Es brauchte nicht viele Worte, um David Ehrbar zu überzeugen, die Sparte zu wechseln. Er ist deutscher Meister im Modellautorennen. Doch an diesem Tag in Halle 11 des Maschinenbaukonzerns Heidelberger Druck in Wiesloch geht es nicht um ferngesteuerte Boliden in Modellgröße, sondern um ein Fahrzeug, das künftig in Kriegen zum Einsatz kommen soll: ein UGV, ein unbemanntes Bodenfahrzeug. Das Kürzel UGV steht für Unmanned Ground Vehicle. Einen Tarn-Anstrich hat es schon. David Ehrbar steuert es durch die ziemlich leere Halle, es dreht sich ein paarmal um die eigene Achse, beschleunigt, rumpelt über ein paar Hindernisse, um dann abrupt zu bremsen.Die Zeitenwende, die der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Februar 2022 nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine ausrief, hält Einzug in die Fabriken, auch in solche, die über Jahrzehnte nichts mit Rüstung zu tun hatten, auch nichts zu tun haben wollten. Das Unternehmen Heidelberger Druckmaschinen ist das, was man einen Traditionskonzern nennt. Es gibt viele davon in Deutschland, sie stellen Maschinen und Autos her. Immer mehr entdecken das Rüstungsgeschäft für sich, manche biedern sich geradezu an wie die Automanager Ola Källenius oder Oliver Blume von Mercedes beziehungsweise BMW. Im Herbst kündigte die Maschinenbaufirma Trumpf an, mit dem Elektronikkonzern Rohde & Schwarz Laserwaffen gegen Drohnen zu entwickeln.Das UGV hat Heidelberg in wenigen Monaten entwickelt. „Wir haben die Geschwindigkeit eines Start-ups und die Professionalität eines Konzerns“, sagt Vorstandschef Jürgen Otto. Seine Rüstungsaktivitäten hat der Konzern im Frühjahr unter dem Dach der HD Advanced Technologies GmbH (HDAT) gebündelt, für die arbeitet auch Ingenieur Ehrbar. Das UGV wiege vier Tonnen, könne eine Last von bis zu 1,5 Tonnen transportieren und messe 3,50 mal 2,30 Meter, erklärt Bernhard Buck, Entwicklungschef der HDAT; Kürzel mögen sie in Wiesloch gern. Das UGV sieht aus wie ein Auto, bloß ohne Fahrgastzelle, aber mit vier robusten Reifen. Im Chassis stecken ein Rechner und Steuerungseinheiten, wie sie Heidelberg sonst in seinen Druckmaschinen verbaut. „Die Maschine denkt immer noch, sie wäre eine Druckmaschine“, scherzt Buck.Ihm zufolge gibt es bislang zwei Prototypen des UGV, das in der Halle soll an diesem Donnerstag in die Ukraine verfrachtet werden. „Wir können die Serienproduktion binnen weniger Monate hochfahren“, sagt Buck. Der Preis für ein Gefährt liege bei unter einer Million Euro und damit unter den geplanten Kosten, so Vorstandschef Otto.Bis auf Räder, Felgen, Antrieb und Batterie sei alles „inhouse“, sagt Otto, die Elektronik stellt Heidelberg selbst her, der Rahmen wird in der eigenen Gießerei gefertigt. Er würde jetzt nichts völlig Neues anfangen, sagt Otto. Jedes neue Geschäftsfeld müsse mindestens 80 Prozent Überlappung mit bestehenden Kompetenzen haben. „Wir können die komplexesten Maschinen bauen“, sagt Otto. Es sei schon etwas anderes, ob man Sonderanlagenbau betreibe oder Autos produziere. „Wir haben die richtigen Fachkräfte, die richtigen Technologien und die richtige Infrastruktur.