Messerangriff in Belfast heizt rassistische Spannungen in Grossbritannien weiter anEin sudanesischer Asylbewerber hat in Belfast einen Mann niedergestochen. Die Tat befeuert die ohnehin aufgeheizte Debatte über die britische Migrationspolitik.Claudia Wanner, London10.06.2026, 16.12 Uhr5 LeseminutenDer Morgen danach: Arbeiter machen sich am Mittwoch daran, die Schäden der rassistisch motivierten Ausschreitungen in Belfast zu beheben, und ersetzen Dutzende von eingeschlagenen Fensterscheiben notdürftig.Andreas Becker / EPABrennende Häuser, Autos in Flammen, ein verkohlter Bus, schwelende Abfallcontainer, Molotowcocktails gegen Polizisten: In der nordirischen Hauptstadt Belfast sind in der Nacht auf Mittwoch Unruhen eskaliert. Vorausgegangen war die Messerattacke eines sudanesischen Asylbewerbers auf einen 44-jährigen Schotten, der bei dem Angriff vom Montag schwere Verletzungen erlitten und ein Auge verloren hat. Augenzeugen beschrieben den Vorfall als versuchte Enthauptung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Dienstag hatte die Polizei in der Region zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen. Politiker in Nordirland überwanden ihre Gegensätze und riefen in seltener Eintracht zur Zurückhaltung auf. Vergeblich – die Proteste schlugen in mehreren Vierteln der Stadt in Gewalt um.Am Dienstagabend zogen Männer durch die Strassen, viele davon hatten ihr Gesicht mit Sturmhauben unkenntlich gemacht. Sie hätten dabei gezielt nach Menschen aus ethnischen Minderheiten gesucht. Als «rassistisches Pogrom» bezeichnete Claire Hanna, eine Labour-Abgeordnete aus Belfast, die schweren Ausschreitungen. «Wir sehen Männer von Haus zu Haus gehen, die nach Ausländern suchen, ausschliesslich aufgrund deren Hautfarbe.»Menschen seien angegriffen worden, «weil sie schwarz sind», bestätigte Jack McKee, ein Pastor aus Belfast, der in der Nacht Gläubigen aus seiner Gemeinde zu Hilfe geeilt ist. Angegriffen wurden unter anderem ein arabischer Lebensmittelladen und ein türkischer Barber-Shop. Islamische Gemeinden sagten das Abendgebet ab. Zahlreiche Personen mussten von den Rettungsdiensten evakuiert werden, darunter ein zwei Monate altes Baby.Auch Elon Musk heizt die Stimmung aufAngestachelt wurden die Unruhen noch durch Agitatoren aus dem In- und Ausland. Der rechtsextreme Aktivist Stephen Yaxley-Lennon, der sich selbst Tommy Robinson nennt, rief in sozialen Netzwerken nach «einem weiteren Angriff eines Eindringlings auf unser Volk» zu Protesten in ganz Grossbritannien auf. Der amerikanische Tech-Milliardär Elon Musk prangerte in zahlreichen Beiträgen vermeintliche Missstände im Vereinigten Königreich an und forderte: «Nur durch wiederholte und lautstarke Proteste wird es eine Veränderung geben!!»«Millionen müssen gehen», schrieb der radikal rechte Unterhausabgeordnete Rupert Lowe unter einem Foto des Angreifers aus Belfast. Jim Allister, der Vorsitzende der Traditional Unionist Voice, einer Partei protestantischer Hardliner in Nordirland, fragte im Parlament, was getan werde, «um den Import einer fremden Kultur zu stoppen, die es für angemessen hält, jemanden innerhalb des Vereinigten Königreichs zu enthaupten?» Ermittler betonten unterdessen, dass es bisher keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund des Angriffs gebe.«Die Menschen sind zu Recht angewidert von dem schrecklichen Angriff am Montagabend im Norden Belfasts», sagte Premierminister Keir Starmer am Dienstag im Unterhaus. Der festgenommene Angreifer sei bereits am Morgen vor Gericht gestellt und angeklagt worden. «Aber lassen Sie mich eines klarstellen: Die darauffolgenden Gewalttaten und Brandstiftungen sind absolut ungerechtfertigt», ergänzte er und forderte zu Ruhe und Unterstützung der Polizei auf.Lange Zeit sehr wenig ZuwanderungNordirland ist die ethnisch am wenigsten diverse Region des Vereinigten Königreiches. Jahrzehntelang war sie durch die «Troubles» geprägt, gewaltsame Konflikte zwischen überwiegend protestantischen probritischen Unionisten und meist