KommentarDorfkönige unter Verdacht – nach Crans-Montana braucht die Schweiz einen ehrlichen Blick auf das MilizsystemAkteure wie Gemeindepräsident Nicolas Féraud prägen das Bild, das sich die Öffentlichkeit von Gemeindepolitikern macht – vor allem aber verzerren sie es.12.06.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenBlick in die Gemeindeversammlung, aufgenommen am Donnerstag, 15. Februar 2024, in Steckborn. Die Gemeinde entscheidet heute an einer ausserordentlichen Versammlung ueber die Kuendigung des Vertrages mit dem Staatssekretariat fuer Migration SEM. Die Anlage im Wohnquartier ist umstritten. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)Gian Ehrenzeller / KeystoneSeit einem halben Jahr ist Nicolas Féraud zugleich der bekannteste und umstrittenste Gemeindepräsident der Schweiz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Während Férauds Amtszeit ereignete sich in Crans-Montana eine der grössten menschlichen Katastrophen der Schweizer Geschichte. Wenige Tage nach dem Brand, der 41 Tote forderte, sagte er vor der Weltöffentlichkeit über seine Gemeinde: «Wir sind mehr als andere betroffen. Mehr als alle, denke ich.»Diese beiden Sätze lösten – völlig zu Recht – heftige Reaktionen aus. Sie zeugten von fehlender Empathie und Selbstreflexion, von der Überforderung einer Gemeinde und ihres Präsidenten.Als die Medien immer mehr strittige Abläufe innerhalb des Gemeinderats bekanntmachten, drängte sich die Frage auf: Ist Féraud, ist Crans-Montana ein Einzelfall? Oder sind auch andere Gemeinden im Land mit eigentlich grundlegenden Aufgaben wie der Durchführung von Brandschutzkontrollen überfordert?Journalisten überfluteten die Gemeindekanzleien von Zermatt bis Arbon mit Anfragen. Sie wollten ganz genau wissen, wie die Brandschutzkontrollen vor Ort ablaufen, wie häufig sie stattfinden, wie kompetent die zuständigen Personen sind und wie es ganz generell um die Professionalität steht, mit der die Gemeinde geführt wird.Mancherorts wurden die Anfragen wie Anklageschriften gelesen, und so hiess es unter Gemeinderäten bald: «So muss man sich Gopfridstutz nicht wundern, dass sich niemand mehr ein Amt im Gemeinderat antun will.»Es gab in der Schweiz eine Zeit, da waren Gemeindepräsidenten hoch angesehen. Einige regierten ihre Gemeinden wie Lehensherren, andere galten sogar als Dorfkönige. Seit der Brandkatastrophe stehen sie jedoch unter besonderer Beobachtung. Praktisch jedes Schweizer Medium widmete dieser Skepsis mehrere Artikel. Der «Blick» schrieb beispielsweise einen langen Kommentar über «die unheimliche Macht der Dorfkönige».Eine Katastrophe wie jene von Crans-Montana und das Verhalten der Verantwortlichen verlangen nach einer ehrlichen Auseinandersetzung damit, was ein Gemeindepräsident ist – und was er nicht sein soll. Allerdings sollte sie sachlicher geführt werden als in den vergangenen Monaten.Das Milizsystem kränkelt nicht nur im hintersten SeitentalDie Krise des Milizsystems wird meistens so zusammengefasst: Gerade kleine und mittelgrosse Gemeinden bekunden seit Jahren Mühe, ihre Ämter zu besetzen und selbst alltägliche Probleme zu bewältigen. Die Lösung – so versuchen modernisierungswütige Gemeinde- und Kantonsverwaltungen den Bürgerinnen und Bürgern immer wieder klarzumachen – ist eine Fusion. Sie erhoffen sich davon mehr Know-how, mehr Professionalität, mehr Cashflow. Sie träumen von modernen Gemeindeverwaltungen in Zentrumslage und Hochglanzbroschüren am Schalter. Ihre Bilanz: Seit den 1950er Jahren sind fast eintausend Gemeinden im Land verschwunden. Weitere sollen folgen.Nicolas Feraud, Mayor of Crans-Montana speaks at a press conference of the Crans-Montana Municipal Council following the tragic events of New YearÕs Eve in Crans-Montana, Switzerland, Tuesday, January 6, 2026. 