Der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und sein Vorgänger teilten sich am Freitagmittag die volle Aufmerksamkeit in Herzogenaurach. Während Manuel Neuer für eine Fan-Schlange sorgte, ehe er Autogramme schrieb und Selfies machte, sprach Joshua Kimmich ein paar hundert Meter weiter über schlechte WM-Erfahrungen, ein gutes WM-Gefühl und, natürlich, über WM-Rückkehrer Neuer – für Kimmich „der beste Torhüter aller Zeiten“.Die Debatte, seit öffentlich wurde, dass der Rücktritt von 2024 doch kein endgültiger war, empfindet Kimmich als „ein bisschen zu negativ behaftet“. Sportlich dürfe es diese Diskussion „nicht geben“. Die Enttäuschung des degradierten Oliver Baumann könne er verstehen. „Ich wäre enttäuscht, wenn er nicht enttäuscht wäre.“Joshua Kimmich: „Siege geben Selbstvertrauen“Baumann wird dennoch an diesem Sonntag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu DFB-Länderspielen und im ZDF) im ersten von zwei Tests vor WM-Start gegen Finnland spielen, weil Neuers Wade verhärtet ist und Bundestrainer Julian Nagelsmann entschied, nichts zu riskieren. Die anderen Spieler, abzüglich Kai Havertz, der mit Arsenal das Champions-League-Finale bestreitet, sollen in Mainz „Vertrauen entwickeln, Rhythmus aufbauen“ und ein gutes Ergebnis erzielen: „Siege geben Selbstvertrauen.“Anders als bei der EM vor zwei Jahren fokussiert sich dieser Tage mehr auf Kimmich. Seinerzeit standen neben ihm Neuer, Toni Kroos, Thomas Müller und İlkay Gündoğan in der ersten Reihe, auf und neben dem Platz. Sie sind nicht mehr dabei – außer Neuer.Der hält sich auf dem Trainingsplatz, auf dem Kimmich den Ton angibt, noch im Hintergrund. Nagelsmann nennt Kimmich seinen „Leader auf dem Feld“ und an erster Stelle, wenn es um die „zentralen Figuren“ seines WM-Gerüsts geht, neben Neuer, Florian Wirtz, Jamal Musiala und Havertz.Diese zentrale Stellung Kimmichs, selbst wenn er nicht im Mittelfeldzentrum spielt, führt zu einer Frage, die noch Sorgen bereiten könnte: Wer ersetzt den „Leader“, wenn der die Elf nicht anführen kann und auf seiner Position ersetzt werden muss? Einen originären Rechtsverteidiger hat Nagelsmann nicht nominiert, um mehr Offensivoptionen zu haben. Der Bundestrainer sagt aber: „Sollte Joshua etwas passieren, wovon wir nicht ausgehen, wird nicht alles zusammenbrechen, wir haben schon Ideen.“Nagelsmann nennt keinen Namen, viele VariablenFür die Ersatzlösung nennt Nagelsmann nicht einen Namen, sondern viele Variablen: Passiert der Ausfall vor oder in einem Spiel? In der Gruppenphase oder der K.-o.-Runde? Braucht es Defensiv- oder Offensivstärke? Jamie Leweling würde Letztere ins Spiel bringen, Innenverteidiger wie Jonathan Tah, Antonio Rüdiger oder Waldemar Anton würden Abwehrkräfte stärken.Ein ähnliches Profil wie Kimmich hat Pascal Groß, der die Versetzung aus den Vereinen kennt. Eine weitere Option ist Linksverteidiger Nathaniel Brown, auch er kennt den Seitenwechsel: „Ich habe in Frankfurt zwei, drei Spiele rechts gemacht, das ist ganz cool.“ Eine weitere Idee, unabhängig von Namen, ist die Umstellung von Vierer- auf Dreierkette.Der anhaltende Mangel an offenkundigen Rechtsverteidiger-Alternativen sorgte 2024 zur Rückversetzung in die Abwehrreihe. Über all die Jahre – am Freitag vor zehn Jahren bestritt Kimmich sein erstes von 108 Länderspielen – wurde aus Joshua nicht nur Jo, sondern auch Jo-Jo.Weit entfernt von Erfolgen bei WeltmeisterschaftenUnter Nagelsmann ist der Springinsfeld, abgesehen vom missglückten Versuch zu Beginn der WM-Qualifikation, rechts gesetzt. Anders als beim FC Bayern, wo er das Spiel aus der Mittelfeldzentrale steuert und jüngst mit dem Meistertitel und dem Pokalsieg die nächsten Vereinstitel gewann.Von Titeln war Kimmich mit der Nationalelf – abgesehen vom Confederations Cup und dem EM-Sieg mit der U 19 – weit entfernt, vor allem bei Weltmeisterschaften. In seiner Vita stehen sechs Gruppenspiele und zwei Enttäuschungen. Die Aussagen nach dem Aus 2022 über den „schlimmsten Tag meiner Karriere“ und die Angst, in ein Loch zu fallen, sind unvergessen.So wird diese WM auch ein Kampf gegen das fortwährende Scheitern auf der Weltbühne, auch wenn Kimmich kaum darüber reden mochte. „Das sollten wir nicht mit ins Turnier nehmen“, sagte er. „Es ist eine neue Chance, eine neue Mannschaft.“ Er freue sich extrem, die WM zu spielen. Seine letzte? Nicht, wenn es nach Kimmich geht: „Ich habe Bock, noch ein paar Jahre für die Nationalmannschaft zu spielen.“ Dennoch: 2030 wird Kimmich 35 Jahre alt sein. Im aktuellen WM-Kader sind nur Neuer und Baumann älter.Kimmich ist zuzutrauen, auch in vier Jahren voranzugehen. In der Rolle als Kapitän, die er von Neuer übernahm und trotz dessen Rückkehr behält, dient er als „Vorbild“, wie Nagelsmann sagt. Auch Sportdirektor Rudi Völler hat Kimmichs Extramotivation beobachtet: „Man merkt seinen Ehrgeiz, er will unbedingt etwas gewinnen, er will als Fahnenträger vorneweg marschieren.“ Es soll bei dieser WM nur nicht wieder früh eine weiße Fahne sein.
Fußball-WM 2026: Joshua Kimmich führt DFB-Team in Vorbereitung an
Auch wenn er unter Julian Nagelsmann nicht mehr in der Mittelfeldzentrale spielt, steht Joshua Kimmich bei der WM mehr denn je im Zentrum des DFB-Teams. Wer aber kann ihn ersetzen, wenn er ausfällt?
Joshua Kimmich führt die DFB-Auswahl als unbestrittener Kapitän in die WM 2026 an – mit 108 Länderspielen und nach zwei Turnier-Frühausscheiden 2018 und 2022 unter erheblichem persönlichem Erfolgsdruck. Manuel Neuers Rückkehr und das Fehlen eines echten Rechtsverteidiger-Backups bleiben die strukturellen Schwachstellen im Nagelsmann-Gerüst vor Turnierstart.












