Crans-Montana: Präsident Féraud wird an der ersten Gemeindeversammlung seit der Brandkatastrophe zum Rücktritt aufgefordertGut eine Stunde lang sprach die Versammlung über die schlimme Silvesternacht. Dann zeigte sich: Nicolas Féraud geniesst in der Gemeinde grossen Rückhalt, obwohl er im Strafverfahren beschuldigt wird.16.06.2026, 22.50 Uhr5 LeseminutenGemeindepräsident Nicolas Féraud bat zu Beginn der Versammlung zu einer Schweigeminute.Cyril Zingaro / KeystoneVor der Gemeindeversammlung am Dienstagabend schien völlig offen, wie die Diskussion der Bürger von Crans-Montana verlaufen würde, ja, ob es überhaupt jemand wagen würde, kritische Fragen zu stellen, geschweige denn Forderungen. Zu gross war selbst bei den grössten Kritikern des Gemeinderats um Präsident Nicolas Féraud die Furcht, sich vor der versammelten Bürgerschaft blosszustellen, und sich womöglich schmerzlich bewusst zu werden, dass man die Meinung einer kleinen Minderheit vertritt. Das hatten Hintergrundgespräche der NZZ gezeigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch dann nahmen mehrere Bürger vor ihren gut 370 Mitbürgern kaum ein Blatt vor den Mund. Sie äusserten sich an der ersten Gemeindeversammlung seit der Brandkatastrophe in der Silvesternacht so respektvoll wie unmissverständlich, insbesondere an Féraud gewandt, und brachten das Thema «Rücktritt» in die Debatte ein. Die einen mit rhetorischen Fragezeichen versehen, die anderen mit klaren Aufforderungen.Ein Bürger ahnt einen InteressenkonfliktDen Anfang machte ein älterer Herr. Wie alle Redner an diesem Abend, den Féraud mit einer Schweigeminute im Gedenken an die 41 Toten, 115 Verletzten und deren Angehörige eröffnet hatte, sprach der Herr zunächst den Opfern seine Sympathie aus.Dann kam er bald zu seinem Punkt: Er habe ein Problem damit, dass heute dieselben Leute in der Gemeinde am Steuer seien, die sich auf der einen Seite im Strafverfahren der Staatsanwaltschaft persönlich verteidigen – und die auf der anderen Seite im Interesse der Gemeinde handeln müssten.«Für mich gibt es einen potenziellen Interessenkonflikt», sagte der Mann. Diese Konstellation widerspreche «der umfassenden Suche nach Wahrheit». Deshalb frage er sich, «ob es nicht den Bürgern obliegt, sich zum Amtserhalt bestimmter Personen zu äussern». Applaus.Der Mann zielte insbesondere auf Nicolas Féraud, der einer von 14 Beschuldigten im Strafverfahren ist. Neben ihm sind allen voran die Betreiber der Katastrophen-Bar «Le Constellation» beschuldigt, sowie elf weitere aktuelle und ehemalige Verantwortliche der Gemeindebehörden. Die Vorwürfe lauten jeweils auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässiges Verursachen einer Feuersbrunst. Der Barbetreiberin Jessica Moretti wird zusätzlich Urkundenfälschung vorgeworfen.Noch mehr Applaus erhielt die Präsidentin der lokalen Sektion der Mitte-Partei, Céline Duc. Sie dankte zuerst dem Gemeinderat für seine Arbeit in dieser schwierigen Situation, dann kritisierte sie die aus ihrer Sicht fehlende Kommunikation gegenüber der Bevölkerung, und schliesslich stellte sie diese Frage an das Kollegium: «Verfügen Sie persönlich noch über die notwendigen psychischen, emotionalen und physischen Ressourcen», um alle Aufgaben und Pflichten vollumfänglich zu erfüllen?Die Kritik an Féraud wird noch deutlicherFür die Fragerunde zur Brandkatastrophe hatte Nicolas Féraud die Leitung einem Moderator übergeben, der die Redner und ihre vorab eingereichten Themen offensichtlich nach dem vermuteten Konfliktpotenzial sortiert hatte. Denn die Kritik wurde noch deutlicher.Ein Mann mittleren Alters sagte, er gebe die gemeinsame Position einer Bürgergruppe und von mehreren Persönlichkeiten der Gemeinde wieder. Der Mann beklagte, dass Nicolas Féraud an der denkwürdigen Medienkonferenz vom 6. Januar sich nicht im Namen der Gemeinde bei den Opfern und ihren Angehörigen entschuldigen wollte, und dass er die Gemeinde selbst als grösstes Opfer der Brandkatastrophe bezeichnete, obwohl sie etwa beim Brandschutz