PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungUkraine-KriegDas WortVon Erwin JurtschitschStand: 10:54 UhrLesedauer: 2 MinutenUnser Gastautor: der Journalist und Unternehmer Erwin JurtschitschQuelle: Raimar von WienskowskiVor mehr als 1562 Tagen hat Russland die Ukraine überfallen. Und nicht umgekehrt. Dennoch frisst sich ein gegensätzliches Narrativ in die Köpfe, komprimiert in einem Wort.Es kommt aus einer Troll-Fabrik in Nischni Nowgorod, erdacht von einem jener begabten jungen Künstler der Lüge. Von dort reist es: über die sichtbaren Kanäle und die unsichtbaren, von TikTok bis in die Wohnstuben. In die Wohnstuben der Besorgten – und in die jener, die in Putin den Friedensfürsten sehen und in der Ukraine das Reich der Finsternis.Sie alle benutzen es. Nach Butscha. Nach den Vergewaltigungen. Nach dem Massenmord. Denn es leistet, was sonst kein Wort so mühelos leistet: Die Täter werden zu Opfern, die Opfer zu Tätern. Ein Handgriff, und die Welt steht auf dem Kopf.Es ist das Wort derer, die nach St. Petersburg reisen, um dem Monster die Füße zu küssen. Das Wort der Putin-Freunde, der Gas-Freunde, der Freunde des billigen Gewissens. Das Wort des Altkanzlers, der den Überfall einen „schweren Fehler“ nannte, als spräche er von einem verpatzten Aktiengeschäft. Das Wort seiner Gefährten, die in Baku auf die Freundschaft mit Mördern anstoßen.Lesen Sie auchAm liebsten tragen es die Friedensfreunde, die davon schwärmen, wie sehr das Monster sich nach Frieden sehne. Dazu die immergleichen Formeln: Nato-Erweiterung, Korruption, Nazis in Kiew. Und selbst wenn an alldem etwas wäre: Rechtfertigt es eine Million tote Russen? Hunderttausende tote Ukrainer? Es rechtfertigt nichts. Es soll auch nichts rechtfertigen. Es soll nur entlasten.Denn das ist der ganze Zweck: Das Wort erklärt alles, weil es nichts erklärt. Es ist bequem, es ist billig, und es macht aus Menschen Zielscheiben. In einer liberalen Partei gegen eine Frau und ihre Freunde, die nur eine einzige Unverschämtheit begehen – sie erinnern. Immer wieder. An den Krieg.Also wird das Wort geschärft. Zum Diffamieren. Zum Drohen. Zum Austreten. Zum Spalten. Erbärmlich, hinterhältig, zutiefst inhuman. Und es wäre kein Wunder, würde man es eines Tages benutzen, um sie zu töten – erst das Wort, dann die Tat.Ein Wort. Kriegstreiber.Der Autor: Erwin Jurtschitsch, Jahrgang 1954, war Mitgründer der „Taz“, arbeitete für „Stern“, „Spiegel TV“ und „Focus“, gründete mehrere Unternehmen und ist CEO einer Investmentfirma.