«Lang lebe der rote Terror» – vor 60 Jahren entfacht Mao die Kulturrevolution. Ihr erstes Opfer ist die Lehrerin Bian Zhongyun, die von den eigenen Schülerinnen getötet wirdDer Traum, einen neuen Menschen zu schaffen, sorgte auch unter westlichen Linken für Begeisterung. Über die mörderischen Konsequenzen sieht man zum Teil bis heute hinweg.29.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAlles Böse «hinwegfegen»: Die Rotgardistin Song Binbin schenkt Mao eine Armbinde, 1966.Hulton Archive / GettyAm 5. August 1966 steht Bian Zhongyun früh auf. «Ich gehe jetzt in die Schule», sagt sie ihrem Mann. Wie immer schaut er ihr durchs Fenster nach, als sie das Haus verlässt. Wenige Stunden später wird Bian Zhongyun zusammen mit vier anderen Lehrern auf den Schulhof des Pekinger Mädchengymnasiums getrieben. Sie wird mit Knüppeln und nägelgespickten Tischbeinen geschlagen, mit heissem Wasser übergossen und gezwungen, Parolen zu schreien wie: «Ich bin ein konterrevolutionärer Revisionist.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Täterinnen sind zwischen 14 und 17 Jahre alt, allesamt Schülerinnen des Gymnasiums, wo Bian Zhongyun als stellvertretende Direktorin arbeitet. Manche tragen grüne Uniformen, zwischen den Quälereien essen sie Glace. Nachdem sie die Direktorin gezwungen haben, die Toilette zu putzen, werfen sie sie wie ein Stück Vieh auf einen Holzkarren.Kampf gegen «Rinderdämonen und Schlangengeister»Bian Zhongyun ist vermutlich das erste Todesopfer von einem der grausamsten Gesellschaftsexperimente der Geschichte. 1,1 bis 1,6 Millionen Menschen sterben, rund 30 Millionen erleiden Verfolgung, Gefängnis und Terror. Ganze Familien müssen für die «Verbrechen» ihrer Nächsten büssen.Veranlasst wird die Kulturrevolution am 16. Mai 1966, als das Politbüro der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) allen «Repräsentanten der Bourgeoisie» den Kampf ansagt, die sich in Staat und Partei eingenistet hätten. Es gehe um das «Hinwegfegen» alles Bösen, um das Ausmerzen kapitalistischer Bestrebungen und aller «Rinderdämonen und Schlangengeister», schreibt das Parteiorgan «Renmin Ribao» am 1. Juni 1966, dem offiziellen Auftakt der Kulturrevolution.Mit der Kampagne gegen «rechte Elemente» und andere «Volksfeinde» will Mao Zedong, der selbsternannte Stalin Chinas, jegliche Reformen im Land unterbinden. China soll keinesfalls den Weg der Sowjetunion gehen, die den 1953 verstorbenen Generalissimus Stalin aus dem Lenin-Mausoleum entfernt hat und unter Nikita Chruschtschow eine zaghafte Entstalinisierung wagt.Seit seine planwirtschaftlichen Experimente gescheitert sind, fühlt sich Mao in seiner gottähnlichen Stellung in der Partei bedroht. Allein während des «Grossen Sprungs nach vorn» sterben zwischen 1958 und 1961 rund 45 Millionen Chinesen an Hunger, Folter und Mord. Die Leute essen Gras und Baumrinde, schon wer unerlaubt eine Kartoffel ausgräbt, kann von Schergen der Partei verstümmelt oder lebendig begraben werden.Maos Gattin ruft zur Gewalt aufDie Kulturrevolution, so verkündet es Maos Clique in der KPCh, soll alle alten Bräuche und Sitten vernichten, eine neue proletarische Kultur schaffen, mit Menschen, die «neue Gedanken» hegen. Es ist eine von oben angeordnete Rebellion gegen «die da oben», die sich angeblich gegen den Sozialismus verschworen haben. Erlaubt ist alles. «Wenn schlechte Menschen von guten Menschen geschlagen werden», so erklärt Maos Gattin Jiang Qing am 28. Juli 1966 an der Universität Peking, «dann verdienen sie das.»Die Folgen dieser obrigkeitlichen Gewaltaufrufe spüren Professoren, Lehrer, Parteifunktionäre und normale Leute mit vermeintlich «schlechtem» Klassenhintergrund schon bald. Bei Bian Zhongyun fängt es mit Gerüchten über eine konterrevolutionäre Gesinnung an. Am 22. Juni 1966 wird sie an der Schule erstmals überfallen, Mädchen reissen sie an den Haaren und schlagen auf sie ein. Sie setzen ihr einen spitzen Hut auf, stopfen ihr Dreck in den Mund. Einen Tag später dringen sie in ihre Wohnung ein. Sie kleben Wandzeitungen auf: «Spitzt eure Schweinsohren», steht da, «wir hacken