katholischen irischen Nationalisten. Nicht zuletzt wegen dieser Auseinandersetzung war die Zuwanderung in die Region lange gering. Laut der Volkszählung von 2021 sahen sich 96,6 Prozent der in Nordirland lebenden Menschen als «weiss».In den vergangenen Jahren hat die Zuwanderung zugenommen, insbesondere im Gesundheitswesen nimmt die Zahl der Beschäftigten mit Migrationshintergrund zu. Sowohl in Nordirland als auch in Teilen der Republik Irland ist eine zunehmend härtere Haltung dagegen spürbar. Die nordirische Polizei berichtet von vermehrten rassistisch motivierten Gewalttaten in der Region.Grüne Grenze zwischen Irland und NordirlandDer Angriff vom Montag löste in Grossbritannien erneut eine politische Debatte über die Sicherheit der Grenzen aus. Der Sudanese war nach Polizeiangaben über Dublin nach Belfast gereist, um dort Asyl zu beantragen. Er hatte eine befristete Aufenthaltserlaubnis im Land. Zwischen dem Vereinigten Königreich und der Republik Irland werden in der sogenannten «Common Travel Area» keine Personenkontrollen durchgeführt. Beide Staaten erheben regelmässig Vorwürfe, dass die grüne Grenze den Zustrom von Migranten befördere.Kleinere Proteste wurden am Dienstag auch aus anderen Landesteilen gemeldet, unter anderem aus Glasgow und Edinburgh. In London blockierten Demonstranten kurzzeitig den Platz vor den Houses of Parliament.Grossbritannien war bereits in der vergangenen Woche von Ausschreitungen erschüttert worden, die durch das Verbrechen eines Angreifers mit Migrationshintergrund ausgelöst worden waren. In Southampton war es Anfang vergangener Woche zu Demonstrationen und heftigen Protesten gekommen, nachdem der Mörder des 18-jährigen Studenten Henry Nowak verurteilt worden war. Hunderte Demonstranten griffen Polizisten an und verletzten elf Beamte. Im Zusammenhang mit dem Prozess war bekannt geworden, dass die Polizisten den sterbenden, weissen Teenager in Handschellen gelegt hatten, nachdem der Angreifer, der der Religionsgemeinschaft der Sikh angehört, fälschlicherweise behauptet hatte, Opfer einer rassistischen Attacke geworden zu sein.Die Familie des Opfers hatte zur Ruhe aufgerufen, doch rechtspopulistische und rechtsextreme Akteure nutzten das Verbrechen, um Vorwürfe einer rassistischen Voreingenommenheit der britischen Polizei gegen Weisse anzuheizen.Grossbritannien ärgert sich über ausländische AgitatorenEinflussreiche Personen aus dem Ausland hatten auch bei diesen Protesten die Stimmung noch angeheizt. Das amerikanische Aussenministerium warf Grossbritannien in einer offiziellen Mitteilung die «ideologische Konditionierung und eine Zwei-Klassen-Justiz bei der Polizeiarbeit» vor und warnte vor «eklatanten Symptomen eines zivilisatorischen Niedergangs». Laut dem amerikanischen Vizepräsidenten J.D. Vance wäre das Opfer noch am Leben, wenn europäische Eliten standhaft geblieben wären gegen «die Masseninvasion von Migranten». Und Musk meldete sich nach Berechnungen der «Financial Times» in der vergangenen Woche dreimal so häufig zu dem Vorfall in Southampton zu Wort wie zum bevorstehenden Börsengang seines Unternehmens SpaceX.Britische Politiker reagieren zunehmend entnervt auf diese Einmischungen von aussen. Sie verstehe, dass die Spannungen hoch seien, dass Menschen verängstigt und wütend seien, sagte die nordirische Justizministerin Naomi Long. Doch böswillige Akteure hätten die Situation genutzt, um Rassismus in der Stadt zu schüren. «Was mich beunruhigt, sind Menschen, die bis gestern kaum Belfast auf einer Karte gefunden hätten, die jetzt online sind, Hetze teilen und die ehrliche Angst der Menschen vor den Geschehnissen instrumentalisieren, um zu versuchen, das Ganze in eine Anti-Zuwanderungs-Debatte oder einen rassistischen Protest zu verwandeln.»Passend zum Artikel
Messerangriff in Belfast: Flammen, Proteste und politische Spannungen
Ein sudanesischer Asylbewerber hat in Belfast einen Mann niedergestochen. Die Tat befeuert die ohnehin aufgeheizte Debatte über die britische Migrationspolitik.











