So schnell trat Johan Eliasch nicht ab. Gerade hatten ihn die Delegierten als Präsident des Ski- und Snowboard-Weltverbands (Fis) abgewählt, in einem Herzschlagfinale mit einer Stimme Unterschied. Doch als die Kaffeepause beendet war, hockte Eliasch weiter auf der Empore im Sava Congress Centar zu Belgrad und pochte darauf, diesen 57. Fis-Kongress bis zum Ende als Sitzungsleiter zu moderieren.Und das zu Recht. Seine Amtszeit als Fis-Oberhaupt ende offiziell um Mitternacht, daran erinnerte er das Plenum. Auch wenn es bisweilen, nun ja, kurios anmutete, wie der frisch vom Hof Gejagte fortan die Tagesordnungspunkte abspulte, die er offenkundig in der Hoffnung vorbereitet hatte, als Sieger aus dieser Wahl zu ziehen. Etwa als Eliasch vortrug, wie die Fis in den fünf Jahren unter seiner Aufsicht aufgeblüht sei, in welch „strahlende“ Zukunft der Verband steuere.Eine Allianz mehrerer Nationalverbände hatte ja mit der exakten Gegenthese Eliaschs Abwahl herbeigeführt: dass unter dem 64-Jährigen viele Sitten und auch Kontostände des wichtigsten Wintersportverbandes im olympischen Reich massiv gelitten hätten. „Es waren Jahre des Stillstands, in manchen Bereichen sogar des Rückschritts“, sagte Stefan Schwarzbach, Vorstand des Deutschen Skiverbands (DSV), „wir werden die Folgen dieser Zeit sicherlich noch eine Weile spüren.“ExklusivSki-Weltverband Fis:PräsidentendämmerungDer Ski-Weltverband Fis war lange gesund und profitabel. Unter dem umstrittenen Geschäftsmann Johan Eliasch als Präsident verbucht er jetzt einen Millionenverlust. Nun zeigen Dokumente, wie es dazu kommen konnte. Bei der Wahl am Donnerstag geht es um alles.Das gilt indes für eine weitere Debatte, die Eliasch Minuten nach seiner Abwahl in Belgrad in die Öffentlichkeit gezerrt hatte. Er habe von „vielen“ gehört, sagte er, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) versucht habe, diese Wahl zu beeinflussen. Ein Oberhaupt eines der großen Weltverbände beschuldigt die höchste olympische Instanz ganz offen, die Werte zu brechen, die das IOC gerne wie eine Monstranz vor sich herträgt? Das dürfte einigermaßen einmalig sein.Peter Barandun, der Präsident des Schweizer Skiverbands, äußerte sich zunächst als einer der wenigen öffentlich zu der These, wonach das IOC unzulässig lobbyiert habe (auf Schweizerdeutsch: „geweibert“). „Ich kenne keine Details“, sagte Barandun dem Blick, „aber Eliasch muss sich selbst zuschreiben, dass er im IOC nicht gut angesehen ist.“ Zumindest Letzteres konnte man vor einem Jahr von einem weiteren Wahlergebnis ablesen. Als Kirsty Coventry damals zur Präsidentin des IOC gewählt wurde – und ihr Vorgänger Thomas Bach dabei womöglich etwas mitgeweibert hatte – hing der Mitbewerber Eliasch am Ende des geschlagenen Feldes, mit zwei Stimmen.Es gibt im IOC für die Mitglieder – und ein solches war Eliasch bis zum Ende seiner Amtszeit als Fis-Präsident am Donnerstagabend – aber auch andere Wege an die Macht. Das Exekutivgremium etwa, durch dessen Hände fast alle wichtigen Entscheidungen gehen, hält neben der Präsidentin 14 Plätze frei. Und manche dieser Sitze wandern in der Regel an IOC-Mitglieder, die in der Bewegung gewisse Interessengruppen anführen, wie die Vereinigungen aller olympischen Sommer- oder Wintersportverbände.Unter dem Dach der Winter Olympic Federations (WOF) versammeln sich etwa die Präsidenten all jener Weltverbände, die mit ihren Disziplinen im Programm der Winterspiele vertreten sind. Als dieses Bündnis rund um den vergangenen Jahreswechsel einen neuen Vorstand wählte, gewann