40 persons lost their lives and over 100 were severely injured in the fire that devastated the bar "Le Constellation" on New Year's celebration in the Swiss Alps resort of Crans-Montana. (KEYSTONE/Cyril Zingaro)Cyril Zingaro / KeystoneGerade der Fall Nicolas Féraud zeigt jedoch, dass eine Fusion allein nicht vor Überforderung schützt und keine Garantie für ein kompetentes Krisenmanagement ist. Féraud führt nämlich nicht ein kleines Kaff, sondern eine moderne Fusionsgemeinde. Eine, die im Kanton Wallis bis zur Brandkatastrophe als Paradebeispiel für die heilsame Wirkung von Zusammenschlüssen gepriesen wurde. Als es darauf ankam, das Richtige zu sagen und zu tun, scheiterte er trotzdem. Auch die Beratung durch eine professionelle Agentur konnte den kommunikativen Super-GAU nicht abwenden.Längst nicht alle Probleme lassen sich durch Professionalisierung lösen. Zudem hängt die Funktionalität – oder eben Dysfunktionalität – einer Gemeinde nicht allein von ihrer Grösse, sondern auch entscheidend von den Individuen ab, die sie führen.Das System hängt vom Einzelnen abDie Gemeinde ist die kleinste Einheit im Bundesstaat. Aber keineswegs die unbedeutendste. Die Schweiz ist von unten nach oben aufgebaut. Erst wenn ein Problem für eine Gemeinde zu gross und ihr Budget zu klein wird, übernimmt die nächsthöhere Staatsebene.Allerdings ist die Gemeinde nicht bloss die unterste Ebene des Staates, sondern auch die anspruchsvollste. Im Bund und in den Kantonen brechen die Justiz und das Parlament die Macht der Exekutive. Auf Gemeindeebene sind diese Gewalten jedoch relativ schwach ausgeprägt. Die Exekutive und vor allem der Gemeindepräsident sind dafür umso stärker.Das Fehlen von Checks and Balances kann dabei zu einer Gefahr werden. Als das Schweizer Fernsehen in den 1980er Jahren eine Reihe von Dorfkönigen porträtierte, stritten Dero Gnaden allesamt ab, über eine besondere Machtstellung zu verfügen. Einige von ihnen benötigten für den Machterhalt nicht einmal ein politisches Amt. Alois Imholz etwa, Herr über unzählige Bauparzellen im ganzen Kanton Uri und in Schattdorf Patron von zweihundert Arbeitern, erklärte: «Könige und Kaiser sind nicht mehr gefragt.» Ohnehin sei er als Unternehmer vom Volk abhängig und lebe mit ihm. Wenige Sekunden später liess er sich aber doch noch zu einer ehrlichen Antwort hinreissen und sagte: In den Gemeinderat sei also noch nie irgendeiner ohne sein «Plazet» gekommen.Auch der Milizpolitiker Nicolas Féraud wurde in den Medien immer wieder als Dorfkönig bezeichnet. Er hat mit seiner Selbstdarstellung entscheidend dazu beigetragen. Vor der Katastrophe fuhr er mit einem Jeep, auf dem Sheriffsterne prangten, durch die Gemeinde. Nach der Brandkatastrophe trifft ihn nun die Verantwortung, die mit der Machtfülle seines Amtes einhergeht, mit voller Wucht.Erstaunlich ist allerdings, wie schnell die Schweizer Öffentlichkeit bei derartigen Fehlleistungen das ganze System infrage stellt und dabei vergisst, wie es funktioniert. Ein Dorfkönig