euch in Stücke, wenn ihr so weitermacht.»Dabei ist Bian Zhongyun seit 1941 ein treues Parteimitglied. Zusammen mit ihrem Mann hat sie sich den Kommunisten angeschlossen, um gegen die Japaner und gegen Chiang Kai-shek zu kämpfen, den Maos Truppen 1949 nach Taiwan vertreiben. Aber das schützt in Maos Reich niemanden. «Bombardiert das Hauptquartier», schreibt der Diktator am 5. August 1966 in einem persönlichen Aufruf, «Rebellion ist gerechtfertigt!» Es ist der Tag, an dem Bian Zhongyun zu Tode geprügelt wird.Die «Rebellen», die Mao auf die angeblichen Hauptquartiere der Rechtsabweichler, Revisionisten und Konterrevolutionäre hetzt, sind vorwiegend junge Aktivisten, die oft aus gutem Haus kommen, also den richtigen «Klassenhintergrund» und ideologisch zuverlässige Eltern haben. Wie der Historiker Frank Dikötter in seinem 2016 erschienenen Buch «Mao und seine verlorenen Kinder» aufzeigt, bestand der harte Kern dieser Roten Garden an den Mittelschulen vor allem aus Kindern von Parteifunktionären.Öffentliche Demütigung von «Ab­weichlern» während der Kulturrevolution, 1968.GettyAuch am Mord an Bian Zhongyun sind Funktionärstöchter beteiligt. Überzeugt, Teil einer revolutionären Klasse zu sein und in einer Welt des permanenten Klassenkampfs zu leben, fühlen sich die Roten Garden laut Dikötter allen anderen überlegen. «Lang lebe der rote Terror», schreiben sie in einer Pekinger Mittelschule an die Wand, mit dem Blut ihrer Opfer.Jazz ist Teufelszeug, Bücher kommen auf den ScheiterhaufenIn der neuen Gesellschaft soll alles getilgt werden, was den proletarischen Geist kränken oder verderben könnte. Jazz, private Medien und Bücher hat Mao zwar schon nach seiner Machtübernahme im Jahr 1949 verbieten beziehungsweise verbrennen lassen. Doch nun müssen selbst Spielzeuge, Kleider und Kosmetikartikel von Zeichen der Vergangenheit gesäubert werden. Schon eine Zahnpasta mit einem falschen Aufdruck kann eine Beleidigung des Proletariats sein. Jahrhundertealte Kunstwerke fallen der Zerstörungswut ebenso zum Opfer wie Gebäude und Baudenkmäler, von denen zwei Drittel demoliert werden.Das Ausmass der Verbrechen kommt erst nach Maos Tod im Jahr 1976 allmählich ans Licht. Doch der Wahnsinn ist schon früh für alle Welt sichtbar. Flüchtlinge berichten in Zeitungen über Bücherverbrennungen und Hinrichtungen, die Täter selber halten ihre Verbrechen oft mit der Kamera fest, etwa wie sie Professoren mit Schildern um den Hals durch die Strassen führen. Dazu gibt es Bilder von Massenkundgebungen, an denen uniformierte und mit Armbinden geschmückte Rote Garden Parolen zu Ehren des «grossen Steuermanns» (Mao) brüllen.Dessen Werk «Worte des Vorsitzenden Mao Zedong» erreicht Auflagen von Hunderten Millionen, in ähnlicher Stückzahl lässt der Staat Fanartikel mit Maos Konterfei produzieren, vom Button bis zum proletarischen Wecker. Obwohl das alles an dunkelste stalinistische Zeiten, aber ebenso an faschistische Massenaufmärsche und den SA-Terror der 1930er Jahre erinnert, stösst die Kulturrevolution in westlichen Ländern auf viel Begeisterung. Besonders in jenen Kreisen, die sich für besonders antifaschistisch halten.Hasan Piker schwenkt die Mao-BibelDer von Mao verordnete Terror inspiriert Studenten und Intellektuelle in aller Welt, die das Schauspiel als Rebellion gegen die Eliten missverstehen. Oder, wie im Fall der Rote-Armee-Fraktion, als direkte Aufforderung zum Losschlagen. Selbst an der Universität Zürich hängen Studenten 1971 ein Plakat des grossen Führers Mao auf, in Deutschland ist Maos rotes Büchlein Pflichtlektüre für jeden echten Revolutionär.Der Philosoph Konrad Farner, der einst schon Stalin verfallen ist, schwärmt im März 1969 bei einer Versammlung in Zürich vom «neuen Menschen», den Mao gerade erschaffe. Ähnlich begeistert sind Louis Althusser, Herbert Marcuse oder Noam Chomsky, der China 1967 als bewundernswertes Beispiel einer «neuen Gesellschaft» bezeichnet. Jean-Paul Sartre hat zwar einige Vorbehalte gegen die Maoisten, unterstützt aber ihre Propagandablätter. Statt Resolutionen und Proteste gegen Maos Gewaltherrschaft zu verfassen, lobt