Im Film sind Aliens immer ein Spiegelbild des Zeitgeists. Steven Spielberg zeigt sie jetzt als ganz liebe Wesen. Die die bösen Menschen Mitgefühl lehren sollen.Jens Balkenborg14.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenWieso kann sie plötzlich den Menschen durch die Augen in den Kopf schauen? Emily Blunt in «Disclosure Day».Niko Tavernise / Universal Pictures and Amblin Entertainment via APDie Menschheit hat einen Vogel. Zugleich könnte sie so einen wie den kleinen roten Kardinal, der in Steven Spielbergs «Disclosure Day» durchs Fenster flattert, gut gebrauchen. Der Piepmatz schaut der TV-Wetterfröschin Margaret (Emily Blunt) tief in die Augen, kurz darauf spricht sie mit ihrem perplexen Freund Russisch, später im Studio mit einem Gast Koreanisch. Und wieso kann sie plötzlich den Menschen durch die Augen in den Kopf schauen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf der anderen Seite der Geschichte, die der 79-Jährige nach einem gemeinsam mit seinem immer wieder abonnierten Kreativpartner David Koepp geschriebenen Drehbuch entfaltet, steht Daniel (Josh O’Connor). Er ist Cybersecurity-Experte im Edward-Snowden-Modus. Jahrelang hat er für die staatliche Schattenbehörde Wardex gearbeitet und will jetzt leaken, was seiner Meinung nach die gesamte Menschheit wissen sollte: dass es ausserirdisches Leben gibt.Zu Beginn des zunächst paranoiamässig verknoteten Plots soll er den Inhalt seines Rucksacks herausrücken, damit seine Freundin freigelassen wird. Darin: ein extraterrestrischer Stein und eine Ladung USB-Sticks mit Aufnahmen, die belegen, dass Ufos in Roswell abgestürzt sind. Die Aliens, die in einem später gezeigten Video bestialisch untersucht werden und in einem anderen neben Richard Nixon durchs Bild laufen, treten in popkulturell aufgeladener Retrogestalt auf: lange Gliedmassen und Finger, gewaltiger Kopf und untertellergrosse Augen. Gejagt werden Margaret und Daniel vom fiesen Wardex-Chef (Colin Firth), der ihnen an den Fersen klebt und alles unter den Tisch fallen lassen will.Spielberg hat sich wie kein Zweiter mit kindlicher Faszination der Idee gewidmet, dass wir nicht allein sind. Auch wenn es in «War of the Worlds» (2005) um eine planetare Bedrohung ging, die eine Familie zusammenschweisst, so ist der Amerikaner doch vor allem ein Freund der friedlichen Begegnung. «E. T.» (1982) brachte Menschlichkeit und Mitgefühl und wollte mit leuchtendem Finger nach Hause telefonieren. In «Close Encounters of the Third Kind» (1977), an den er mit «Disclosure Day» thematisch anknüpft, bändigen musikbegabte interstellare Gäste die Angst vor dem Fremden: eine Science-Fiction-Empathiemaschine gegen die Traumata des Kalten Krieges.Das Alien als Botschafter von Mitgefühl und Menschlichkeit: Steven Spielbergs E. T..ImagoDas Alien selbst ist im Kino in ständigem Wandel begriffen und immer, ob in humanoider oder transhumaner Form, ein Spiegelbild. In Stanisław Lems Klassiker «Solaris», der 1972 von Andrei Tarkowski verfilmt wurde, ganz buchstäblich als Ozean, der die Menschen auf einer Raumstation mit ihrem Innersten und mit Vergangenem konfrontiert. Sigourney Weaver plagte sich in der «Alien»-Reihe mit dem extraterrestrisch-ekligen Tötungs- und Reproduktionsspezialisten und damit menschlichen Urängsten herum. Im Invasionsszenario von «Independence Day» (1995) retteten die Amerikaner – wer sonst! – die Welt vor ausserirdischer Bedrohung – ein biblisch grundiertes Patriotenpamphlet. Und in «Nope», einem Hybrid aus Western und Science-Fiction, war die Begegnung mit den aggressiven anderen zugleich eine Reflexion über Schaulust und Sichtbarkeit.Zuletzt zeigte die erste Staffel von Vince Gilligans Serie «Pluribus» eine Welt, in der alle Menschen bis auf wenige durch ausserirdischen Einfluss zu einem grossen, jeglicher Individualität beraubten, empathischen, nachhaltig agierenden Gesamtorganismus verschmelzen. Weltfrieden und Einigkeit durch ein Ende dessen, was den Menschen zum Menschen macht?Auch Spielberg geht es um die Empathie als Kern des menschlichen Zusammenlebens, allerdings lange nicht so subversiv wie bei Gilligan. «Hab keine Angst vor dem, was du nicht kennst», lautet die grosse Botschaft von «Disclosure Day», die in Alien-Klicksprache formuliert wird. Es braucht nicht viel Phantasie, um den Film auch als Kommentar zur rigiden amerikanischen Abschiebepolitik und zu unserer polykriselnden Gegenwart zu lesen. Am Rande ist von Krisen die Rede, Nordkorea rasselt mit den Säbeln, und die Menschen hamstern in einer Szene eine Tankstelle leer.Sicher, die Verfolgungsjagden, die rasante, manchmal unfreiwillig komische Action ist nett anzusehen – anders als die wirklich furchtbar künstlich wirkenden, computergenerierten Tiere, die im Film eine zentrale Rolle spielen. So wirklich reisst «Disclosure Day» aber nicht mit, einerseits, weil Spielberg das Ganze vor knapp fünfzig Jahren inspirierter und stimmungsvoller inszeniert und dem Alien-Film damit, anders als jetzt, einen neuen Sound hinzugefügt hat, und andererseits, weil recht schnell klar wird, auf welch versöhnlichen Schluss der Film hinauswill. Auch die penetrant formulierte Frage, wie ein Glaubenssystem, das einen Gott ins Zentrum stellt, durch Aliens erschüttert wird, wirkt arg angestaubt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel