Als sich in den Strassengräben die Verhungerten stapelten – Luo Lingyuan erzählt vom versehrten Leben unter MaoDie deutsch-chinesische Schriftstellerin Luo Lingyuan lässt eine Tochter von «missliebigen Elementen» und spätere Lehrerin alle Katastrophen des Maoismus erdulden. Dabei zeigt sich so etwas wie ein Stockholm-Syndrom der auslandchinesischen Literatur.Judith Leister10.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Schuldigen sind entlarvt und werden vorgeführt: Szene aus der von Mao zur Sicherung seiner Macht inszenierten Kulturrevolution von 1966 bis 1976.Pictures from History / GettyWie sehr sich die Drehbücher des totalitären Terrors doch ähneln. Am Anfang steht die rhetorische Brandmarkung durch Propaganda. Es folgt der Auftritt von Männern mit Armbinden, die Geschäfte demolieren und die Besitzer zusammenschlagen. Dann kommt die Stunde des Pöbels. Habgierige und Neider dringen in die Häuser der Verschleppten ein, plündern und hacken die Böden auf‚ um «verstecktes Gold» zu finden. Ein Happy End gibt es selten. Die Kinder der Ausgestossenen können sich glücklich schätzen, wenn sie überleben. Was leichthin eine Erzählung aus NS-Deutschland sein könnte, ist der Inhalt von Luo Lingyuans «Kinder der roten Erde», einem emphatischen Roman über Willkür und Unterdrückung im China Mao Zedongs.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Luo Lingyuan, 1963 geboren, verliess China 1989, im Jahr des Massakers auf dem Tiananmen-Platz, aus privaten Gründen. Die ausgebildete Journalistin und Computerwissenschafterin jobbte zunächst als Zimmermädchen und Reiseleiterin in Berlin. In zahlreichen Romanen und Erzählungen schreibt sie über Menschen, die zwischen Ost und West zerrissen sind, sowie über Gewalt und die vermeintliche Allverfügbarkeit des weiblichen Körpers.Den Männern zur Beute«Kinder der roten Erde» setzt 1952 ein, knapp drei Jahre nach der Gründung der Volksrepublik China. Schauplatz ist die Provinz Jiangxi in Zentralchina. Die junge Sina sitzt am Fluss und weint, während in den Reisfeldern «die kleinen Setzlinge wie grüne Sterne im Wasser» stehen. Ihr Vater, ein erfolgreicher Kleinunternehmer, wurde als «Volksfeind» enteignet und ist untergetaucht. Ihrer Mutter, einer Frau noch mit eingebundenen Füssen, verweigert man im Gefängnis die Nahrung. Sina entkommt dem sicheren Hungertod nur, weil eine pädagogische Hochschule ihre Bewerbung annimmt.Rolf SeilerBei der Lehrerausbildung auf dem berühmten Berg Lushan, wo einst Laotse meditierte und der Dichter Li Bai Gedichte über den Wasserfall schrieb, sind überraschenderweise die Männer das grösste Problem der hübschen Sina. Als Tochter verfemter Eltern scheint sie leichte Beute und darf niemanden verärgern. Neben dem älteren Lehrer Ban, einem Helden der chinesischen Roten Armee, stellt ihr auch der intrigante Student Botan nach. Als diskreter Retter bei kommunistischen Pflichtübungen, Schiesstrainings und plumpen Annäherungsversuchen erweist sich ihr Geige spielender Kollege Youman. Den Zweifeln Sinas setzt er seinen ungetrübten Fortschrittsoptimismus entgegen: «Wir sind die Kinder der roten Erde!»Sinas Lebenszeit fällt mit den Massenverbrechen des Maoismus zusammen, dem die Sowjetunion in Programm und Methode als Vorbild diente. 1957 ermuntert Maos «Hundert-Blumen-Kampagne» die Leute zu Kritik – verfolgt werden die Kritiker anschliessend in der «Anti-rechts-Kampagne». 1958 verkündet man den «Grossen Sprung nach vorn». Doch die chaotische Kollektivierung der Landwirtschaft führt zur grössten Hungersnot der Geschichte mit mindestens 45 Millionen Toten. «Während in den Strassengräben die Toten und Sterbenden lagen, jubelten die Zeitungen über die Erfolge des Grossen Sprungs», heisst es bei Luo.Etwas schematischAb 1966 terrorisierten während der «Kulturrevolution» «Rote Garden» sowie aufgehetzte Schüler und Studenten «bourgeoise» Lehrer und Professoren und stürzten Kulturdenkmäler. Im Roman rettet das inzwischen verheiratete Lehrerpaar Sina und Youman sein privates kleines Glück nur durch aussergewöhnliches Geschick in die Reformperiode unter Deng Xiaoping ab 1979 hinüber.Luo Lingyuan schreibt klar, geradlinig und mit grosser Empathie, wenn auch etwas schematisch. Im Nachwort verrät sie, dass «Kinder der roten Erde» die Geschichte ihrer Mutter erzähle und den ersten Teil einer Familientrilogie bilde. Ausser einigen biederen Formulierungen – wie etwa, dass Sina in der Hochzeitsnacht «vom Mädchen zur Frau» werde –, ist die irgendwie «befangene» Erzählhaltung das eigentliche Problem des Romans. Es scheint fast, als würde Luo an einem Stockholm-Syndrom leiden, als würde sie dem Maoismus, der ihre Familie jahrzehntelang bestimmte, eine Restloyalität entgegenbringen. Auch der erstaunlich konforme Titel bringt das zum Ausdruck. Mit grösserer innerer Distanz zum Stoff hätte Luo ihre schriftstellerische Freiheit noch besser nutzen können.Luo Lingyuan: Kinder der roten Erde. Roman. Secession-Verlag, Zürich 2026. 320 S., Fr. 37.90.Passend zum Artikel
Stapelweise Verhungerte – Luo Lingyuan erzählt vom versehrten Leben unter Mao
Die deutsch-chinesische Schriftstellerin Luo Lingyuan lässt eine Tochter von «missliebigen Elementen» und spätere Lehrerin alle Katastrophen des Maoismus erdulden. Dabei zeigt sich so etwas wie ein Stockholm-Syndrom der auslandchinesischen Literatur.






