Interview«Mir hat es an Menschlichkeit gefehlt, als so viele Menschen sie gebraucht hätten», sagt der Gemeindepräsident von Crans-MontanaNicolas Féraud glaubt ein halbes Jahr nach der Brandkatastrophe, dass viele Bürger ihm weiterhin vertrauen. Für seine Gemeinde rechnet er mit «gewaltigen Summen» an Opfergeldern.01.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEr ist ungewollt der vielleicht bekannteste Gemeindepräsident der Schweiz geworden: Nicolas Féraud im Januar.Cyril Zingaro / KeystoneHerr Gemeindepräsident, vor einem halben Jahr hat in Ihrer Gemeinde die Bar «Le Constellation» gebrannt. 41 Menschen sind ums Leben gekommen, 115 wurden verletzt. Was beschäftigt Sie dieser Tage?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wir im Gemeinderat denken jeden Tag mehrmals an die Opfer, an die Familien, die Angehörigen. Es ist offensichtlich, dass ihr Schmerz nicht so bald verschwinden wird. Zugleich versuchen wir mit der Verwaltung, mit unserem Personal, Ruhe zu finden. Damit wir uns aufrichten, neue Motivation für unsere Arbeit schöpfen und wieder an den Optimismus von vor der Katastrophe anknüpfen.Wie würden Sie die Stimmung in Ihrer Gemeinde beschreiben?Wir haben wieder eine gewisse Friedlichkeit gefunden. Wir hoffen jetzt auf eine gute Sommersaison, um die Monate Januar und Februar wettzumachen, die stark von der Tragödie geprägt waren. Die Gäste werden wieder kommen und mit ihnen das Leben, die Freude, der Spass.Sie persönlich wurden über die Schweiz hinaus stark kritisiert, vor allem für Ihre Kommunikation nach der fatalen Silvesternacht. Aber als wir beide kürzlich durch Crans liefen, wurden Sie von vielen Passanten herzlich gegrüsst. Wie ist Ihr Stand in der Gemeinde?Es geht nicht um Ansehen oder Ruf. Es geht darum, dass die Menschen natürlich alle erschüttert sind von dem Drama. Aber sie merken auch, dass ihr Gemeinderat und ihre Verwaltung nicht für alles verantwortlich sind. Und sie merken, dass wir trotz allem am Steuerrad bleiben.An der Einwohnerversammlung Mitte Juni erhielten Sie mehr Applaus als Ihre Kritiker. Hat Sie das überrascht?Wir im Gemeinderat wussten überhaupt nicht, was uns erwartet. Letztlich lief es in der Tat relativ gut für uns. Wir haben die Kritik erhalten, die wir verdient haben, aber wir haben auch die Unterstützung der Menschen bekommen. Die überwältigende Mehrheit der Anwesenden hat die Jahresrechnung genehmigt. Das zeigt, dass sie weiterhin Vertrauen in uns hat.Sie haben die Einwohnerversammlung wochenlang mit einer Handvoll Beratern vorbereitet, einschliesslich Ihrer Rede und der Antworten auf mögliche kritische Fragen. Haben an der Versammlung wirklich Sie gesprochen oder Ihre unsichtbaren Spin-Doctors?Ich kann Sie beruhigen. Die Berater haben Dinge organisiert, den Saal vorbereitet. Ziemlich alles, was ich gesagt habe, habe ich aufgeschrieben. Natürlich wurden ein paar Anpassungen vorgenommen.Als Sie einmal offenbar frei redeten, sagten Sie: «Es ist klar, dass das Vertrauen verloren ist.» Wer genau hat warum Vertrauen verloren?Habe ich das an der Urversammlung gesagt?Ja, als Antwort auf die Kritik eines Bürgers.Wir hatten das Vertrauen in uns selbst verloren, das ist offensichtlich. Es gab eine solche mediale, politische und juristische Flutwelle. Das hat die Gemüter stark geprägt. Jetzt haben wir nach und nach unser Selbstvertrauen wiedergewonnen.Sie denken also nicht, dass Sie Vertrauen von Bürgern verloren haben?Heute hat jede Zeitung, jeder Bürger eine Meinung zur Tragödie. Wir warten darauf, dass die Justiz ihr Urteil fällt, und arbeiten mit ihr zusammen, um den Sachverhalt und die Verantwortlichkeiten zu klären.Als Gemeindepräsident sind Sie für die Einhaltung der Gesetze und Reglemente in Crans-Montana verantwortlich. Die