“ Für Wehrtechnik seien die Fabriken von Heidelberg viel besser ausgelegt als die der Autohersteller. Die Kräne in Halle 11 können Lasten bis zu 50 Tonnen tragen. Früher wurden dort Druckmaschinen hergestellt.Für Heidelberg wäre es nicht die erste Transformation, schließlich begann die Firma 1850 als Glockengießerei und Maschinenfabrik in Frankenthal. Es gab Zukäufe, Verkäufe, Eigentümer, Namen und Adressen wechselten. Druckmaschinen sind bis heute der mit Abstand größte Umsatzträger des Konzerns, und so soll es bleiben. Auf den Anlagen drucken die Kunden Etiketten, Flyer, Panini-Karten, Faltschachteln für Lebensmittel, Medikamente und Champagner. Die Kartons werden auch gefalzt und geklebt. „Wir sind längst mehr als ein Hersteller von Druckmaschinen“, sagt Otto, „wir sind ein Systemanbieter“. Der Konzern biete auch alles drum herum an: Software, Service oder Verpackungsmaterial wie Kartons.Das Segment HD Technology, zu dem nun auch HDAT gehört, trug im Geschäftsjahr 2025/26 per Ende März mit 59 Millionen Euro nur wenig zum Umsatz des Konzerns bei. Dieser setzte 2,3 Milliarden Euro um, sein Ergebnis nach Steuern verdreifachte sich auf 15 Millionen Euro. Dem Aktienkurs haben die Wehrtechnik-Aktivitäten nur kurz einen Kick verliehen. Er liegt bei rund 1,50 Euro. „Wir sind halt nicht Space-X oder Tesla, die von der Hoffnung leben“, so Otto. HDAT soll binnen drei Jahren 300 Millionen Euro Umsatz liefern. Heidelberg arbeitet auch für andere Firmen. In Halle 11 ist noch Platz. Zu Aufträgen von Rheinmetall würde Otto nicht Nein sagen.Heidelberg versucht schon eine Weile, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Das erste konkrete Projekt in der Rüstungsindustrie vermeldete der Konzern vor knapp einem Jahr. Da ging er eine Kooperation ein mit Vincorian Advanced Systems. Das Unternehmen aus Wedel produziert mobile Energiesysteme wie Stromaggregate für militärische und zivile Einsätze. Heidelberg will zum Beispiel Schaltkästen mit Elektronik für die Stromversorgung liefern, erste Muster seien ausgeliefert. Genaue Zahlen will Otto nicht nennen, denn aus Umsätzen könnte der „Gegner“ auf Stückzahlen schließen. Mit der Zeitenwende verändert sich auch das Vokabular.Die Frage ist doch, mit wie wenig Geld hole ich feindliche Drohnen vom Himmel.Entwicklungsleiter Bernhard BuckDie Verhandlungen mit dem amerikanisch-israelischen Konzern Ondas begannen im Dezember 2025 und mündeten in einem Joint Venture zwischen Ondas Autonomous Systems und HD Advanced Technologies zur autonomen Drohnenabwehr. Es heißt Onberg und hat seinen Sitz in Brandenburg an der Havel. Mitte April nahm es den Betrieb auf. Im ersten Schritt erfolge vom Heidelberg-Werk dort aus der Vertrieb für Deutschland und die Ukraine, im nächsten Schritt dann für Europa. Produziert werden die Drohnen noch bei Ondas.Ingenieur Michael Östreicher zeigt den Prototyp der Drohne. Elisabeth DostertHeidelberg entwickelt auch eigene Drohnen, einen Prototyp gibt es in Halle 11 zu sehen. Noch ist die rote Kamikaze-Drohne 3D-gedruckt. In Serie soll sie im Spritzgussverfahren hergestellt werden. Der Preis liege in der Größenordnung von 2000 Euro, sagt Buck: „Die Frage ist doch, mit wie wenig Geld hole ich feindliche Drohnen vom Himmel.“ Eine Zulassung für Deutschland hat die Drohne nicht. „Das interessiert in der Ukraine aber niemanden. Hauptsache, sie funktioniert.“ Einige Prototypen sollen demnächst in die Ukraine geliefert werden. Zumal die Ukraine bei den eigenen Drohnen zunehmend unter Lieferschwierigkeiten leide, erzählt Buck, weil China Rohstoffe und Komponenten zurückhalte. Heidelberg werde die Drohnen aber nicht mit Sprengköpfen oder Munition ausrüsten, so Otto, das sei Sache des Kunden.