PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1990Die Spieler lagen aufeinander, Franz Beckenbauer ging entrückt auf dem Rasen spazierenStand: 07:29 UhrLesedauer: 5 MinutenNach dem WM-Endspiel in Rom jubeln die DeutschenQuelle: picture-alliance/dpa/Frank KleefeldtSein „Schau’n mer ma“ vor jedem Spiel entwickelte sich zum Sprichwort, und die Spannung war groß: Würde Franz Beckenbauer mit der DFB-Elf bei der WM 1990 triumphieren? Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Der Kaiser kannte keine Grenzen mehr, er kannte nur noch Deutsche. Der Sieg war an diesem 8. Juli 1990 errungen, Geschichte geschrieben, Rom in Schwarz-Rot-Gold getaucht – und Franz Beckenbauer, der gerade als Spieler und Teamchef je eine Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen hatte, musste vor der Weltpresse noch flott etwas loswerden. So sprach er nach dem 1:0 der DFB-Elf gegen Argentinien die Worte: „Wir sind jetzt die Nummer 1 der Welt. Und wenn man bedenkt, dass jetzt noch die Spieler aus Ostdeutschland dazukommen, dann tut mir der Rest der Welt leid. Wir sind auf Jahre hinaus unschlagbar!“Man sollte das nicht gegen Beckenbauer verwenden. Im Moment des Triumphs haben Menschen schon größeren Quark von sich gegeben. Doch wie man es besser macht, hatten britische TV-Journalisten gleich zu Beginn des Turniers vorgeführt. Nach einem Zusammenschnitt der Höhepunkte des Matches zwischen der Mannschaft in Schwarz-Weiß und dem Geheimfavoriten Jugoslawien stellte der Moderator mit stocknüchterner Stimme fest: „Germany destroyed Yugoslavia by four goals to one – the world has noticed it.“ Wer das als Deutscher hörte, der wusste: Dieses Mal kann es klappen mit dem Titel. So eine versteckte Prognose wagen Briten nicht ohne Grund.Lesen Sie auchAls Beckenbauers Männer nach Italien aufgebrochen waren, bekam die Euphorie nach dem Mauerfall gerade erste Risse, und der deutsche Fußball gab nicht zu den allergrößten Hoffnungen Anlass. 1982 war man Vizeweltmeister geworden, allerdings befleckten den Titel Nachrichten über Saufgelage im Trainingslager, ein Nichtangriffspakt mit Österreich in der Vorrunde und eine Aktion des Torhüters Harald Schumacher im Halbfinale gegen Frankreich, nach der der Franzose Patrick Battiston am Kopf verletzt ausscheiden musste. 1986 war die Mannschaft wieder ins Endspiel gekommen, aber gefühlt stolperten sieben Vorstopper über den Platz, diverse Spieler-Grüppchen hatten mehr als nur ein bisschen Streit – und Beckenbauer persönlich garnierte das Ganze mit Zitaten wie „In der Bundesliga spielt nur noch Schrott“. Die 2:3-Niederlage im Endspiel gegen das Argentinien Diego Armando Maradonas ging in Ordnung. In der Qualifikation für die WM 1990 wiederum hatte die Auswahl in etwa so viel Glanz verströmt wie das DDR-Politbüro an mittelmäßigen Tagen.Lesen Sie auchUnd dann das: 4:1 gegen Jugoslawien mit einem überragenden Lothar Matthäus – einfach so, als ob das ganz normal wäre. 5:1 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate, 1:0 gegen Kolumbien, zack, Vorrunde gewuppt. Das Achtelfinale gegen Holland: Rijkaard spuckt Völler an, beide fliegen vom Platz, und es ist ein Wunder, dass es keine Schlägerei gibt. 1:0 Klinsmann, der macht das Spiel seines Lebens, 2:0 Brehme, das Elfmetertor von Koeman kommt für die Niederländer zu spät; eine feine Revanche für das Aus im Halbfinale der EM 1988 gegen die Typen im orangefarbenen Dress. Viertelfinale: 1:0 gegen die Tschechoslowakei. Matthäus haut einen Elfer rein, viel mehr ist auf dem Platz nicht