versagt habe.Der Mann der Bürgergruppe sprach «Monsieur le Président» nun direkt an. Er redete ihm ins Gewissen und zitierte das Gemeindegesetz, allen voran Férauds Verantwortung, über die Einhaltung aller Gesetze und Vorschriften zu wachen. Der Mann sprach von einer institutionellen Krise, von verlorenem Vertrauen.Und er erinnerte an einen Lieblingssatz Férauds, wonach dieser nicht das sinkende Schiff verlassen wolle. «Sich an das Steuerrad festzuklammern, reicht nicht. Man muss der Realität ins Auge sehen.»Was würde Nicolas Féraud darauf entgegnen? Der Moderator hatte mehrere Redner hintereinander sprechen lassen, die Spannung stieg mit jedem einzelnen von ihnen. Dann antwortete der Präsident.Féraud sagt, er denke täglich an Rücktritt«Es ist klar, dass das Vertrauen verloren ist», sagt Féraud. Die Frage eines Rücktritts habe sich der gesamte Gemeinderat «seit dem Anfang» gestellt. «Glauben Sie mir bitte, ich stelle sie mir jeden Tag.»Doch ein Rücktritt wäre laut Féraud auch keine Lösung. «Wenn wir, wenn ich, heute meinen Platz räumen würde, würde das ein institutionelles Vakuum schaffen.» Man entscheide sich fürs Bleiben, weil man seiner Verantwortung gerecht werden wolle.Zu dieser Verantwortung gehört für Féraud zuvorderst, die Fusion der Gemeinde Crans-Montana zu vollenden, die vor zehn Jahren aus mehreren Dörfern entstand. «Alles war vorher viel einfacher», sagte Féraud fast nostalgisch.Dann sagte er einen Satz, der womöglich noch zu reden geben wird. Er begründete den Verbleib im Amt nämlich auch mit dem «Respekt» und der «Achtung», welche der Gemeinderat den Opfern und ihren Familien erweisen wolle. Dabei gibt es gerade von Letzteren regelmässig Kritik an Féraud.Sofort sprach Féraud wieder davon, «aus Crans-Montana endlich die Bergstation zu machen, die sie verdient zu sein.» Die Brandkatastrophe könne vielleicht auch der «Ausgangspunkt für einen Neuanfang sein, von dem alle profitieren.» Applaus, noch mehr Applaus. Klar mehr als für Férauds Kritiker.Im Unterschied zu jener Medienkonferenz vom Januar sprach diesmal nicht nur Féraud, sondern auch drei weitere der insgesamt sieben Mitglieder des Gemeinderats. Zum Beispiel Sébastien Rey, der wiederholt versicherte, Féraud trete bei Sitzungen in den Ausstand, wenn über die Brandkatastrophe geredet werde. Damit schien das Thema «Rücktritt» erledigt.Féraud sieht Gemeindefinanzen nicht gefährdetZum Abschluss der rund 80-minütigen Diskussion konnte Féraud noch ein Mal im Saal punkten. Mehrere Fragesteller hatten sich um die finanziellen Konsequenzen der Brandkatastrophe für die Gemeinde gesorgt, um Schadenersatzforderungen, Steuererhöhungen und eine mögliche Zwangsverwaltung durch den Kanton.Féraud versicherte: «Unsere finanzielle Zukunft ist auf jeden Fall in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren überhaupt nicht gefährdet.» Steuererhöhungen seien in den kommenden Jahren keine geplant.Was die Gemeinde nun jedoch plant, ist unter anderem eine Gedenkstätte, in Zusammenarbeit mit dem Kanton, sowie die Einführung eines Gemeindeparlaments. Letzteres hatten die Bürger von Crans-Montana, das rund 10 000 Einwohner zählt, im Jahr 2020 mit knapper Mehrheit abgelehnt. Nun soll es die halbjährlichen Einwohnerversammlungen ablösen, die aus Sicht von Kritikern nur eine begrenzte demokratische Kontrolle zulassen.Als die Versammlung in der Mehrzweckhalle schliesslich kurz nach 22 Uhr zu Ende ging, warteten vor der Tür die Mütter mehrere Opfer. «Bonsoir, darf ich Ihnen die Gesichter der Kinder vorstellen, die verstorben sind?», sagte Laetitia Brodard-Sitre, die etwa durch Auftritte im SRF landesweite Bekanntheit erlangt hatte.Sie verwies auf Fotos der Kinder, die sie und ihre Mitstreiterinnen an Absperrgitter geklebt hatten. Manche Bürger schüttelte die Hände der Mütter, unter den Augen von Journalisten und Kameraleuten, andere wichen diskret aus.Mütter mehrerer Opfer warten vor der Mehrzweckhalle auf die Bürgerinnen und Bürger von Crans-Montana.Cyril Zengaro / EPAPassend zum Artikel