Im Science-Fiction-Thriller „Disclosure Day“ zeigt Steven Spielberg, wie Aliens uns daran erinnern, was Menschlichkeit bedeutet. Ein Gespräch mit dem Regisseur und dem Hauptdarsteller Josh O’Connor über Empathie und Lügen.Acht Minuten. So viel Zeit sind für das Gespräch mit Steven Spielberg und seinem Hauptdarsteller Josh O’Connor vorgesehen. Angesichts der komplexen Themen ihres neuen Films „Disclosure Day“ erscheint diese Vorgabe absurd. Doch mit Spielberg gelten andere Maßstäbe. Der Regisseur denkt, erinnert und assoziiert mit einer Geschwindigkeit, die es ihm erlaubt, in wenigen Minuten von Ufo-Mythen über Künstliche Intelligenz bis zu Fake News zu gelangen, ohne jemals den Faden zu verlieren. Als er am Ende selbst spontan eine Verlängerung anordnet, werden aus acht Minuten elf – und aus einem engen Zeitfenster überraschend viel Raum.Das Interview findet in einem Nobelhotel nahe der Themse statt. Spielberg erscheint in hellblauem Hemd, braunem Anzug und locker gebundenem Halstuch, O’Connor in beigefarbenem Anzug und offenem Hemd. Während Spielberg mit lebhaften Handbewegungen das Gespräch immer wieder an sich zieht, verfolgt der 36-jährige Brite viele seiner Antworten mit einem amüsierten Lächeln. Zwischen beiden wirkt die Atmosphäre weniger wie die Begegnung einer Hollywood-Legende mit einem aufstrebenden Star als die zweier Kollegen, die erkennbar gern Zeit miteinander verbracht haben.Dabei könnten die Generationen kaum weiter auseinanderliegen. Spielberg, der im Dezember 80 wird und als erfolgreichster Regisseur der Filmgeschichte gleichermaßen politische Dramen, historische Epen und eskapistische Abenteuerfilme geprägt hat, zieht mit „Disclosure Day“ gleichsam die Summe seines Science-Fiction-Werks. Nach „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, „E.T.“, „A.I.“, „Minority Report“ und „Krieg der Welten“ erzählt er erneut von Außerirdischen – und eigentlich doch vom Menschen.Im Mittelpunkt steht der von O’Connor gespielte Cybersecurity-Experte Daniel Kellner, ein Whistleblower auf der Flucht, der geheime Beweise für außerirdisches Leben veröffentlichen will. Gemeinsam mit einer Wettermoderatorin (Emily Blunt) gerät er ins Visier einer Behörde, die seit Jahrzehnten Informationen über UFOs und fremde Spezies unter Verschluss hält. Es ist ein Thriller über Wahrheit, Macht und die Frage, ob eine Gesellschaft überhaupt noch zu gemeinsamer Erkenntnis fähig ist.O’Connor, bekannt durch seine Rolle als Prinz Charles in „The Crown“ und zuletzt als Priester in „Wake Up Dead Man“, gilt inzwischen als einer der Kandidaten für die Nachfolge Daniel Craigs als James Bond. Spielberg dagegen scheint in seinem neuen Film noch einmal zu jener Hoffnung zurückzukehren, die sein Werk seit Jahrzehnten durchzieht. Wie einst Abraham Lincoln, dessen Appell an die „besseren Engel unserer Natur“ Spielberg in seinem Film „Lincoln“ verewigte, setzt auch „Disclosure Day“ auf die Möglichkeit, dass Mitgefühl stärker sein könnte als Angst. In diesem Film wirken die Außerirdischen bisweilen wie eben jene besseren Engel – als letzte Hoffnung für eine Menschheit, die zwar über unendliche Daten verfügt, aber immer häufiger die Verbindung zueinander verliert.Lesen Sie auchWELT: Am Ende Ihres neuen Films zeigen Sie Szenen, in denen US-Soldaten Körper erschöpfter, verletzter und ausgehungert wirkender Außerirdischer tragen oder umschichten. In anderen Szenen werden diese Alien-Körper, die sehr menschlich wirken, bei lebendigem Leib seziert. Bei der Pressevorführung kamen vielen die Tränen.Josh O’Connor: Das ist gut.Steven Spielberg: Ja (er legt sich seine rechte Hand aufs Herz).WELT: Diese Filmbilder sind deshalb überwältigend, weil diese fragilen Alien-Körper auf die Zuschauer ähnlich wirken wie die