KommentarDie Brandkatastrophe von Crans-Montana war kein Zufall. Sie ist auch das fast zwangsläufige Resultat von BehördenversagenSeit einem halben Jahr ermittelt die Walliser Staatsanwaltschaft. Ihre Einvernahmen offenbaren erschütternde Zustände in der Gemeinde und im Kanton, nicht nur beim Brandschutz.01.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBlumen und Botschaften zum Gedenken an die Mitglieder des FC Lutry, die am 1. Januar 2026 bei dem Brand in Crans-Montana ums Leben kamen.Cyril Zingaro / KeystoneSelbst sechs Monate nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana liegen noch immer schwerverletzte Jugendliche in Spitälern. Die gut informierte Mutter eines Todesopfers beziffert ihre Zahl auf sieben. Das geht oft vergessen, wenn von den Opfern die Rede ist, von den 115 Verletzten und den 41 Toten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Leid der Hinterbliebenen und Verletzten ist für Aussenstehende kaum vorstellbar. Es gibt Väter, die regelmässig um Mitternacht auf den Friedhof gehen. Mütter, die auf der Suche nach Antworten die ganztägigen Einvernahmen der Beschuldigten verfolgen. Dem Fussballklub Lutry, nahe Lausanne, fehlt eine halbe Mannschaft. In mancher Schulklasse bleibt ein Stuhl leer, jeden Tag.Journalistische Recherchen und die Ermittlungen der Walliser Staatsanwaltschaft haben schon jetzt gezeigt: Die Katastrophe war von vorne bis hinten vermeidbar. Die haarsträubenden Missstände lassen sich zusammenfassen unter den Stichworten Verantwortungslosigkeit, Illegalität und Stillschweigen, manche sagen Omertà.Fahrlässige Barbetreiber, strukturelles VersagenDie Brandkatastrophe geschah keineswegs zufällig. Sie war vielmehr das fast zwangsläufige Resultat einer fatalen Kombination: auf der einen Seite die äusserst fahrlässigen Betreiber der Bar «Le Constellation», Jacques und Jessica Moretti; auf der anderen Seite Behördenversagen, jahrelang und strukturell, wenn nicht systemisch.Zur Erinnerung: Jacques Moretti verbaute im Jahr 2015 den brennbaren Schaumstoff, obwohl er nach eigener Aussage wusste, dass dieser im Brandfall viel Rauch erzeugt. Die meisten Opfer in der Silvesternacht dürften durch Rauchvergiftungen ums Leben gekommen sein. Genau weiss man es nicht, weil die Staatsanwaltschaft aus unbekannten Gründen fast komplett auf Obduktionen verzichtete.Jessica Moretti warnte zudem bereits im Jahr 2019, dass brennende Bengalokerzen die Schaumstoffdecke entzünden könnten. Dann, so schrieb Jessica Moretti ihren Mitarbeitern auf Whatsapp, «brennt das ‹Constel›». Sie wusste also um die Gefahr durch die Bengalos – und hielt trotzdem an der Praxis fest.So weit wäre es nie gekommen, hätten die Behörden einfach ihren Job gemacht. Versagt haben sowohl die Gemeinde – zuerst Chermignon, dann ab 2017 das neu fusionierte Crans-Montana – als auch der Kanton. Konkret geht es um überforderte Milizpolitiker, eine unvollendete Gemeindefusion, Kompetenzwirrwarr, mangelnden Austausch zwischen Gemeinde und Kanton sowie ein womöglich unanwendbares Gesetz.Warum durfte Jacques Moretti in die Schweiz kommen?Fraglich erscheint zunächst, ob der mehrfach vorbestrafte Franzose Jacques Moretti sich jemals in der Schweiz hätte niederlassen dürfen. In Frankreich war Jacques Moretti der Justiz damals, 2015, bereits bekannt wegen schwerer Zuhälterei, Sozialversicherungsbetrug und Entführung samt Freiheitsberaubung. Haben die Schweizer Migrationsbehörden, von der Einwohnerkontrolle über das Walliser Migrationsamt bis zum Staatssekretariat für Migration, seinen Fall wirklich genau geprüft?Unverständlich erscheint weiter, dass das «Constellation» überhaupt eröffnen durfte. Für den umfassenden Umbau durch Jacques Moretti, mit dem er einen Billardraum zur Nachtbar machte, reichte sein damaliger Vermieter nur eine einfache Baumeldung ein, kein Gesuch für eine Bewilligung. Hätte die Gemeinde Chermignon auf ein Bewilligungsverfahren bestehen müssen?Jacques Moretti erhielt eine Betriebsbewilligung, noch bevor er den Umbau vollendet hatte. Warum? Und warum durften die Morettis das «Constellation» eröffnen, bevor die Gemeinde den – bewilligten – Neubau des Wintergartens abnahm? Diese offenen Fragen zeigen, welch fatale Folgen es haben kann, wenn eine Behörde grundsätzliche Verfahrensschritte nicht einhält.Eigentlich hätte das «Constellation» jedes Jahr in Sachen Brandschutz kontrolliert werden müssen. 