Bar «Le Constellation» hätte jährlich auf Brandschutz kontrolliert werden müssen, aber wurde es seit 2019 nicht mehr. Warum sind Sie nicht längst zurückgetreten?Weil jetzt nicht der richtige Moment ist. Heute muss die Gemeinde funktionieren. Zurückzutreten wäre vielleicht ein einfacher und bequemerer Weg, sich von gewissen Sorgen zu befreien. Doch das ist überhaupt nicht meine Art. Ich will weiter für Crans-Montana kämpfen.Sie schliessen einen Rücktritt weiterhin aus?Ich schliesse überhaupt nichts aus.Unter welchen Bedingungen könnten Sie zurücktreten?Es geht nicht um Bedingungen, sondern um diesen Moment im Leben, an dem ich denke, meine Ziele erreicht zu haben. Heute habe ich einige Ziele bei weitem noch nicht erreicht.Welche Ziele sind das?Erstens geht es darum, das Gedenken an die Opfer dauerhaft zu wahren. Dafür wollen wir mit einer Stiftung einen Erinnerungsort einrichten. Zweitens wollen wir das Selbstvertrauen der Region wiederherstellen. Ausserdem erarbeiten wir ein umfassendes Sicherheitskonzept für die Gemeinde, und wir wollen unsere politischen Strukturen modernisieren.Sie sind im Strafverfahren der Walliser Staatsanwaltschaft einer von fünfzehn Beschuldigten. Ein Bürger an der Einwohnerversammlung sah deshalb einen möglichen Konflikt zwischen Ihren persönlichen Interessen und jenen der Gemeinde. Was sagen Sie?Mein einziges Interesse ist, dass wir die Wahrheit finden. Das verdienen die Familien.Am 3. Januar gedachte Nicolas Féraud (Zweiter von rechts) der Opfer, unter anderem mit Bundesrat Beat Jans und der Walliser Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud (beide links neben ihm).Jean-Christophe Bott / KeystoneIhr persönliches Interesse ist naturgemäss, nicht verurteilt zu werden.Die Justiz wird die jeweilige Verantwortung jedes Einzelnen klären, und ich werde meine übernehmen.Sie sagen, dass Sie im Gemeinderat zu allen Punkten betreffend die Strafuntersuchung in den Ausstand träten. Wie funktioniert das konkret?Auf unserer Tagesordnung gibt es stets einen Punkt «1. Januar». Bei diesem Punkt verlassen ich und mein Kollege Patrick Clivaz den Saal, und ein anderer Gemeinderat übernimmt die Leitung.Patrick Clivaz ist der Gemeinderat für Sicherheit und ebenfalls Beschuldigter. Sie beide haben ein natürliches Interesse daran, die Verantwortung auf den jeweils anderen zu schieben. Wie können Sie noch zusammenarbeiten?Das ist eine Frage der Haltung. Wir Beschuldigten verteidigen uns alle auf die Weise, die wir für die angemessenste erachten. Natürlich indem wir dabei stets die Wahrheit sagen.Welche Dinge bedauern Sie heute?Ich bedauere, dass in Crans-Montana so viele Menschen ums Leben gekommen sind; das ist eine ewige Wunde für die trauernden Familien, aber auch für mich persönlich. Ich bedauere auch, dass so viele Menschen lebenslange Verletzungen davongetragen haben, sowohl körperlich als auch seelisch. Und natürlich bedauere ich, dass ich am 6. Januar dieses Jahres bei der Pressekonferenz keine Entschuldigung aussprechen konnte und wollte. Mir hat es an Menschlichkeit gefehlt, als so viele Menschen sie gebraucht hätten.Warum wollten Sie damals das Wort Entschuldigung nicht in den Mund nehmen?Wir waren völlig auf die Wahrheit fokussiert. Es gab so viele Informationen, viele davon falsch, die seit Tagen kursierten. Unser einziges Ziel war es, zu sagen, was wir wussten.Politiker und BeschuldigterPDNicolas Féraud, GemeindepräsidentCrans-Montana wurde 2017 durch eine Fusion gegründet, und seitdem präsidiert der FDPler die Gemeinde. Féraud gewann die Wahl gegen die damalige CVP, die heutige Mitte-Partei, die im Wallis sonst so sehr dominiert. Der Mittfünfziger stammt aus dem Gemeindeteil Randogne. Er arbeitete zunächst in der elterlichen Apotheke, dann als