aber nicht Eliasch, sondern der Koreaner Jae-youl Kim, Präsident der Internationalen Eislauf-Union. Der zog im vergangenen Februar dann auch in die IOC-Exekutive ein.Was seitdem in olympischen Kreisen rumorte, veröffentlichte das Portal „Zeus Files“ am Vorabend der Fis-Wahl in Belgrad. Demnach habe sich Eliasch, nachdem er gegen den koreanischen Weltverbandspräsidenten verloren hatte, bei der Ethikkommission des IOC beschwert. Eliaschs angeblicher Vorwurf: Das IOC habe auch diese Wahl beeinflusst, indem es Luc Tardif, den Präsidenten des Eishockey-Weltverbands, überzeugt habe, nicht für Eliasch zu votieren. Laut dem Bericht verwarf das IOC die Beschwerde – und habe flugs eine eigene Untersuchung gegen den Beschwerdeführer angestoßen: wegen Kommentaren, die Eliasch angeblich gegen IOC-Generaldirektor Christophe De Kepper vorgebracht habe.Hat sich das IOC in die Wahl eingemischt? Das dementiert es auf Anfrage zumindest nicht explizitOb das alles so zutrifft? Das bestätigt das IOC auf Anfrage nicht, dementiert es aber auch nicht. Eliasch ließ eine Anfrage bis zum Freitagmittag unbeantwortet. Dem Vernehmen nach beobachtet das IOC aber schon seit einer Weile all die Debatten, die in der Fis seit Jahren toben. Wenn ein olympischer Fachverband immer wieder wegen seiner Finanzen in den Fokus rückt, oder wenn er Kosten für Gerichtsprozesse nicht zahlt, die Gläubiger dann per Gerichtsvollzieher eintreiben, dann gefährdet das irgendwann auch die Statik der ganzen Bewegung.In diesem Lichte wäre die Fis längst nicht der erste Weltverband, bei dem das IOC für eine Schattenregierung lobbyiert. Nach SZ-Informationen wabert schon seit einer Weile diese These durch die Skifamilie: dass einige nationale Olympia-Komitees bei ihren jeweiligen nationalen Wintersportverbänden darauf gepocht haben könnten, Eliaschs Gegner zu unterstützen – womöglich auf Bitte von höheren olympischen Instanzen. Ob das IOC da mitgemischt hat? Auch das dementiert oder bestätigt es auf Anfrage nicht. Eliasch ließ die Fragen, ob er von derartigen oder anderen Vorgängen gehört habe, ob er gegen das IOC zudem Schritte eingeleitet habe oder dies plant, bis Freitagmittag ebenfalls unbeantwortet.Das IOC dürfte es in jedem Fall erleichtert vernommen haben: wie Eliaschs Nachfolger Alexander Ospelt am Donnerstag versprach, die zerrissene Fis-Gemeinschaft zu einen. Der 58-Jährige ist keiner, der große Reden hält – sein buntester Kommentar war der, dass Kinder in Liechtenstein das Skifahren vor dem Laufen erlernen, so habe auch er sich früh für den Wintersport begeistert. Aber Ospelt ist, anders als der Unternehmer Eliasch, tiefer vom Verbandswesen geprägt, er führte den Liechtensteinischen Skiverband bis 2023, wurde 2024 ins Fis-Council gewählt. Und als Anwalt für Wirtschaftsrecht bringt er die Kompetenzen und offenbar auch den kühlen Kopf dafür mit, die Baustellen der Fis zu ordnen, die viele zuletzt beklagt hatten, insbesondere bei den Finanzen.Und was das Binnenverhältnis zum IOC betrifft, da stehen Ospelt nun natürlich auch einige Reparaturarbeiten bevor. Am Freitagmorgen, als Eliaschs Fis-Präsidentschaft offiziell beendet war und damit auch die Mitgliedschaft im IOC, hatte das IOC zumindest schon einmal an anderer Stelle gehandelt: Das Profil des einstigen Fis-Präsidenten war von der IOC-Website verschwunden.
Fis-Präsidentenwahl: Ein Vorwurf und seine Folgen
Hat das Internationale Olympische Komitee in die Wahl des Ski- und Snowboardverbands Fis eingegriffen, wie es der abgewählte Johan Eliasch behauptet?











