Grüne Männchen verdienen genauso Respekt wie Influencer mit Modelgesicht: Steven Spielberg lässt in seinem neuen Film die Ausserirdischen landenIn seinem Blockbuster «Disclosure Day» offenbart Hollywoods grösster Fabulierer die Wahrheit über Aliens – und darüber, welche Folgen eine Begegnung für uns Menschen hätte.Daniel Haas11.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWenn es Aliens gibt und sie uns seit Jahren besuchen, gehört das Wissen darum nicht einzelnen Konzernen, sondern der Menschheit: Szene aus «Disclosure Day» von Steven Spielberg.Universal PicturesEmpathie sei die «fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation», hat Elon Musk in einem Gespräch gesagt. Wahrscheinlich hat Steven Spielberg den Satz gehört und als Herausforderung begriffen. «Mitgefühl ist der evolutionäre Vorteil der Menschheit», sagt einer der Helden in seinem jüngsten Film «Disclosure Day». Es klingt wie eine Replik auf Musks vulgäre Auslegung nietzscheanischer Ideen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die ideologischen Fronten sind dementsprechend scharf umrissen in diesem Blockbuster: Hier die humanistisch motivierten Whistleblower, die meinen, die Welt müsse erfahren, dass es Aliens gibt und dass sie uns seit Jahren besuchen. Dort ein mächtiger Tech-Konzern und korrupte Politiker, die ebendieses Wissen vor der Öffentlichkeit verbergen wollen. Zum Wohle der Gesellschaft, klar.Es geht ums GanzeSteven Spielberg sammelt in «Disclosure Day» noch einmal jene Motive ein, die viele seiner Filme prägen: Das Fremde, vorgestellt in der ausserirdischen Zivilisation. Der Einzelne, der sich gegen mächtige Kollektive behauptet. Technologie als Herausforderung und moralische Prüfung. Er tut dies mit einer Inszenierung, die so souverän wie altmodisch ist: Verfolgungsjagden, Monologe im Grundsatzerklärungsstil, das Heldengesicht in Grossaufnahme – formal bleibt alles beim Alten. Und das ist gut so: Wer dramaturgisch so nach den Sternen greift, kann auf ästhetische Kapriolen verzichten.Es geht ums Ganze, das heisst um die Wahrheit und darum, wie sie sich in einer von Medien manipulierten und verzerrten Welt erkennen lässt. Wenn ein Tech-Konzern – hier heisst er Wardex, man könnte ihn aber auch Starlink oder Meta nennen – Informationen nach Gutdünken kontrolliert und distribuiert, dann geraten die Wirklichkeit und unsere Wahrnehmung von ihr ins Wanken. Und wenn es zudem um extraterrestrische Lebensformen geht, wird die Sache dramatisch. Was bedeutet es für unser Selbstverständnis, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind?Aliens im Landeanflug auf die Erde: Szene aus «Disclosure Day» von Steven Spielberg.Universal PicturesDaniel Kellner (Josh O’Connor) ist ein Wiedergänger von Edward Snowden, nur dass er nicht die CIA verpfiffen hat, sondern Konzerne wie die von Musk, Altman und Co. Schon seit den 1940er Jahren, so der Plot, haben Behörden, Militär und Konzerne Kontakt zu Aliens. Sie internieren sie in Camps, erforschen sie und machen sich ihr Know-how zunutze. Kellner sagt, dieses Wissen dürfe nicht der Besitz Einzelner sein; es gehöre acht Milliarden, also uns, der Weltbevölkerung.Wer sich jetzt an Debatten um die Besitzverhältnisse und die Nutzung der KI erinnert fühlt, liegt richtig: So wie grosse KI-Player ihre Codes der Öffentlichkeit entziehen, so schirmen hier die Mächtigen die Mehrheit von zentralen Wissensbeständen ab. Dass es superintelligente, den Weltraum bereisende Ausserirdische gibt, darüber möchte man schliesslich doch informiert werden.Josh O’Connor spielt die Hauptrolle des Daniel Kellner, der ein Wiedergänger des Whistleblowers Edward Snowden sein könnte.Universal PicturesDer Whistleblower kann die Revolte allerdings nicht allein anzetteln, deshalb