Der Pico de Aneto, mit 3404 Metern der höchste Berg der Pyrenäen und der dritthöchste Spaniens, ist nicht ganz einfach zu besteigen. Die Tour führt über Geröllfelder und die Reste eines Gletschers, kurz vor dem Gipfel muss man über einen luftigen Blockgrat klettern, den Paso de Mahoma. Für das Überqueren sollte man absolut schwindelfrei und trittsicher sein, heißt es in der Tourenbeschreibung des Deutschen Alpenvereins. Vom Gipfel aus überblickt man bei klarer Sicht die gesamte Pyrenäenkette.Das Foto am Gipfelkreuz muss derzeit allerdings ausfallen. Vor ein paar Tagen entdeckten zwei Bergsteiger das große Holzkreuz unterhalb des Gipfels in den Felsen. Unbekannte hatten es vom Berg geworfen, schon zum zweiten Mal in diesem Jahr. Das Kreuz stand erst zwei Wochen auf dem Pico de Aneto. Es war Ersatz für ein älteres Metallkreuz, das im April mit einer Flex abgesägt und in eine Schlucht geworfen worden war. Danach hatte Maël Le Lagadec, ein 18 Jahre alter Landschaftsgärtner und leidenschaftlicher Alpinist aus der französischen Pyrenäenregion, aus einem Nussbaumstamm ein neues Kreuz geschnitzt und mit einem Freund auf den Gipfel getragen – ein Aufstieg von 15 Stunden.InstagramDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Le Lagadec bezeichnet sich nicht als gläubig. Für ihn verkörpern Gipfelkreuze den bergsteigerischen Erfolg. Er habe ein Bergsymbol verteidigen wollen, sagte er der Zeitung Sud Ouest: „Es gibt auf vielen Gipfeln ein Kreuz, es ist wie ein Leuchtturm auf offener See.“ Bernat Clarella, Präsident des spanischen Bergsportverbandes FEDME, beklagt nach den Attacken auf das Kreuz fehlenden Respekt und fordert, Konflikte um religiöse Symbole auf rechtlichem Weg auszutragen, nicht mit Gewalt. Ein laizistischer Verein hatte in Spanien 2025 eine Kampagne gestartet, um Kreuze von den Gipfeln des Landes zu entfernen.Die Präsenz von Kreuzen auf Berggipfeln löst immer wieder Kontroversen aus. In Italien kämpft die Union der Atheisten und Agnostiker (UAAR) gegen christliche Symbole in den Bergen. In den bayerischen Alpen war vor einigen Jahren ein Gipfelkreuzsäger unterwegs, auch in der Schweiz wurden wiederholt Kreuze beschädigt. An mehreren Gipfelkreuzen in den Brenta-Dolomiten fanden sich im vergangenen Sommer Schilder mit der Botschaft: „Die schlechte Nachricht ist die Präsenz der Religionen, die gute ist, dass du sie nicht brauchst.“Hinter dieser Aktion steckt Alessandro Giacomini von der UAAR, Abteilung Trento. Er fordert, die Berge frei von religiösen Symbolen zu halten. „Für Atheisten oder Menschen anderer Glaubensrichtungen ist das Kreuz nicht ein universelles Symbol des Gedenkens, sondern ein stark religiös geprägtes Zeichen“, sagte Giacomini dem Corriere della Sera. Dauerhaft aufgestellte Kreuze beanspruchten freie Natur für eine bestimmte Weltanschauung, das sei nicht im Sinne aller Bergsportler. Mit dieser Haltung ist er sich einig mit Reinhold Messner, der in einem Interview mit der SZ sagte: „Man sollte die Berge nicht zu religiösen Zwecken möblieren.