Als Joshua Kimmich in der vergangenen Woche am freien Tag der Nationalmannschaft im Hörsaal in der Wake Forest University erschien, wurde das die längste und eine der informativsten Lehrveranstaltungen seit der Ankunft in der Vereinigten Staaten. Eine knappe Dreiviertelstunde saß der Kapitän auf dem Podium, und auch, wenn er selbst einmal anmerkte, wie lange das schon dauere, antwortete er mit Geduld und Substanz auf nahezu jede Frage.Das ist die Rolle, in der man Kimmich schon seit einer Weile erleben kann, bei seinem Klub, dem FC Bayern, aber auch in der Nationalmannschaft: Man kann ihn alles fragen, weil er auf alles eine gute und gar nicht selten auch schlagfertige Antwort hat, selbst wenn es um Dinge geht wie pinkfarbene Schuhe, seinen grünen Daumen oder die Suche nach einem Nachfolger für den Maskottchen-Kanarienvogel Ringo von der Heim-EM – die Geschichte von der Schlange im Teamquartier war in der Welt.Als Kimmich am Donnerstagabend nach dem 1:2 im letzten WM-Gruppenspiel in der Mixed Zone des Stadions von East Rutherford stand, war das zwar grundsätzlich eine andere Gesprächssituation, hier geht es eher zu wie im Kurzkolloquium. Aber auffällig war es schon, dass Kimmich, der erste Anführer und Erklärer der Nationalmannschaft, auf die Frage eines Reporters, die sich ihm in rhetorischen Schlangenwindungen näherte, eine eher schmallippige Antwort gab: „Das ist einzig und allein die Entscheidung des Trainers, und da, wo er das Gefühl hat, dass ich am besten weiterhelfen kann, wird er mich aufstellen, und da spiele ich dann auch.“Klar, Kimmich hat sie oft gehört, diese Frage, in so vielen Facetten, wie es Schlangen in der amerikanischen Wildnis gibt, und klar ist auch, dass jede andere Antwort, die er gegeben hätte, zwar den Reportern Freude bereitet hätte, aber nicht ihm und dem Bundestrainer. Aber wenn man Kimmich bei dieser Weltmeisterschaft spielen sieht, drängt sich der Eindruck auf, dass da etwas nicht ganz stimmt. Ein bisschen wie der Kimmich vor der Schlange, und das nicht nur in seiner defensiven Rolle gegen Yan Diomande im Spiel gegen die Elfenbeinküste.Dafür, dass Kimmich gerade mit Ball einer der wichtigsten Spieler der deutschen Mannschaft sein müsste, wirkt er auf seiner Position als Rechtsverteidiger zu oft zu unwichtig. Und so, wie die deutsche Mannschaft dort spielt, wo oft die wichtigen Spiele entschieden werden, im Zentrum, hat man den Eindruck: Dort fehlt ihr etwas. Etwas, das ihr die Kombination mit Felix Nmecha und Aleksandar Pavlović gegen die Elfenbeinküste und nun gegen Ecuador nicht hat geben können. Was sie aber brauchen wird, wenn sie bei diesem Turnier noch mal nach East Rutherford wiederkommen möchte, zum Finale am 19. Juli.Nmecha, das ist auch in den Vorlesungen in Winston-Salem schon oft genug herausgearbeitet worden, ist eine deutsche Entdeckung dieser Weltmeisterschaft, und auch wenn sich gegen Ecuador die eine oder andere Schwäche einschlich, können er und der Bundestrainer mit Recht auf die lange Verletzungspause verweisen, aus der Dortmunder gerade noch rechtzeitig für die WM zurückgekehrt ist. Vielleicht hätte es Nmecha gut getan, gegen Ecuador schon von Beginn an eine Pause zu bekommen und nicht erst nach 64 Minuten. Aber er ist nun einmal einer der Spieler, auf die Nagelsmann am wenigsten verzichten will und kann.Auch Pavlović wirkt, als würde etwas nicht stimmenPavlović hingegen wurde schon nach 45 Minuten ausgewechselt. Nagelsmann wollte gegen Ecuador die Belastungen verteilen. Aber Pavlović hatte auch eine Gelbe Karte gesehen. Zu sehen war aber auch, wie er das eine oder andere Mal eine Schwachstelle war, wenn die Männer in den gelben Trikots sich mal wieder kraftvoll auf den Weg Richtung deutsches Tor machten.Auch Pavlović, der passionierte Passspieler aus dem Zentrum des FC Bayern, wirkt in diesen Wochen bei der Nationalmannschaft, als würde etwas nicht ganz stimmen. Jedenfalls schafft er es nicht, der Nationalmannschaft das zu geben, was er seinem Klub