hat er eine Gefährtin. Margaret Fairchild (Emily Blunt) sagt das Wetter für einen Regionalsender an. Sie ist ehrgeizig, aber bis zum erträumten Job als Anchor-Lady ist es noch weit. Dann flattert ihr ein Vogel ins Apartment, zirpt ein paarmal, und von da an kann die Lokalreporterin alle Sprachen sprechen und Dinge erklären, als sei sie selbst eine KI. Gemeinsam mit Kellner wird sie den grössten Skandal der jüngeren Geschichte anzetteln. Ein Aufklärungsprojekt, gegen das Watergate und die Panama-Papers wirken wie harmloser Tratsch.Magisches Zirpen: Margaret Fairchild (Emily Blunt) kann nach einer Begegnung der dritten Art mit einem Vogel alle Sprachen sprechen und Dinge erklären, als sei sie selbst eine KI.Universal PicturesHärte, Pathos und HumorColin Firth, spätestens seit «The King’s Speech» die Fachkraft für gehemmte Verstandesmenschen, bewährt sich hier als Mastermind im Zeichen des Bösen. Er führt die Armada von Schurken an, die Kellner und Fairchild über 145 Minuten lang nachstellen. Wie es sich für einen Bösewicht gehört, trägt er schwarze Anzüge mit Rollkragenpulli – beim Kostümbild hat sich Spielberg nicht ganz so viel Mühe gegeben wie bei der filmischen Narration. Die aber ist atemberaubend und blendet zwischen Action und Dialogen, Gefühligkeit und Härte, Pathos und Humor so rasant hin und her, dass selbst Instagram-gedopte Hirne bei der Stange bleiben.Colin Firth bewährt sich als Mastermind im Zeichen des Bösen.Universal PicturesUnd keine Minute gerät das Anliegen dieser Erzählung aus dem Blick: Wie wichtig ist es, dass wir die Wahrheit kennen – über uns, die Grundlagen unserer Zivilisation, ja des Menschseins? Entsprechend ist in den Film ein religionskritischer Diskurs eingewoben.Jane Blankenship (Eve Hewson), die dritte wichtige Akteurin, sucht Zuflucht in einem Kloster. Dort fragt sie die Äbtissin, ob mit der Entdeckung von Aliens die Genesis nicht hinfällig sei. Der Mensch solle sich die Erde untertan machen, sagt die Geistliche, vom Weltall sei in den Schriften nicht die Rede. Und überhaupt: «Warum sollte Gott ein so grosses Universum schaffen und es dann nur uns überlassen?» So lapidar lässt sich eine theologische Debatte führen und abschliessen: Gottes Wille reicht bis in die fernste Galaxie, und auch wenn einer aussieht wie E. T., ist er trotzdem ein Kind des Herrn. Amen.Jane Blankenship (Eve Hewson) beschäftigt die Entdeckung der Aliens aus theologischer Perspektive. Das gefällt nicht allen.Universal PicturesDieser quasireligiöse Zug macht Spielbergs Film sympathisch: Der Fluchtpunkt menschlichen Handelns muss eine gütige, allliebende Instanz sein, die grüne Männchen genauso respektiert wie Influencer mit Modelgesicht. Toleranz hört nicht an der Haustüre auf, wenn man die Haustüre als Stratosphäre versteht. Und dass man Aliens in Lagern kaserniert und quält wie weiland Dr. Mengele seine Opfer, das geht erst recht nicht.Dies ist freilich einer der wenigen Schnitzer in dem sonst grossartigen Film: dass er mit den historisierenden Schwarz-Weiss-Aufnahmen von Ausserirdischen, die in KZ-ähnliche Camps abgeführt werden, einen ganz und gar pietätlosen Vergleich anstellt. Man sollte die Shoah bildnerisch nicht verwerten, ihre Ikonografie sprengt alle Grenzen ästhetischer Rezeption.Im Übrigen können Tech-Nerds sich schon einmal ein paar Kniffe abschauen. Die neuesten Devices und irrsten Programme, Kommunikation per Gestaltwandlung und Avatar-Transformationen für alle – so, wie’s hier gezeigt wird, könnte es aussehen, unser Leben, irgendwann. Für alle anderen gilt: Bevor dir vor lauter Wahrheit der Vogel rausfliegt, muss er erst mal in deinem Wohnzimmer landen.Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit. Im Kino (145 Minuten).Passend zum Artikel