“Angriffe gegen Gipfelkreuze kommen relativ selten vor, „vermutlich, weil es eine eher aufwendige Form von Vandalismus ist“, sagt Claudia Paganini. Die Philosophin an der Universität Innsbruck hat ein Buch über Gipfelkreuze geschrieben. Sie beobachtet, dass der Kulturkampf um die Kreuze zunehmend von rechtskonservativen Kreisen aufgegriffen wird. Paganini plädiert für einen pragmatischen, wertschätzenden Umgang – ähnlich wie österreichische und italienische Alpenvereine, die bestehende Gipfelkreuze erhalten, aber keine neuen mehr aufstellen wollen.Ein Gipfel ohne Selfie neben dem Kreuz ist kein Gipfel.Claudia Paganini, Philosophin und Autorin eines Buches über GipfelkreuzeDie Bedeutung von Gipfelkreuzen müsse man kulturhistorisch sehen, sagt Paganini. Hinweiszeichen auf Gipfeln gab es wohl schon, seit Menschen in den Bergen unterwegs sind: Steinhaufen, Holzpfosten oder Fahnen markierten den höchsten Punkt. In vorchristlicher Zeit galten Berge als Sitz von Dämonen, Geistern und Wetterhexen; die ersten Weide- und Gipfelkreuze im 16. und 17. Jahrhundert sollten Täler vor Unwettern und Lawinen schützen. Später dienten Kreuze auch der Landvermessung. Mit dem modernen Alpinismus im 19. Jahrhundert wurden sie zusätzlich zu Symbolen sportlicher Leistung.Auf vielen Bergspitzen standen zunächst keine Kreuze, sondern Fahnenstangen. Vor allem britische Alpinisten rammten sie nach Erstbesteigungen in die Gipfel, um Flaggen ihres Landes oder ihrer Klubs zu hissen – als Zeichen der „Eroberung“. Das missfiel vielerorts der einheimischen Bevölkerung und der Kirche; stattdessen wurden Kreuze aufgestellt. Seitdem prägen sie das Bild der Alpen ähnlich wie Schutzhütten oder Gipfelbücher. In anderen Bergregionen sind sie dagegen eher unüblich.Ob Gipfelkreuze heute noch zeitgemäß sind, darüber lässt sich ausführlich streiten. Für die einen gehören sie zum kulturellen Erbe der Alpen. Für die anderen wirken sie wie die Aneignung eines Naturraums, der allen offenstehen sollte – unabhängig von Religion und Weltanschauung. Ein Kreuz kann vieles bedeuten: Gläubige Christen erinnert es an Tod und Auferstehung Jesu, andere sehen darin einen sportlichen Zielpunkt. Selbst Bergsteiger, die mit Religion wenig anfangen können, verzichten allerdings ungern auf das obligatorische Gipfelfoto vor dem Kreuz.„Es ging von Anfang an um die menschliche Selbstdarstellung“, sagt Paganini. „Man muss ja die Freizeitaktivität entsprechend dokumentieren! Ein Gipfel ohne Selfie neben dem Kreuz ist kein Gipfel.“ Der christliche Bezug spielt für die meisten Bergsportler vermutlich nur noch eine geringe Rolle. Vielleicht erklärt diese Vieldeutigkeit, warum die Debatte immer wieder aufflammt. Gegner sehen in den Kreuzen religiöse Besitzansprüche, Befürworter kulturelle Identität. Beide Seiten sprechen von Freiheit – meinen damit aber Unterschiedliches.Am Pico de Aneto hat der weltanschauliche Konflikt konkrete Folgen. Dort geht es nicht mehr nur um Symbole, sondern um deren wiederholte Zerstörung. Wer ein Kreuz vom Gipfel wirft, führt keine philosophische Debatte, sondern schafft Tatsachen. Das empört selbst Menschen wie Maël Le Lagadec, den jungen Landschaftsgärtner, die sich gar nicht als gläubig verstehen. Für sie steht das Gipfelkreuz nicht in erster Linie für Religion, sondern für Alpinismus an sich: für den langen Weg nach oben und den Moment des Ankommens. „Vielleicht geht es darum, dass der Mensch immer nach Transzendenz sucht“, sagt Claudia Paganini, „und als topografischer Vermittlungspunkt zwischen Himmel und Erde ist ein Berggipfel besonders gut geeignet.“