Die Schweizer Wirtschaft ist gegen ein Importverbot für Güter aus Zwangsarbeit – und widersetzt sich den USA im ZollstreitDie USA begründen die neuen Strafzölle damit, dass die Schweiz zu wenig gegen die globale Zwangsarbeit vorgehe. Verbände halten die Einführung strengerer Gesetze aber für wirkungslos – und gefährlich.10.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenKein Herz für die Schweiz: Der amerikanische Handelsbeauftragte Jamieson Greer droht mit neuen Zöllen.Kayla Bartkowski / GettyDie Schweiz hat im Zollstreit mit den USA schlechte Karten. Die Regierung von Donald Trump will die Einfuhr von Schweizer Gütern schon bald mit einem neuen Zoll von 12,5 Prozent belegen, wie der amerikanische Handelsbeauftragte Jamieson Greer letzte Woche bekanntgegeben hat. EU-Länder hingegen kommen glimpflicher davon. Für Güter aus den Mitgliedstaaten verlangen die USA einen tieferen Zoll von 10 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Grund: Aus Sicht der US-Regierung geht die Schweiz zu wenig gegen das Problem der Zwangsarbeit vor. Die Eidgenossenschaft kennt im Gegensatz zu den USA kein Einfuhrverbot für Waren, bei deren Herstellung es zu Zwangsarbeit kommt. In der EU hingegen soll ab 2027 ein entsprechendes Verbot gelten – weshalb Trump den Europäern den tieferen Zollsatz gewährt.Angesichts der drohenden neuen Zölle wird in der Politik und in Wirtschaftskreisen über die Einführung eines Importverbots diskutiert. Die Schweizerisch-Amerikanische Handelskammer (Swiss Amcham) empfiehlt in einem Rundschreiben, die Einführung oder die verbindliche Zusage eines solchen Verbots zu prüfen. Der Verband sieht darin ein mögliches Mittel, um den Schweizer Zollsatz zumindest auf das EU-Niveau von 10 Prozent zu senken.Ironischerweise leistet Donald Trump auch der vor einem Jahr eingereichten zweiten Konzernverantwortungsinitiative Schützenhilfe. Diese will Schweizer Konzerne zur Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards im Ausland verpflichten. Ob das Komitee nun wie die USA ein handfestes Importverbot für Güter aus Zwangsarbeit fordert, lassen die Verantwortlichen zwar offen. Es sei aber sinnvoll, diesen Rückstand «in die Gesamtschau einzubeziehen», sagt Dominique de Buman, Vorstandsmitglied der Koalition für Konzernverantwortung.Verbände sperren sichDie Schweizer Wirtschaftsverbände haben dafür allerdings kein Gehör. Zwar ist es für die exportorientierten Unternehmen der Schokoladenbranche entscheidend, dass sie auf dem amerikanischen Markt nicht durch Strafzölle benachteiligt werden, wie eine Sprecherin von Chocosuisse sagt. Und natürlich verurteile der Verband Zwangsarbeit klar. «Ein Schweizer Importverbot wäre aber keine unmittelbare Antwort auf die Zolldrohungen der USA.»Vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse kommt ebenfalls ein deutliches Nein. Es sei weder wirksam noch klug, jetzt dem Druck der USA nachzugeben und neue Gesetze zu erlassen, sagt ein Sprecher. Den USA gehe es nämlich gar nicht um ein ernsthaftes regulatorisches Anliegen. Vielmehr sei die Kritik am fehlenden Importverbot ein reines «handelspolitisches Druckmittel». Das zeige sich an der EU: Diese habe bereits ein Importverbot ab 2027 beschlossen – und werde von den USA trotzdem mit Zöllen belegt.Nicolas Bueno, Assistenzprofessor an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Fernuniversität Schweiz, würde ein Schweizer Importverbot für Produkte aus Zwangsarbeit zwar begrüssen. «Aber nicht, weil die USA Druck machen», sagt der Experte für Regulierungsfragen. Im laufenden Zollstreit würde eine solche Massnahme kaum nützen, weil das nötige Gesetzgebungsverfahren zwei oder drei Jahre dauern dürfte.Zudem stellt der Vollzug die Behörden eines Kleinstaates wie der Schweiz vor enorme Herausforderungen, wie Bueno erklärt. Es sei sehr komplex, nachzuweisen, ob bei einem Produkt tatsächlich Zwangsarbeit im Spiel sei. Die Folge: Ein Einfuhrverbot würde den Druck der USA nicht zwingend brechen. Washington könnte danach schlicht behaupten, Bern tue bei der Umsetzung zu wenig.Auch Bueno sieht die Kritik der Trump-Regierung an der Schweiz darum als Machtspiel. Das zeige