vermenschlichten Tierfiguren in dem Holocaust-Comic von Art Spiegelman.Spielberg: In seinen „Maus“-Comics, ja.WELT: Er zeichnete darin Juden als Mäuse und die Deutschen als Katzen. Durch diese Art der Verfremdung zwang er die Leser zu einer neuen Art von Vergegenwärtigung des Holocaust. Ist die Alien-Szene Ihres Films Ihr Versuch, den verstörenden Zeiten von heute, mit zunehmender Polarisierung, Fake News und rasant sich ausbreitender KI-Geschichtsklitterungen, etwas Wirkmächtiges entgegenzusetzen?Spielberg: Ich verspüre ganz sicher eine Sehnsucht, eine sehr tiefe Sehnsucht danach, unsere Gemeinschaft wieder zusammenzubringen – weg von den Extremen, in denen wir uns heute in meinem Land befinden.WELT: Das lässt sich nicht nur in Ihrem Land beobachten. Spielberg: Nun, das erleben wir inzwischen überall auf der Welt. Ich glaube jetzt nicht, dass irgendein Film dazu eine Antwort oder dafür eine Lösung liefern kann. Ich hoffe nur, dass ein Film auch ein Anlass sein kann, der Menschen zusammenbringt. Selbst Menschen, die nicht einer Meinung sind, können sich in einem Kino treffen – und dort eine Erfahrung teilen. Sie bekommen alle dieselbe Geschichte erzählt. Und sie werden auf diese Geschichte reagieren, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass sie sich außerhalb des Kinos vielleicht nicht einig wären, wenn sie einander begegnen würden. Aber für diesen Moment eint sie dieselbe Geschichte, die sie gemeinsam erleben. Für mich war es deshalb wichtig, einen Film wie diesen gerade jetzt ins Kino zu bringen. In einer Zeit, in der es gewissermaßen eines ganz besonderen „Disclosure Days“ – beinahe einer Offenbarung kosmischen Ausmaßes – bedürfte, um uns alle wieder zu vereinen, Hand in Hand zum Himmel aufblickend.WELT: In Ihrem Film „München“ beschäftigten Sie sich 2005 mit dem Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972, mit Vergeltung und dem Preis der Gewalt. Sie nannten den Film damals Ihr „Gebet für den Frieden“. Ist „Disclosure Day“ Ihr Gebet für Menschlichkeit und Empathie in einer zunehmend gespaltenen Welt?Spielberg: Nun, ich bete gerade nicht. Der Film hat nichts mit einem Gebet zu tun, er ist kein Gebet. Das ist eine Geschichte, verstehen Sie? Keine umfassende Geschichte der UFOs, sondern eine sehr zeitgenössische, sehr actionreiche Geschichte darüber, was passieren würde, wenn Whistleblower an ein Archiv gelangten, das die visuellen Beweise aus acht Jahrzehnten enthält, dass wir mit außerirdischen Spezies interagiert haben. Und es ist auch eine Geschichte darüber, wie sich die Mächtigen zusammentun würden, um zu verhindern, dass diese Wahrheit erzählt wird.WELT: Mr. O’Connor, Sie spielen diesen Whistleblower Dr. Daniel Kellner. Kein Actionheld, sondern ein normaler Typ – ein Mathematiker und ehemaliger Hacker. Dieses Rollenprofil erinnert an Figuren aus früheren Spielberg-Filmen, beispielsweise den Polizeichef in „Der weiße Hai“, der Angst vor dem Meer hat, es aber trotzdem schafft, am Ende einen menschenfressenden Raubfisch in die Luft zu jagen.Lesen Sie auchSpielberg: Ja, hahaha. (er klopft sich mit der Hand aufs Knie)WELT: Oder an jenen Grundschullehrer, der als Captain eine US-Eliteeinheit in „Saving Private Ryan“ bei der Landung der Alliierten in der Normandie anführt. Als diese Filme in die Kinos kamen, waren Sie noch gar nicht geboren oder noch ein Kind. Sind solche Rollen für einen jungen Schauspieler wie Sie, auch heute noch, mehr als 50 oder 30 Jahre später, eine Inspiration?O’Connor: Ja, definitiv. Und das, obwohl ich in einem Haushalt aufgewachsen bin, in dem eigentlich keine Kinogänger lebten. Wir gingen freitags stattdessen in die Videothek und holten uns eine VHS-Kassette.Spielberg: Ja. (er lächelt milde, breitet die Arme aus, so, als wollte er sagen: Was soll man dazu sagen?)O’Connor: Auf diese Weise habe ich „E.T.