Barbetreiber und Café-Kellner. Die Brandkatastrophe von Crans-Montana machte ihn schlagartig in der ganzen Schweiz und darüber hinaus bekannt.Haben Sie eine Entschuldigung vermieden, um keine rechtliche Verantwortung zu übernehmen?Ja, uns hat es in dieser Angelegenheit an Klarheit gefehlt. Wir waren ratlos, erschöpft und von dieser Tragödie erschüttert. Wir hatten gerade erst erkannt, dass es bei den Brandschutzkontrollen Versäumnisse gegeben hatte.Seither haben Sie sich in zwei Interviews auf Französisch und an der Urversammlung bei den Familien entschuldigt. Die Gemeinde insgesamt übernimmt also Verantwortung?Die Justiz wird die strafrechtliche Verantwortung klären. Haben die festgestellten Versäumnisse eine Rolle bei der Tragödie gespielt? Wenn ja, dann werden wir unseren Teil der Verantwortung übernehmen.Viel kritisiert wurde auch, dass Sie an der Medienkonferenz im Januar die Gemeinde als grösstes Opfer der Katastrophe bezeichneten.Das war ein Formulierungsfehler. Ich wollte natürlich niemanden verletzen, sondern nur sagen, dass die 10 000 Einwohner von Crans-Montana ebenfalls trauerten.Am Ende der Urversammlung im Juni haben Sie mit dem Gemeinderat spontan und erstmals Mütter von Opfern getroffen, die eine Mahnwache abhielten. Wie lief das?Es war sehr bewegend. Wir haben uns einander sehr persönliche und tiefgehende Dinge gesagt. Ich glaube, es hat uns allen aufrichtig gutgetan. Für den Gemeinderat war es eine Art Befreiung, weil wir wegen des Datenschutzes nicht das Recht haben, die Namen und Adressen der Opfer zu erhalten. Wir hoffen nun, uns mit weiteren Familien austauschen zu können und ihnen vielleicht schreiben zu können, wenn sie das wünschen.Finden Sie es unfair, dass Sie und Ihre Gemeinde so sehr im Fokus stehen und der Kanton Wallis als Aufsichtsinstanz in Sachen Brandschutz noch recht wenig?Nein, absolut nicht. Die Justiz macht ihre Arbeit, und ihre Untersuchung ist noch lange nicht abgeschlossen. Man muss eben in jener Gemeinde beginnen, in der das Drama passiert ist. Ich wurde bereits einvernommen, und ich denke, ich werde noch mehrmals einvernommen werden.Crans-Montana drohen hohe Schadenersatzforderungen, aber Sie sagen, die finanzielle Zukunft der Gemeinde sei in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren gesichert. Wie passt das zusammen?Es gibt unmittelbare und mittelbare Einflussfaktoren in Bezug auf unsere finanzielle Situation. Was die unmittelbaren Faktoren betrifft, sind wir sehr zuversichtlich. Denn wir beobachten keine Abwanderung von wichtigen Steuerzahlern wie Pauschalbesteuerten. Es gibt auch weiterhin viel Interesse von Investoren, die etwa ein Hotel kaufen wollen. Zugleich vertrauen uns der Kanton und die Banken weiter.Aber eben, der Gemeinde drohen Schadenersatzzahlungen.Wir rechnen mit dem Ende des zivilrechtlichen Verfahrens in fünfzehn Jahren. Dann gibt es natürlich das Risiko, dass wir eine gewaltige Summe zahlen müssen. Dafür werden wir jährliche Rückstellungen bilden.Es gibt auch einen runden Tisch des Bundes, der schon weit schneller Hilfszahlungen aushandeln will. Ihre Gemeinde nimmt daran teil und rechnet also nicht mit hohen Kosten?Wir werden unserer finanziellen Verantwortung gegenüber den Opfern nachkommen. Es ist wichtig, dass die Familien nicht fünfzehn Jahre warten müssen, bis sie Zahlungen erhalten.Denken Sie, eine Zwangsverwaltung durch den Kanton vermeiden zu können?Ja, absolut. Die gesetzlichen Bedingungen für eine Zwangsverwaltung sind nicht erfüllt. Wir stehen nicht vor dem Konkurs, und wir haben unsere Schulden im Griff. Und das wird auch so bleiben.Die Hinterbliebenen der Opfer und die Verletzten sollen in Crans-Montana einen dauerhaften Erinnerungsort erhalten.Alessandro della Valle / KeystonePassend zum Artikel