dort gibt, wo oft die wichtigen Spiele entschieden werden. Weil er das dem FC Bayern, wo die Spiele oft auch woanders entschieden werden, im Sturm und auf den Flügeln, ein bisschen leichter geben kann?Gegenfrage und KurzvortragGegen die Elfenbeinküste war Pavlović zwar nicht nach 45 Minuten, aber nach einer Stunde ausgewechselt worden, vorher hatte er gerade defensiv ähnlich unkonturiert gespielt wie nun gegen Ecuador. Weshalb sich schon die Frage stellt, ob er in der Nationalmannschaft wirklich der beste Partner für Nmecha ist. Oder ob es nicht einen Besseren gäbe.Am Donnerstag, etwa zur selben Zeit, als Kimmich sinngemäß sagt: fragt doch den Bundestrainer, wird im Pressezelt der Bundestrainer genau das gefragt. Er ist diese Frage schon so oft gefragt worden wie Kimmich, weshalb er der Einfachheit halber eine schmallippige Antwort geben könnte. Aber er entscheidet sich zuerst für eine Gegenfrage: „Und Pavlović auf die Bank, oder was meinen Sie?“ Dann lässt er einen Kurzvortrag folgen, in dem er sowohl Kimmichs Wert als Rechtsverteidiger als auch Pavlovićs fürs Zentrum herausarbeitet.Was Nagelsmann über seinen Kapitän sagt, ist ein Lob des Rechtsverteidigers Kimmich, es hat nur einen Haken: Ein Teil davon bezieht sich nicht auf den Kimmich bei dieser WM, sondern auf den der Europameisterschaft vor zwei Jahren. Was er über Pavlović sagt, sagt er zwar über den bei dieser WM, es klingt aber, als würde er über einen anderen sprechen. Ein bisschen schlängelt Nagelsmanns Antwort dahin, am Ende aber bleibt doch wenig Luft für Interpretation. Er sagt: „Ich will weder auf Felix noch auf Pavlo verzichten, ehrlich gesagt. Im Fußball kann man nie etwas ausschließen, aber akut habe ich das nicht geplant.“Viel Veränderung würde viel Ungewissheit mit sich bringenOb Nagelsmann wirklich so überzeugt ist von dieser Konstellation oder ob auch er vielleicht das Gefühl hat, dass da etwas nicht ganz stimmt: Diese Frage wird die deutsche Nationalmannschaft nun in die K.-o.-Phase begleiten, die an diesem Montag in Boston beginnt. Zumal man sie ein bisschen weiter fassen kann. Was im Zentrum passiert oder nicht passiert, strahlt oft auf andere Mannschaftsteile ab.Es lässt sich bei manchem zuletzt offenbarten Problem der Nationalmannschaft nicht so genau sagen, was Ursache und was Folge ist. Was sich aber sagen lässt: So wie gegen Ecuador und lange auch gegen die Elfenbeinküste wird es eher nicht weit reichen.Zugegeben, selbst für den an sich mutigen Bundestrainer Nagelsmann wäre es eine ziemliche Mutprobe, Kimmich wieder ins Zentrum zu ziehen. Weil der mit Nmecha zwar in der Phantasie ein gutes Bild abgibt, es in der Realität aber noch keines von den beiden gibt. Weil ein neuer Rechtsverteidiger gefunden werden müsste, der so nicht im Kader existiert. Und weil es einen weiteren Eingriff in die Defensivreihe bedeuten würde, wo ohnehin schon durch die Verletzungen von Nico Schlotterbeck (schwer) und Nathaniel Brown (leicht) viel Fluktuation herrscht. Kurz: So viel Veränderung würde viel Ungewissheit mit sich bringen, wahrscheinlich zu viel.Auf der anderen Seite gilt auch Nagelsmann als Vertreter der Überzeugung, dass man im Fußball vor allem dann etwas gewinnt, wenn man seine Stärken bestmöglich zur Geltung bringt. Könnte so betrachtet aus dem Zurück-ins-Zentrum-Gedanken mit Kimmich nicht vielleicht doch ein Zurück-in-die Zukunft-Moment für das Nationalteam werden?Im Nachhinein ist es fast erstaunlich, dass Kimmich vergangene Woche auf dem Campus der Wake Forest University alles Mögliche gefragt worden ist, dies aber mal nicht. Da hatte die Nationalmannschaft allerdings auch erst gegen Curaçao gespielt. Jetzt sind die Ergebnisse der Zwischenprüfung da.
Fußball-WM 2026: Gehört Kimmich ins Zentrum der DFB-Elf?
Der deutsche Kapitän spielt auch beim 1:2 gegen Ecuador wie der Kimmich vor der Schlange. Die Frage, ob er nicht doch besser im Zentrum aufgehoben wäre, nimmt die Nationalmannschaft mit in die K.-o.-Phase dieser WM.










