Der Krieg in der Ukraine wird im Westen meist als einfaches moralisches Drama dargestellt. Russland gilt als Aggressor, die Ukraine als Opfer und der Westen als Verteidiger von Demokratie und Völkerrecht. Aus russischer Sicht ist die Erzählung ebenso vereinfacht: Die Nato-Erweiterung wird als existenzielle Bedrohung dargestellt, die Ukraine als vom Westen gesteuerter Stellvertreterstaat und Moskau als Akteur, der sich gegen Einkreisung verteidigt.
Beide Narrative enthalten Elemente der Wahrheit. Keines erzählt die ganze Geschichte.
Wie konnte es nur so weit kommen?
Die Tragödie des Russland-Ukraine-Krieges besteht nicht nur in der Zerstörung von Städten, dem Verlust Hunderttausender Menschenleben oder den wirtschaftlichen Verwerfungen, die sich inzwischen über Europa ausbreiten. Die tiefere Tragödie liegt darin, dass dieser Konflikt den Zusammenbruch dessen darstellt, was eine der größten geopolitischen Chancen der modernen Geschichte hätte sein können: die Möglichkeit einer stabilen Partnerschaft zwischen Russland und dem Westen nach dem Kalten Krieg.
Für einen kurzen historischen Moment schien eine solche Partnerschaft möglich. Die Sowjetunion zerfiel, ohne den katastrophalen Weltkrieg auszulösen, den viele jahrzehntelang befürchtet hatten. Anders als die besiegten Mächte früherer europäischer Konflikte entstand das postsowjetische Russland nicht als dauerhaft feindlicher ideologischer Staat, der die Revolution in die Welt exportieren wollte. Der Kommunismus war gescheitert. Russland selbst war wirtschaftlich, militärisch und psychologisch erschöpft. Millionen Russen hofften auf Integration in Europa und eine Normalisierung der Beziehungen zum Westen.










