Zu Beginn der Woche besuchte Mexikos Staatspräsidentin Claudia Sheinbaum das Hochleistungszentrum, das der Fußballnationalmannschaft ihres Landes als Stützpunkt dient. Sie stimmte das Team durch eine in nationalistisches Pathos getränkte, nachgerade karikatureske, militärisch angehauchte und von Vertretern der Streitkräfte umrahmte Zeremonie auf die WM ein, die am Donnerstag im Aztekenstadion beginnen soll.Podcast: „Auf den Punkt“:WM: America first, Fußball second?Wie viel Donald Trump steckt in diesem Fußballturnier der Fifa in Mexiko, Kanada und den USA?Es ging, genauer, um die feierliche Übergabe der dreifarbigen Landesflagge an die von Trainer Javier Aguirre, 67, angeführten Fußballer. „Ich vertraue diese Flagge, die unsere Unabhängigkeit, die Ehre, die Institutionen, unser Volk und die Integrität unseres Landes symbolisiert, eurem Patriotismus an“, sprach Sheinbaum. „Beteuert ihr, sie mit Treue und Standhaftigkeit zu ehren und zu verteidigen?“, fragte die Staatschefin. „Ja! Das beteuern wir!“, gellten die Fußballer mit heiligem Ernst, während sie die rechte Hand flach vor die Brust hielten. Dann bekam Torwart Guillermo „Memo“ Ochoa, ein 40-jähriger Veteran, die Flagge überreicht. Ein Soldat blies ein paar Töne in ein Militärhorn, die so unsauber waren, dass sich jeder Mariachi geschämt hätte; die Nationalhymne erklang, und die Fußballer sangen in Habachtstellung mit.„¡Viva México!“, rief die Präsidentin – und die Helden des Vaterlandes in spe antworteten mit einem „¡Viva!“, das dermaßen aus voller Brust kam, dass man meinen musste, sie seien nicht bereit für ein paar Fußballspiele in der WM-Gruppe A gegen Südafrika, Südkorea und die Tschechische Republik. Sondern für die Rückeroberung der von den USA im Jahre 1846 annektierten Gebiete. Doch ob es nun mit Verve getan ist?Wer sich dieser Tage durch das mal sintflutartig verregnete, dann wieder stickige Mexiko bewegt, der begegnet Menschen, die es auf bewundernswerte Weise schaffen, Hoffnung zu mimen. Obschon sie alle Statistiken kennen und vorbeten können. Von all den Mannschaften, die jemals an Weltmeisterschaften teilgenommen haben und niemals den WM-Pokal hochhalten durften, ist Mexiko das Team mit den meisten Spielen (60).Mexiko hat es noch nie geschafft, bei einer WM mehr als fünf Spiele zu bestreiten; das Viertelfinale war 1970 und 1986, jeweils im eigenen Land, das höchste der Gefühle. Bei der WM 2022 in Katar kam Mexiko über die Gruppenphase nicht hinaus, und das war umso enttäuschender, als Mexiko 2018 das DFB-Team in der Gruppenphase heimgeschickt hatte.Wie schon bei der WM 2010 heißt der mexikanische Nationaltrainer Javier Aguirre„Die Erwartungen der Fans sind, so ist mein Eindruck, von Vernunft getragen“, sagt der frühere mexikanische Nationalspieler Pável Pardo, 49, der Süddeutschen Zeitung. Soll heißen: Niemand träume davon, Weltmeister zu werden, „das ist ein unmöglicher Gedanke“. Und dennoch: „Ich glaube an diese mexikanische Mannschaft, an ihren Willen zur Anstrengung und daran, dass wir umso stärker werden, je größer die Widrigkeiten sind, die auftauchen. Denn dann kehren wir den Aztekenkrieger in uns hervor“, fügt Pardo hinzu, der 2007 mit dem VfB Stuttgart deutscher Meister wurde. Drei Jahre später, bei der WM 2010, war er dabei, als Mexiko schon einmal zum Auftakt des Turniers auf Südafrika traf. Mit dem Unterschied, dass damals der Gegner der Gastgeber war. Genau wie 2010 heißt Mexikos Nationaltrainer heute Javier Aguirre.Sein Name ist in gewisser Hinsicht ein Symptom der Stagnation, den Mexikos Fußball erlebt hat. Wie schon im Jahr 2009 wurde Aguirre Mitte 2024 als Feuerwehrmann gerufen. Nachdem sich nach der WM 2022 gleich vier Trainer mit unterschiedlichen Ansätzen, aber erfolglos an der „Tri“, dem Nationalteam, versucht hatten, kam in Aguirre ein Coach, der vor allem Wert auf defensive Kontrolle legt. (Er ist damit im Grunde ein Gegenentwurf zu dem Fußball, den sein Assistent Rafa Márquez als Trainer der zweiten Mannschaft des FC Barcelona spielen ließ.) „Aguirre hat viel Erfahrung. Er ist ein fast schon väterlicher Typ, der Verantwortung übernimmt“, erzählt Pardo. Und: Er scheißt sich nix, wie man in Süddeutschland sagen würde.Als ihm nach dem Ende einer Nations-League-Partie des Nordamerika- und Karibikverbandes in Honduras eine Bierdose an den Kopf flog und seine Stirn im Nu blutüberströmt war, wollte Aguirre das nicht skandalisiert wissen: „Das sind Dinge, die im Fußball passieren.