haftet für seine Fehlleistungen, doch selbst der mächtigste von ihnen hat seine Macht nicht von Gott erhalten, sondern von seinen Wählern. Oder wie der «Blick» im Kommentar über Schweizer Dorfkönige schlussfolgerte: «Jedes Dorf bekommt den Gemeindepräsidenten, den es verdient.»Figuren wie Féraud dominieren in der Öffentlichkeit das Bild eines Gemeindepräsidenten. Die grosse Mehrheit der 2000 Gemeindepräsidenten im Land – die zu mehr als 80 Prozent im Nebenamt Politiker sind – wird den Anforderungen ihres Amtes gerecht. Sie arbeiten sich in Dossiers ein, die sie aus ihrem Berufsalltag noch gar nicht kennen. Sie übernehmen Verantwortung für ihre Entscheide und exponieren sich. Jedes Unternehmen wäre froh um solche Kadermitarbeiter, insbesondere weil sie diesen Effort selten des Geldes wegen leisten.Die Öffentlichkeit hält diese Arbeit jedoch viel zu oft für selbstverständlich und ist froh, wenn sie nicht mit Fragen zur Trinkwasser- und Stromversorgung belästigt wird. Erst, wenn es im eigenen Quartier zu einem Rohrbruch oder einem Stromausfall kommt, möchte man am liebsten selbst einen Ad-hoc-Krisenstab einberufen.Krisenkommunikation in MundartDas Milizsystem weist tatsächlich Anfälligkeiten auf. Nicht jeder Bürolist trifft im Gemeinderat die richtigen Entscheidungen für den Erhalt der Infrastruktur. Nicht jeder Gemeindepräsident, der von sich selbst überzeugt ist, hält dem medialen Druck in einer Krise stand. Doch das System bringt auch viele Vorteile.Ein idealer Gemeindepräsident ist in seinem Dorf verwurzelt, mit den Granden der lokalen Wirtschaft vernetzt, aber nicht verbandelt. Er – oder sie – kennt die eigenen Kompetenzen und weiss, wo sie enden.Im Kanton Graubünden haben in den vergangenen Jahren mehrere Gemeindepräsidien in Krisensituationen gezeigt, wie das möglich ist. Als sich 2017 in Bondo ein Bergsturz ereignete, wurde Christian Gartmann vom Gemeinderat als Kommunikationsexperte engagiert. Ein Jahr später kam er nach dem Absturz einer Ju-52 am Piz Segnas erneut zum Einsatz. Seit mehreren Jahren berät er nun den Gemeinderat von Albula, wo im Ortsteil Brienz eine Bergflanke und ein ganzes Dorf ins Rutschen geraten sind.Jüngst hat Gartmann ein Handbuch für Krisenmanager veröffentlicht. In einem Interview mit der NZZ sagte er dazu, man könne nicht einfach zwei Berater aus Bern ins Krisengebiet schicken. «Wer eine Krise managt, muss sich im Dorf auskennen. Am Ende muss eine Krisenorganisation Stallgeruch haben.»Wie wichtig dieser «Stallgeruch» sein kann, zeigte sich vor einem Jahr, nach dem Bergsturz in Blatten. Zwei Bundesräte und zwei Mitglieder der Walliser Kantonsregierung waren nach dem Bergsturz ins Lötschental gereist. Einige von ihnen wirkten überwältigt. Andere diskutierten vor der Pressekonferenz noch im Foyer, als der Blattner Gemeindepräsident schon auf seinem Platz sass und auf sie wartete.Es war nicht die Botschaft eines Bundes- und auch nicht die eines Staatsrats, sondern jene des Gemeindepräsidenten Matthias Bellwald, die bei der exilierten Bevölkerung ankam. Bellwald formulierte sie in der Mundart seines Dorfes. Selbst jene, die seine Arbeit inzwischen kritisieren, sagen, in diesem Moment sei er genau der Richtige gewesen.Hier zeigen sich das eigentliche Ziel und der Zweck des Milizgedankens: Der Staat ist keine abstrakte und allmächtige Grösse, sondern die Gesamtheit seiner Bürger.Passend zum Artikel