PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungAbu-DhabiWarum die Ukraine-Verhandlungen zum Scheitern verurteilt sindVeröffentlicht am 05.02.2026Lesedauer: 3 MinutenJacques Schuster, Chefredakteur WELT AM SONNTAGQuelle: Marlene Gawrisch/WELTRussland gewinnt an Boden, und seine Ressourcen erscheinen im Vergleich zu den ukrainischen nahezu unerschöpflich. Die Europäer sind in einem Punkt kaum weniger zynisch als das, was sich in Putins Kopf abspielt.Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj hat recht. Kurz vor den Gesprächen mit Russen und Amerikanern in Abu Dhabi warf er Kremlchef Wladimir Putin nicht nur vor, einen barbarischen Krieg gegen die ukrainische Zivilbevölkerung zu führen, sondern er sprach ihm auch jeglichen Friedenswillen ab. Der Nato-Generalsekretär pflichtete Selenskyj genauso bei wie die meisten europäischen Nato-Mitglieder.Nur: Was folgt daraus? Der Schluss ist so brutal wie schmerzhaft. Die Verhandlungen im Nahen Osten sind zum Scheitern verurteilt – genau wie weitere Treffen zwischen wem auch immer wo auch immer. So bitter es ist, dieser Krieg wird nicht mit diplomatischen Mitteln beendet werden. Er endet auf dem Schlachtfeld.Zu Konzessionen ist ein Kriegsgegner nur bereit, wenn es militärisch für ihn schlecht steht, wenn die Kosten des Krieges unerträglich werden oder der Feind über Ressourcen und (ausländische) Hilfsquellen verfügt, die ihn am Erfolg seiner Unternehmungen zweifeln lassen. Keine einzige dieser Bedingungen ist im Fall der Ukraine gegeben.Lesen Sie auchIm Gegenteil: Langsam aber sicher gewinnt Moskau in der Ostukraine an Boden. Die eigenen Verluste nimmt Putin kaltlächelnd in Kauf. Zwar liegt Russlands Wirtschaft darnieder, doch trotz der zahlreichen Sanktionen ist sie widerstandsfähiger, als die westlichen Staaten gehofft hatten. Durch Wirtschaftssanktionen und Ölembargos wird der russische Staat nicht zusammenbrechen.Gleichzeitig sind die russischen Ressourcen im Vergleich zu den ukrainischen nahezu unerschöpflich. In Russlands Weiten wird Putin noch viele junge Männer rekrutieren können, die er an die Front wirft. Die Ukraine kann das nicht. Darüber hinaus läuft die russische Produktion von Waffen und Kampfdrohnen auf Hochtouren. Die vergangenen Winternächte zeigen es: Russland ist in der Lage, selbst die kleinsten Umspannwerke im äußersten Westen der Ukraine zu zerstören, um den letzten Lebensmut dieses tapferen Volkes zu brechen. Der Kreml führt einen Vernichtungskrieg.Lesen Sie auchMoskau steht überdies in einer Auseinandersetzung, in welcher der Gegner seinen engsten und mächtigsten Verbündeten verlor. Die Europäer mögen sich noch so anstrengen, sie können die militärische Hilfe der Amerikaner auf Dauer nicht ersetzen. Putin weiß das. Außerdem denkt er genauso geostrategisch wie der amerikanische Präsident. Er spürt: Die Amerikaner wollen die Ukraine loswerden und Russland aus der Umarmung Chinas lösen, um sich im Anschluss mit voller Kraft dem Konflikt mit der Volksrepublik widmen zu können. Warum sollte Putin in dieser Lage zu Zugeständnissen bereit sein? Wer wäre überhaupt zu Kompromissen bereit, wenn die Aussichten für ihn derart rosig sind?Europa tut viel, um Kiew zu helfen. Es hat ein Interesse daran, dass die Ukraine durchhält. Nur eines sollte es lassen: Kiew nur deswegen zum Durchhalten zu bewegen, damit die Ukrainer die Russen möglichst so lange auf dem Schlachtfeld halten, bis die Europäer aufgerüstet haben. Hinter den Kulissen hört man diesen Beweggrund nicht gerade selten. Er ist kaum weniger zynisch als das, was sich in Putins Kopf abspielt. Womöglich ist ein Friedensschluss für einen ukrainischen Rumpfstaat mit der Aussicht auf die Mitgliedschaft in der EU weniger schmerzhaft als die bedingungslose Kapitulation. Darüber zu entscheiden, liegt allerdings in den Händen der bewundernswerten Ukrainer.