sich noch an einem anderen Umstand. Die amerikanische Gesetzgebung kenne zwar im Gegensatz zur Schweizer Rechtslage ein solches Importverbot. «Dieses zielt aber nicht etwa darauf ab, Zwangsarbeit global zu bekämpfen, sondern primär darauf, Druck auf Exportländer wie China auszuüben», sagt Bueno.Schon «fast frech»Zudem ist das Importverbot laut Bueno der einzige Punkt, bei dem die USA in Sachen Nachhaltigkeit und verantwortungsvoller Unternehmensführung heute der Schweiz und der EU voraus sind. Dagegen müssten amerikanische Unternehmen zum Beispiel nicht garantieren, dass ihre Zulieferer oder ihre ausländischen Märkte frei von Zwangsarbeit seien. Die EU gehe hier viel weiter. Ihre Grosskonzerne müssten den Nachweis einer von Zwangsarbeit freien Lieferkette erbringen. Dass die USA nun die EU und die Schweiz massiv kritisierten, sei darum schon «fast frech», sagt Bueno.Auch die Schweiz ist nicht untätig geblieben. Im April hat der Bundesrat den Gegenvorschlag zur zweiten Konzernverantwortungsinitiative präsentiert. Der Gesetzesentwurf verpflichtet Konzerne mit mehr als 5000 Angestellten und über 1,5 Milliarden Franken Umsatz dazu, Zwangsarbeit in ihren Geschäftstätigkeiten zu überwachen und auszuschliessen. Aus Sicht des Experten Bueno wäre es darum klüger, den USA zu vermitteln, dass eine Verschärfung der Vorgaben zur Zwangsarbeit für die Schweizer Grosskonzerne derzeit bereits laufe.Die befragten Schweizer Verbände lehnen die Einführung eines Importverbots nicht nur darum ab, weil sie ein solches im Zollstreit als stumpfe Waffe erachten. Sie fürchten sich auch davor, dass damit ein neues administratives Ungeheuer geschaffen würde, das die Schweizer Unternehmen gegenüber der Konkurrenz in den USA und in der EU gar noch benachteiligen könnte.Der Schokoladenverband Chocosuisse verweist auf die schlechten Erfahrungen mit der EU-Entwaldungsverordnung. Diese koppelt den Verkauf von Agrarrohstoffen wie Kakao an strenge Sorgfalts- und Herkunftsnachweise.Das Problem: Schweizer Firmen müssen zwar faktisch dieselben strengen EU-Auflagen erfüllen wie ihre europäischen Konkurrenten, um überhaupt noch in die EU exportieren zu dürfen. Weil die Schweiz aber kein EU-Mitglied ist, haben hiesige Betriebe oft keinen oder nur einen erschwerten Zugang zu den relevanten EU-Meldesystemen, Datenbanken und Übergangsregelungen. Der Verband befürchtet bei einem Nachvollzug des Importverbots nun die gleichen Probleme.Der Dachverband Economiesuisse warnt ebenfalls davor, die EU-Richtlinie voreilig zu übernehmen. Das vor der Einführung stehende Importverbot der EU gilt laut dem Sprecher des Verbands für alle in die EU importierten Produkte, unabhängig von ihrem Herkunftsland. Schweizer Exporteure, die in die EU liefern, müssen sich also so oder so an diese Regeln halten. Es sei darum sinnvoll, die Umsetzung des Einfuhrverbots in der EU zu beobachten und danach zu entscheiden, «ob und in welcher Form ein Anpassungsbedarf für die Schweiz besteht».Vorschlag für eine AbkürzungUm dem drohenden Stillstand zu entgehen, wird in Bern bereits über politische Abkürzungen nachgedacht. Der SVP-Nationalrat Franz Grüter hat in der «NZZ am Sonntag» vorgeschlagen, die Lücke beim Verbot der Zwangsarbeit per Verordnungsänderung durch den Bundesrat zu schliessen, um so das Verfahren zu beschleunigen.Doch auch einem solchen Vorgehen erteilt Economiesuisse eine Absage. Der Verband warnt davor, das Importverbot als zusätzlichen Aspekt in laufende Gesetzesprojekte einzufügen, etwa in den Entwurf für den Gegenvorschlag zur zweiten Konzernverantwortungsinitiative. Damit würden völlig unterschiedliche Regulierungsansätze in einer Vorlage vermischt und die ohnehin bestehende Rechtsunsicherheit weiter verschärft, heisst es beim Dachverband.Sollte sich die Schweiz zu einem späteren Zeitpunkt für ein Importverbot entscheiden, sollte dies nach Ansicht des Verbandes «in einer eigenständigen und präzise zugeschnittenen Vorlage geschehen».Die Schweizer Wirtschaft dürfte vor allem eine Hoffnung haben: dass die Schweiz mit den USA im Sommer ein Handelsabkommen schliessen kann und so das Thema vom Tisch bringt.Passend zum Artikel