los. Aber da ist ja noch unser Kaiser Franz: Über Wochen hat er den locker lächelnden Kosmopoliten gegeben, sein „Schau’n mer ma“ vor jedem Spiel entwickelt sich gerade zum Sprichwort, aber jetzt ist Schluss mit dem Geschmuse: Beckenbauer meckert seine Spieler an, wie nur er es vermag, verletzend, aber doch irgendwie elegant – und seinen Punkt, gegen die Tschechen schnöselig unterwegs gewesen zu sein, den kann keiner wegdiskutieren.Das will auch niemand, denn England wartet; ein äußerst starkes Team mit der Sensation Paul Gascoigne im Mittelfeld und dem tödlichen Gentleman Gary Lineker im Sturm. Aber die Deutschen haben Matthäus, Brehme, Klinsmann, Häßler und Völler und überhaupt sind sie alle gut. Nach 90 Minuten Dauerdruck von beiden Seiten steht es 1:1, nach 120 Minuten auch.Zu Beginn des Elfmeterschießens stehen Beckenbauer und Englands Trainer Bobby Robson im Mittelkreis nebeneinander. Der Deutsche blickt, als wolle er sagen: „Was soll’s, Bobby, das ist hier eine Lotterie“ – eine Geste, von der Robson immer wieder voller aufrichtiger Dankbarkeit erzählen wird. Vom Punkt aus treffen alle Deutschen, Illgner hält gegen Stuart „Psycho“ Pearce, und Chris Waddle ist so freundlich, seinen Strafstoß in den Nachthimmel von Turin zu befördern. Das war’s für Cool Britannia. Vor dem Finale, wieder gegen das Argentinien Maradonas, sagt Beckenbauer frohgemut in eine TV-Kamera: Ihm sei der Titel egal, für die Mannschaft würde er sich freuen; eine charmante Schwindelei. Längst ist es durchgesickert: Der Mann zeigt nicht nur bei Technik-Übungen im Training, warum man ihn den Kaiser nennt, er arbeitet akribisch, jedes Detail zählt. Die Partie aber gerät zur Strafe für die Zuschauer. Die Deutschen sind überlegen, bringen aber nichts Zwingendes zustande, und Argentinien hat Maradona. Ein Geniestreich von ihm reicht, um in Rückstand zu geraten – eine widerwärtige Vorstellung.Der Kommentar von Gerd „Ich liebe Witze“ Rubenbauer und Karl-Heinz „Das war nicht unrisikovoll“ Rummenigge hebt die Stimmung auch nicht auf Rekordniveau. Aber in der 85. Minute fällt Rudi Völler in der Nähe eines Argentiniers im gegnerischen Strafraum hin, der Schiedsrichter zeigt auf den Elfmeterpunkt. Lothar Matthäus, Deutschlands etatmäßiger Schütze, hat neue Schuhe an, das verunsichert ihn. Die Vernunft siegt: Andreas Brehme nimmt sich den Ball. Und wer wissen will, wie ein Vollprofi einen Elfmeter trotz höchstem Druck mit absoluter Präzision im Tor versenkt, der guckt sich einfach diese Szene an.Dann ist es vorbei – die Spieler liegen aufeinander, Franz Beckenbauer geht entrückt auf dem Rasen spazieren, auf deutschen Marktplätzen und in deutschen Fußgängerzonen erschallt das Lied „Ein’ Ändie Brehme! Es gibt nur ein’ Ändie Brehme!“ Zum großen Glück für alle Anwesenden erstickt der Song jeden Anflug eines nationalen Rausches. Auf der Titelseite von WELT vom 10. Juli 1990 wird der begeisterte Empfang der Nationalelf beschrieben und dazu ein Foto von Andreas Brehme mit dem Weltpokal im Arm gezeigt. Eine mythische Dimension wie das „Wunder von Bern“ von 1954 erlangte der Triumph nie. Aber wer diese Weltmeisterschaft verfolgt hat, wird sie immer erinnern. Ein ziviles Deutschland zeigte guten Sport. Was mehr kann man von so einem Ereignis verlangen?Nach dem Sieg im Endspiel stand Philip Cassier im Zentrum Hannovers am Kröpcke und sang mit anderen Fans das Lied auf Andreas Brehme. Noch heute sieht er sich die Elfmeter-Szene an, wenn er selbst unter hohem Druck eine schwierige Aufgabe lösen muss.