Taktische Experimente sollte es in der unmittelbaren WM-Vorbereitung keine mehr geben, hatte Julian Nagelsmann im März gesagt. Tatsächlich setzt der Bundestrainer für das Turnier auf bewährte Strukturen. Die deutsche Nationalmannschaft zeichnet sich vor allem über das Spiel im eigenen Ballbesitz aus, für das sie aus der 4-2-3-1-Grundformation in einen Dreieraufbau übergeht.Anders als bei der Heim-EM vor zwei Jahren entsteht der Dreieraufbau aber nicht durch das „Herauskippen“ eines Sechsers, damals Toni Kroos. Stattdessen ist es nunmehr Rechtsverteidiger Joshua Kimmich, der neben den beiden Innenverteidigern den dritten Mann für den Spielaufbau gibt. Damit kann der Kapitän des Teams für die Phase des eigenen Ballbesitzes weiterhin eine zentrale und prägende Rolle einnehmen, obwohl er gegen den Ball als Teil der Viererkette gebraucht wird.Die Aufbaustruktur erinnert an den FC BayernIn der Folge ist in der Nationalmannschaft die gleiche sogenannte 3-1-Aufbaustruktur möglich, wie sie Kimmich beim FC Bayern mit seinem Teamkollegen Aleksander Pavlović spielt und kennt – drei Mann in der ersten Linie, ein weiterer davor.Während Kimmich und Pavlović bei Bayern als Doppel-Sechs diese Positionen zusammen mit den Innenverteidigern besetzen, besteht die 3-1-Struktur in der Nationalmannschaft aus den Innenverteidigern, Kimmich als Rechtsverteidiger und Pavlović als einem der beiden Sechser.Wo ist der Raum? Kimmich und Nmecha (rechts)dpaWelcher Spieler die andere Sechserposition neben Pavlović erhalten würde, gehörte bis zuletzt zu den offenen Fragen. Nach den Testspielen gegen Finnland und die USA spricht fast alles dafür, dass Felix Nmecha von Borussia Dortmund dort als Stammkraft in die WM starten wird.Bei eigenem Ballbesitz bewegt sich Nmecha offensiver als Pavlović, der meistens den Raum vor der Verteidigung besetzt hält. Nmecha schiebt in den rechten Halbraum und kann von dort viel in die Breite oder in die Tiefe gehen. Damit ist er deutlich weniger in das Aufbauspiel eingebunden als bei seinem Verein und mehr in späteren Phasen der Angriffe. Seine Qualitäten unter hohem Druck, in Verbindung mit seiner Physis, kommen so besser zur Geltung als im defensiven Mittelfeld, während seine Inkonstanz in der Entscheidungsfindung weniger ins Gewicht fällt.Bei den Testspielen im März hatte Nmechas Rolle noch Leon Goretzka inne, ein ähnlicher Spielertyp, nur noch athletischer und dafür nicht ganz so spielstark. Goretzka rückte als offensiver Sechser damals auf eine zentrale Zehnerposition nach vorne. Im Vergleich dazu lässt Nagelsmann nun Nmecha auf einer rechten Halbposition spielen.Auffällig gegen die Amerikaner: Weniger Momente der eigenen StärkeDiese kleine Umstellung hat zwei Vorteile: Erstens kann Nmecha zunächst näher an den Aufbauräumen bleiben und hat bei Ballverlusten kürzere Wege nach hinten. Zweitens darf Jamal Musiala eine zentrale Zehnerposition mit vielen Freiheiten spielen, anstatt nach halb rechts ausweichen zu müssen. Dadurch ist der Abstand zu Linksaußen Florian Wirtz kürzer und das Kombinationsspiel der beiden häufiger möglich.Gerade gegen Finnlands Defensivblock kam das deutsche Ballbesitzspiel gut zur Geltung. Nicht ganz so störungsfrei verlief das letzte Testspiel beim knappen Sieg über die USA. Zum einen begab sich das deutsche Team nach der frühen Führung selbst vermehrt in eine passive Rolle und überließ dem Gegner das Spiel, hatte damit aber weniger Ballbesitzphasen – also weniger Momente der eigenen Paradedisziplin.Gegner im Blick: Sané verfolgt RobinsonAFPZumindest im Vergleich mit dem klassischen Mittelfeldpressing könnte das ganz tiefe Abwehrpressing aber ein wichtiges Werkzeug für das Turnier werden. Nagelsmann hat zuletzt angekündigt, entweder ganz weit vorne pressen zu wollen oder sich ganz weit zurückzuziehen – kein Dazwischenstehen, wie der Bundestrainer das nannte.Zum anderen setzten die Amerikaner wesentlich häufiger auf ein hohes Pressing als die tief stehenden Finnen, um das deutsche Ballbesitzspiel gar nicht erst aufkommen zu lassen. Diese Idee ging auf, weil der Aufbau des DFB-Teams gegen hohes Anlaufen noch weniger gefestigt daherkommt als das kontrollierte Ballbesitzspiel gegen passive Defensiven.Beim Abstoß beginnt die deutsche Mannschaft anstelle des 3-1-Aufbaus in einem 4-1-Aufbau mit zwei flach stehenden Außenverteidigern. Diese bleiben also in risikoarmen Defensivpositionen, statt vorzuschieben und Raum zu öffnen. Dadurch gibt es aber wenig Platz, um das Pressing per Dreiecksspiel zwischen Torwart, Sechser und Innenverteidiger zu brechen. Stattdessen ist das Team darauf angewiesen, dass die Offensivspieler in hohen Positionen starten, dynamisch entgegenkommen und unter Druck in den Lauf angespielt werden.Solche Spielzüge sind eine reine Frage des Timings. Gegen die USA passte es noch nicht so gut. Die Ballverluste mündeten – verstärkt durch einzelne Nachlässigkeiten im Rückzugsverhalten – in die zahlreichen gegnerischen Torabschlüsse aus der Endphase der ersten Halbzeit. Auf einer anderen Baustelle machte das deutsche Team nach der Halbzeit des letzten Testspiels einen großen Schritt voran – beim eigenen hohen Anlaufen. Die zweite Hälfte gegen die USA war Feinschliff, wie die Offensivspieler sich für das Pressing schnell genug ihren Gegnern zuordnen.Im Gesamtbild macht das DFB-Team einen guten Eindruck, ist vor allem so stabil wie seit Jahren nicht, wenn auch in letzter Instanz noch nicht titelreif.
Fußball-WM 2026: Das steckt hinter der deutschen Taktik
Der Bundestrainer lässt Joshua Kimmich im Aufbau vom Verteidiger in die zentrale Rolle rücken. Mit Felix Nmecha wirkt das DFB-Team stabiler, aber noch nicht vollendet.