2016, 2017 und 2019 wurde es inspiziert, aber fatalerweise nicht der brennbare Schaumstoff. Materialien müssten bei den Kontrollen nicht überprüft werden, behauptet unter anderem der Gemeindepräsident von Crans-Montana, Nicolas Féraud. Falsch, hält der Walliser Sicherheitsvorsteher Stéphane Ganzer dagegen. Natürlich darf es in solch sicherheitsrelevanten Punkten keine zwei Meinungen geben.Das Brandschutzgesetz soll nicht anwendbar seinDie Gemeinde Crans-Montana – und viele weitere Walliser Gemeinden – rechtfertigten ihre fehlenden Kontrollen damit, dass sie nicht genügend Ressourcen hätten. Das Walliser Gesetz zum Schutz gegen Feuer sei zu streng und somit nicht anwendbar. Tatsächlich schreiben andere Kantone Kontrollen nicht jedes Jahr vor, sondern nur alle drei oder fünf Jahre.Wie kann es sein, dass ein Kantonsparlament ein Gesetz verabschiedet, das angeblich nicht anwendbar ist? Warum wies offenbar niemand die Parlamentarier auf das Problem hin, weder vor noch nach Verabschiedung des Gesetzes?Brandschutzverantwortliche mehrerer Walliser Gemeinden haben ausserdem gesagt, dass der Kanton von den fehlenden Kontrollen gewusst habe, konkret die Dienststelle für Sicherheit und ihr Amt für Feuerwesen. Die Kantonsverantwortlichen hätten Verständnis für die Probleme der Gemeinden gezeigt. Sie hätten die Gemeinden ermutigt, die Kontrollen dann eben so gut wie möglich durchzuführen. Das wirft natürlich unter anderem die Frage auf, ob die Dienststelle das Problem über die Jahre ihren verschiedenen Staatsräten gemeldet hat.Der Kanton muss laut dem Walliser Brandschutzgesetz die Gemeinden beaufsichtigen – aber hat das offensichtlich nicht getan. Der Sicherheitsvorsteher Stéphane Ganzer sagte der NZZ im Januar, der Kanton unterstütze die Gemeinden «auf deren Antrag». Das Amt für Feuerwesen hat mindestens seit dem Jahr 2023 von keiner einzigen der 122 Gemeinden Informationen in Sachen Brandschutz angefordert.Der Kanton Wallis machte sich erpressbarDas Desaster mit den Kontrollen wurde noch schlimmer: Ab dem Jahr 2022 wussten viele Walliser Gemeinden nicht mehr, welche Kontrollen sie gemacht hatten und welche anderen sie planten. Denn die entsprechende Software des Kantons fiel aus. Der Betreiber, eine Einmannfirma, wollte den Kanton nach dessen Darstellung erpressen.Es sieht aus, als hätte der Kanton sich fahrlässig in eine gefährliche Abhängigkeit begeben. Dieses Extrembeispiel sollte Ansporn für alle IT-Verantwortlichen in Schweizer Behörden sein, ihre eigenen Abhängigkeiten zu eruieren. Digitale Souveränität beginnt in den Gemeinden und Kantonen.Erschütternd sind auch die Einvernahmen der Gemeinderäte Crans-Montanas für Sicherheit. Der in den Jahren 2021 bis 2024 amtierende Gemeinderat sagte aus, er habe «nicht wirklich» einen Jobbeschrieb gehabt. Es sei schwer, seine Aufgaben genauer zu benennen.Wie kann so jemand allen Ernstes für die Sicherheit einer Schweizer Gemeinde zuständig gewesen sein? In einer Gemeinde mit immerhin gut 10 000 Einwohnern, die im Winter auf rund 50 000 anwächst?Der Gemeinderat kannte das Brandschutzgesetz nichtDas Problem dauert an: Der derzeitige Gemeinderat für Sicherheit, der seit Anfang 2025 amtiert, zeigte in seiner Einvernahme ebenfalls seine Inkompetenz. Er habe sich erst nach der Katastrophe mit dem Walliser Brandschutzgesetz befasst, sagte er. Vorher habe er nicht gewusst, was es mit den jährlichen Kontrollen auf sich habe.Ja, ein Gemeinderat muss nicht alles wissen. Dafür hat er eine Verwaltung. Doch das entbindet ihn nicht von der Verantwortung, grundlegende Dinge wie seine gesetzlichen Pflichten zu kennen.All diese Missstände werden noch verschlimmert durch eine unvollendete Gemeindefusion. Crans-Montana entstand aus 4 Gemeinden und 21 Dörfern. Dazu war nach Aussagen von Beteiligten ein Putsch gegen die alte Garde der damaligen Gemeindepräsidenten nötig. Auch fast zehn Jahre später sind solche Wunden offenbar nicht verheilt. Stattdessen gibt es allerlei Machtkämpfe entlang von Dorf- und Parteizugehörigkeiten.Eine weitere Folge der unvollendeten Fusion ist ein Kompetenzwirrwarr, wie es Audits bereits vor Jahren belegten. Zum Beispiel in den Bereichen Sicherheit und Bauen: Dafür verantwortlich sind verschiedene Personen und Instanzen bei der Gemeinde Crans-Montana sowie im Gemeindeverband Crans-Montana. Die Nachbargemeinde Lens wiederum, die baulich nahtlos in Crans-Montana übergeht und direkt neben der Bar «Le Constellation» liegt, hat ihr eigenes Personal.Diese Liste liesse sich fortführen. Sie dürfte in den kommenden Monaten und Jahren weiter wachsen. All das sollte kein Grund für Häme gegenüber Crans-Montana und dem Wallis sein. Sondern ein Auftrag an alle Sicherheitsverantwortlichen in der Schweiz: alles dafür zu tun, eine solche Katastrophe in ihrem Verantwortungsbereich auszuschliessen.Passend zum Artikel
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