinander ringen, übersetzt Theisohn mit «Der Takt des Lebens» statt «Tempo» oder «Schnelligkeit des Lebens». Kann man machen, da Strunge sich immer gegen das geregelte, «getaktete» Sein auflehnte, es übergeht aber die Verbindung mit Bowies «Speed of Life».Egal, Michael Strunges Gedichte in Buchform (es gab ihn bei uns nur in verschiedenen Literaturzeitschriften), das ist eine überfällige Hommage an einen jungen Dichter, dessen erfindungsreiche Bilder schockartig eine nicht bekannte Wirklichkeit eröffnen, die man auch gern die «Realisation des Verdrängten» nennen darf.Michael Strunge: Nachtmaschine. Gedichte. Aus dem Dänischen und mit einem Essay von Wolfgang Philipp Theisohn. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026. 184 S., Fr. 31.90.Passend zum Artikel