“ gesehen, das war der erste Film von Steven, den ich mir angeschaut habe. Leider nicht in einem Kino, sondern auf Video. Ich erinnere mich noch, dass ich früher oft gefragt wurde, welcher Schauspieler mich inspiriert habe, diesen Weg einzuschlagen. Und das war tatsächlich Pete Postlethwaite.WELT: Der 2011 verstorbene, britische Charakterdarsteller, ein Veteran der Royal Shakespeare Company, der in gleich zwei sehr verschiedenen Spielberg-Filmen mitwirkte – in „Jurassic Park: Vergessene Welt“ und „Amistad“. Was bewunderten Sie an ihm?O’Connor: Ich liebte Pete Postlethwaite, einfach, weil er so aussah wie jemand, den ich kennen könnte. Diese Eigenschaft hat mich immer an Schauspielern interessiert. Stevens Filme sind voller ganz gewöhnlicher Menschen, die in außergewöhnliche Situationen geraten. Einige haben Sie ja bereits erwähnt. In diesem Film verhält es sich genauso. In vielen Gesprächen zwischen Steven und mir ging es darum, dass meine Figur Daniel durch eine Art Schneeballeffekt vorangetrieben wird. Er empfindet als Whistleblower eine große Verantwortung. Gleichzeitig gibt es in ihm dieses unterbewusste Gefühl, dass etwas aus seiner Kindheit fehlt oder dass ihm etwas zugestoßen ist, das er ebenfalls aufklären möchte. WELT: Da kommen frühkindliche Kontakte mit Aliens ins Spiel.O’Connor: Aber das läuft eher unter der Oberfläche. Jedenfalls kommt er durch diesen Schneeballeffekt immer wieder in diese verrückten Situationen. Und das ist für einen Schauspieler ein Traum.WELT: In „Disclosure Day“ fürchten sich manche Personen mehr vor der Wahrheit als vor einer Lüge. Warum haben Gesellschaften oft mehr Angst vor Offenlegung als vor Geheimhaltung?Spielberg: Ich glaube, die Gesellschaft im Allgemeinen würde es sehr begrüßen, wenn alle Informationen offengelegt würden. Wobei natürlich nicht alles offengelegt werden sollte. Aber es gibt bestimmte Dinge, von denen ich finde, dass jeder ein Recht hat, sie zu erfahren. Ganz gleich, ob es nun die Regierung ist oder ob es die Mächte des sogenannten Deep State sind, die Technologien außerirdischen Ursprungs ausschlachten – sei es zum eigenen Profit und zur Sicherung eines Wissens- und Machtvorsprungs; oder ob sie tatsächlich fürchten, dass eine Offenlegung, ein „Disclosure Day“, unser gesamtes Weltbild erschüttern könnte, falls sich eines Tages herausstellen sollte, dass wir nicht allein sind. Was auch immer der Grund sein mag: Dieses Phänomen hält sich erstaunlich hartnäckig – seit dem Absturz bei Roswell.WELT: Sie meinen den angeblichen Absturz eines außerirdischen Flugobjekts bei Roswell im US-Bundesstaat New Mexico im Jahr 1947?Spielberg: Ja. Wobei diese Geschichte eigentlich noch weiter zurückreicht. Bis zu den sogenannten „Foo Fighters“ im Zweiten Weltkrieg.WELT: Jenen rätselhaften Lichterscheinungen, von denen alliierte Piloten berichteten.Spielberg: Genau. Dieses Thema begleitet uns inzwischen seit mehreren Generationen. Genau diese Geschichte wollte ich erzählen. WELT: Mr. Spielberg, um noch einmal zurück zur Wahrheit zu kommen. Ihr Film „Die Verlegerin“ handelt von der Veröffentlichung der geheimen Pentagon Papers durch die „Washington Post“. Die Dokumente zeigten, dass mehrere US-Regierungen die Bevölkerung über die Erfolgsaussichten des Vietnamkriegs getäuscht hatten. Als Sie 2018, während der ersten Trump-Administration, mit WELT AM SONNTAG darüber sprachen, sagten Sie, Journalisten hätten mit einem Tsunami aus Halbwahrheiten und Lügen zu kämpfen. In „Disclosure Day“ zeigen Sie nun den Druck, dem Medien heute ausgesetzt sind – in jenem Moment, als Unmengen an geheimen Filmdokumenten weltweit von TV-Sendern hochgeladen werden und ein Produzent fragt: „Ist das jetzt Fake News oder KI?