“ Und: Er riskierte sehenden Auges, die Stimmung rund um die Nationalmannschaft zu verschlechtern. Aguirre setzte im Mai ein rund einmonatiges Trainingslager an – und entzog den führenden Teams eine Reihe von Stammspielern – mitten in den Playoffs um die mexikanische Meisterschaft. Chivas’ Trainer Gabriel Milito etwa hatte plötzlich sechs Führungsspieler weniger. Die Klubbesitzer schäumten, den Medien war’s ein gefundenes Fressen – vor dem Hintergrund einer ohnehin angespannten Beziehung des Volkes zu seinen Fußball spielenden Streitkräften.Der große SZ-WM-Überblick:In 48 Teams um den GlobusVon kleinen Karibikinseln über Ex-Geheimfavoriten bis zu den Gastgebern und ihren Herausforderungen: Eine interaktive Übersicht über die 48 Mannschaften, die bei der WM 2026 teilnehmen.Diese hatte rund um die Neueröffnung des Aztekenstadions im März einen Tiefpunkt erreicht. Beim Freundschaftsspiel gegen ein ersatzgeschwächtes Portugal (0:0) wurde die Mannschaft gnadenlos ausgebuht, Portugals Ballstafetten wurden mit „Olé“-Rufen begleitet. Es war der Höhepunkt der Entfremdung der Mexikaner von ihrem Nationalteam: Seit Mexikos Verband entdeckt hat, dass es lukrativer ist, Freundschaftsspiele nördlich des Rio Grande auszutragen – dort leben 40 Millionen Mexikaner –, hat die Beziehung zwischen dem Volk und der Auswahl gelitten. Sie wurde erst durch die letzten drei Siege gegen die WM-Teilnehmer Ghana (2:0) und Australien (1:0) sowie gegen Serbien (5:1) etwas korrigiert.Das größte Problem der Mexikaner dürfte nicht der Sturm sein – sondern die Absenz ihres herausragenden MittelfeldspielersZu den Torschützen gegen Serbien gehörte Raúl Jiménez. Einerseits gilt er in einer überaus blassen mexikanischen Mannschaft als der beste Spieler; andererseits spielte er zuletzt auch nur beim FC Fulham, wo er in 36 Spielen neun Tore schoss, immerhin in der Premier League. Zur kommenden Saison wechselt er zu den Wolverhampton Wanderers, in die zweite Liga. Dennoch gilt er gegenüber Santiago Giménez (null Tore in 16 Spielen für die AC Milan) und Julián Quiñones (33 Tore in 31 Spielen in der Saudi-Liga) als gesetzt. Weil César „Chino“ Huerta und Alexis Vega nach Verletzungen außer Form sein dürften, stellt sich ohnehin die Frage nach den offensiven Möglichkeiten der Mexikaner.Und dennoch dürfte das größte personelle Problem der Mexikaner nicht der Sturm sein, sondern die verletzungsbedingte Absenz von Marcel Ruiz – einem 1,82 Meter großen zentralen Mittelfeldspieler mit einem herausragenden Spielverständnis, mit gutem Kurz- und Langpassspiel. Er steht stellvertretend für die noch immer vorhandene Genügsamkeit mexikanischer Profis: Da sie daheim genug verdienen, wagen sie den Weg ins Ausland eher selten. Ruiz spielt weiterhin in Toluca.Wenn man Pavel Pardo fragt, ob es denn in der Mannschaft einen neuen Pardo gibt, versichert er, dass es ein paar interessante Namen gebe. Zum Beispiel? Erik Lira, Luis Chávez, aber vor allem der erst 17-jährige Gilberto Mora von Club Tijuana, „ein sehr talentierter, intelligenter Spieler, der auch hinter den Spitzen als Nummer 10 spielen kann“. Mora debütierte mit 15 Jahren und 10 Monaten im Erstligafußball; das Land träumt von einem neuen Star. Sollte Mora gegen Südafrika ein Tor erzielen, wäre er genau einen Tag älter als Pelé, als dieser bei der WM 1958 sein erstes Tor erzielte.
Mexiko vor WM-Eröffnungsspiel: Die mexikanischen Fußballpatrioten
Mit viel nationalistischem Pathos stimmt Staatspräsidentin Sheinbaum das mexikanische Nationalteam auf die WM ein. Doch sportlich gibt es eine Menge Fragezeichen.