er die Kulturrevolution als Versuch, die ideologischen Verhältnisse zu ändern.Die Gewalt der Roten Garden kümmert Sartre wie viele andere nicht, schliesslich muss ein Sozialist seiner Meinung nach «für die Gewalt sein» im Kampf gegen die herrschende Klasse.Andere wie der deutsche Sozialwissenschafter Günter Amendt leugnen die Verbrechen in China, indem sie diese als Hirngespinst einer rassistischen (Lügen-)Presse anprangern. Die Realitätsverweigerung erfasst auch bürgerliche Kreise. So veröffentlicht die Zeitung «Le Monde» 1971 eine vernichtende Kritik eines Buchs von Simon Leys, der als einer der ersten die Massenverbrechen des chinesischen Regimes aufdeckt.Einige Verführte räumen später ihre Irrtümer ein. Aber da die Kulturrevolution China ab 1968 in ein Chaos von Fraktionskämpfen, Bürgerkriegen und Säuberungen durch das Militär stürzt, das noch mehr Tote fordert als der Terror der Roten Garden, versuchen einige Nostalgiker, sich bis in die Gegenwart die Illusion zu bewahren, zumindest die von Mao initiierte «Rebellion» sei doch nicht nur schlecht gewesen. Als ob es in dieser staatlich angeordneten Rebellion nicht darum gegangen wäre, das Denken und Sprechen der Menschen noch besser zu kontrollieren.«Rebellion ist gerechtfertigt», schrieb der österreichische Autor Robert Misik 2003 in der deutschen «TAZ». Unter expliziter Bezugnahme auf Mao, augenzwinkernd vielleicht, aber wie wenn es normal wäre, mal eben einen Massenmörder zu zitieren, um für mehr antikapitalistische Subversion zu werben. Der linke amerikanische Influencer Hasan Piker, der von Leuten wie Bernie Sanders hofiert wird, hat kürzlich ein Bild aus Peking gepostet, auf dem er stolz eine rote Mao-Bibel in die Kamera hält.«Ich wollte die historische Wahrheit festhalten»: Wang Jingyao, der Ehemann der ermordeten Lehrerin Bian Zhongyun, in Hu Jies Dokumentarfilm «. . . nicht der Rede wert?» aus dem Jahr 2006.YoutubeWang Jingyao und seine drei Kinder mit einem Bild der getöteten Mutter, das sie in einem Schrank versteckten.YoutubePiker ist ein typischer Vertreter jenes «Wohlstandsmaoismus» (Markus Gabriel), der im Westen überall Rassismus und Polizeigewalt sieht, aber gleichzeitig mit antisemitischen Terroristen und sozialistischen Polizeistaaten sympathisiert. Bis heute gibt es im Westen auch Hardcore-Kommunisten wie die deutsche Partei MLPD, die regelmässig an Klimastreiks und Demos «gegen rechts» mitläuft. Für deren Anhänger ist bis heute klar, dass die Kulturrevolution eine Glanzleistung von Mao war. Die auch von Wissenschaftern recherchierten Opferzahlen bezeichnete die Partei 2016 als «frei erfunden».«Ich wollte die historische Wahrheit festhalten»Dass 60 Jahre später zumindest ein Teil der Wahrheit ans Licht gekommen ist, liegt nicht an der Kommunistischen Partei Chinas. Sie bezeichnet die Kulturrevolution zwar als «Fehler» des «Genossen Mao Zedong», schiebt die Hauptschuld an den Verbrechen jedoch anderen zu. Filme und Forschungsprojekte, die Geschichten von Opfern zeigen, werden in China bis heute zensiert und behindert.Das Schicksal von Bian Zhongyun ist nur bekannt, weil ihr 2021 verstorbener Mann Wang Jingyao sein Leben lang versucht hat, alle Beweise zu sammeln und die Täterinnen zur Rechenschaft zu ziehen. Noch am 5. August 1966 fährt er zum Tatort und fotografiert seine leblose Frau, wie sie nackt, beschmutzt und mit geschwollenem Gesicht am Boden liegt. 2006 widmet ihm der chinesische Künstler Hu Jie einen Film, der mit deutschen Untertiteln verfügbar ist (Titel: «nicht der Rede wert?».Er zeigt Wang Jingyao in der Wohnung, in der er einst zum Fenster hinausblickte, wenn Bian Zhongyun aus dem Haus ging. «Ich wollte die historische Wahrheit festhalten», sagt er. Die Täterinnen seien trotz seinen Klagen vor Gericht nie bestraft worden, obwohl sie das Gericht für schuldig befunden habe. Das Schicksal seiner Frau habe sein Leben und das seiner Familie zerstört. Seine Frau sei «geboren worden mit einem Traum und gestorben an einem Traum». Noch Jahre nach ihrem Tod habe er jeden Abend am Fenster auf ihre Rückkehr gewartet.Passend zum Artikel