“Spielberg: Ja.WELT: Was ist gefährlicher für eine Demokratie: die Wahrheit nicht zu kennen – oder nicht mehr zu wissen, was Wahrheit überhaupt ist?Spielberg: Nun, wenn Sie auf der einen Seite die Wahrheit haben (er zeigt mit seiner rechten Hand auf seine linke Hand) und auf der anderen eine perfekte Simulation der Wahrheit (er zeigt mit seiner linken auf seine rechte Hand), dann müssen Sie zuerst einmal feststellen, welche dieser beiden Alternativen die eigentliche Wahrheit ist. Oder wie es in unserem Film heißt: jener Wahrheit nachspüren, die sich durch eine Analyse der ursprünglichen, unverfälschten Bildinformation belegen lässt. Früher, vor noch gar nicht so langer Zeit, war es sehr einfach, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Heute ist das sehr, sehr schwierig geworden. Man ist dabei fast schon auf die KI als Werkzeug angewiesen, um dem Nutzer sagen zu können: „Das hier ist wahr und das andere ist gefälscht – also nicht die Wahrheit“. WELT: Dann müsste man der KI vertrauen, was ebenfalls problematisch ist.Spielberg: Ja, denn dann muss man die Frage stellen: „Sagt die KI die Wahrheit?“ Ich weiß es nicht.WELT: Es gibt noch eine andere, sehr überraschende Schnittmenge zwischen Ihren Filmen „Die Verlegerin“ und „Disclosure Day“ – in beiden sehen wir Richard Nixon…Lesen Sie auchSpielberg: Genau, „Disclosure Day“ ist mein zweiter Film, in dem Nixon vorkommt. Sie werden sich erinnern, bei unserem letzten Interview damals haben wir über Nixon gesprochen, er war ja Grundlage für „Die Verlegerin“. Jetzt hat er auch einen Auftritt in „Disclosure Day“.WELT: Diesmal zeigen Sie einen Nixon-Darsteller in einer Szene, die 1973 in Florida spielen soll – eine Anspielung auf eine seit Jahrzehnten kursierende UFO-Legende, die den damaligen US-Präsidenten in Zusammenhang bringt mit einem Besuch einer Militärbasis, wo ihm Überreste von Außerirdischen gezeigt worden sein sollen. (Aus dem Off meldet sich einer der im Raum stehenden PR-Assistenten: Martin, Sie müssen jetzt langsam zum Ende kommen.)Spielberg: Noch eine Frage, nur zu.WELT: Worauf ich eigentlich hinauswollte. Alle Welt weiß, dass Sie eine überbordende Fantasie haben, Mr Spielberg, aber hätten Sie sich, als Sie diese Nixon-Szene drehten, je vorstellen können, dass der amtierende US-Präsident, KI-generierte Fotos von sich postet, die ihn zeigen, wie er ein gefesseltes Alien eskortiert? Spielberg: Nun, davon weiß ich nichts. Ein Bild wie dieses habe ich nie gesehen. Aber ich kann Ihnen verraten, dass jener Schauspieler, der Nixon bereits in „Die Verlegerin“ gespielt hat, ihn auch jetzt in „Disclosure Day“ dargestellt hat. Er ist inzwischen ein bisschen älter, aber es ist derselbe Schauspieler.Zur Person: Steven SpielbergDer am 18. Dezember 1946 in Cincinnati, Ohio, als Sohn einer Konzertpianistin und eines Elektroingenieurs geborene Steven Spielberg wurde nach einem Filmstudium an der California State University 1975 mit „Der weiße Hai“ weltberühmt. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen „E.T.“ (1982), „Schindlers Liste“ (1993) und „Der Soldat James Ryan“ (1998). Spielberg gewann drei Oscars, erhielt die Presidential Medal of Freedom (2015) und die National Medal of Arts (2024).Zur Person: Josh O’ConnorDer am 20. Mai 1990 im englischen Southampton geborene Sohn eines Lehrers und einer Hebamme absolvierte zunächst die Bristol Old Vic Theatre School und wurde mit dem Film „God’s Own Country“ (2017) bekannt. Internationale Aufmerksamkeit erhielt er als Prinz Charles in der Serie „The Crown“ (2019–2020), wofür er einen Emmy gewann. Zu seinen weiteren Arbeiten zählen „The Durrells“ (2016–2019), „Challengers“ (2024), „The History of Sound“ (2025) sowie Theaterauftritte in London.