PfadnavigationHomePolitikAuslandWeltplus ArtikelMigration in Afrika„Sie wollen, dass wir verschwinden“ – Wo Bürger brutale Selbstjustiz gegen Migranten ausübenStand: 11:35 UhrLesedauer: 6 MinutenDie Schwestern Nomsa* (l.) und Lindiwe* aus Simbabwe im Ponte Tower in JohannesburgQuelle: Christian PutschSie machen Einwanderer für alle Probleme verantwortlich, terrorisieren und kontrollieren sie: In Südafrika gehen selbst ernannte Aktivisten gegen Migranten vor. Das erinnert an ein noch dunkleres Kapitel in dem Land.Als Nomsa* ihren Sohn Anfang des Jahres nach Simbabwe zurückschickt, sagt sie dem Siebenjährigen, dort sei die Schule besser. Und die Großmutter werde sich so sehr freuen, seine Freunde würden bereits auf ihn warten. Es werde schön werden.Vom eigentlichen Grund – der Angst um sein Leben und ihr eigenes – spricht die Frau aus Simbabwe nicht. Sie verschweigt den Mob, der den Direktor der Schule im südafrikanischen Johannesburg zum Rauswurf von Migrantenkindern aufgefordert hatte. Sie spricht nicht über das Krankenhaus, das ihr den Zugang verweigerte, als der Kleine Hautausschlag hatte. Oder über die Videos von Demonstrationen gegen Ausländer, die sie jeden Abend auf TikTok sieht.„Es war besser so“, sagt sie. Nomsa steht in ihrer Wohnung im 27. Stockwerk des Ponte Tower in Johannesburg und blickt aus dem Fenster. Seit Monaten verlässt die hochgewachsene Frau das berüchtigte Hochhaus kaum noch, außer wenn sie zur Arbeit muss, als Bedienung in einem Restaurant. Oder zum Studieren. Beides tut die 28-Jährige vollkommen legal in dem Land, in dem sie seit einem Jahr lebt und in dem sie sich zunehmend bedroht fühlt.Lesen Sie auchIn den vergangenen Monaten hat sich die Stimmung gegen Migranten in Südafrika spürbar verschärft. Bewegungen wie „March and March“ und „Operation Dudula“ organisieren Demonstrationen gegen Migration und fordern ein härteres Vorgehen gegen undokumentierte Ausländer. Selbsternannte Aktivisten kontrollieren Ausweise, protestieren vor Krankenhäusern und erklären in Videos und Reden, Südafrika müsse „zurückgeholt“ werden. Ende Juni, so lautet eine ihrer Forderungen, sollten Menschen ohne gültige Dokumente das Land verlassen haben.Doch in der Praxis richtet sich der Druck vielerorts auch gegen afrikanische Migranten mit gültigen Aufenthaltsrechten wie Nomsa. In der Stadt Mossel Bay wurden Häuser von Migranten niedergebrannt. Die mosambikanische Regierung spricht von fünf getöteten Staatsbürgern. Hunderte Menschen flohen. Ghana begann bereits damit, eigene Bürger aus Südafrika auszufliegen. Die Wut in den Herkunftsländern ist groß. Nigerias Polizei appellierte an ihre Bevölkerung, von Vergeltungsaktionen gegen Südafrikaner abzusehen. Die xenophobischen Angriffe in Südafrika, dem reichsten Land südlich der Sahara, richten sich besonders gegen Nigerianer, die dort oft pauschal mit Kriminalität in Verbindung gebracht werden.Die südafrikanische Regierung bemüht sich bislang erfolglos um eine Beruhigung der Lage. Präsident Cyril Ramaphosa verurteilte die Gewalt gegen Ausländer, kündigte aber gleichzeitig im Parlament an, „entschieden“ gegen undokumentierte Migranten vorzugehen. Durchaus zutreffend argumentierte er, dass Einwanderer aus strukturschwachen Nachbarländern – offiziell sind es rund drei Millionen Menschen – eine erhebliche Belastung für das Gesundheits- und Bildungssystem darstellen würden. Das offensichtliche Versagen der Sicherheitskräfte bei der Unterbindung der Gewalt rechtfertigt das natürlich nicht.Südafrika steckt seit Jahren in einer wirtschaftlichen Krise. Die Arbeitslosigkeit gehört zu den höchsten der Welt. Viele öffentliche Dienstleistungen funktionieren nur eingeschränkt. Krankenhäuser sind überlastet, Schulen überfüllt, Kommunen chronisch unterfinanziert. In diesem Klima finden diejenigen Gehör, die vor allem afrikanische Ausländer für die Probleme verantwortlich machen. Ende des Jahres stehen Kommunalwahlen an. Für Ramaphosas African National Congress (ANC) ist das Thema inzwischen auch politisch von großer Bedeutung.Auf der Straße beginnt die GefahrDas gilt auch für das Leben von Nomsa. Vor zehn Jahren kam sie aus Bulawayo im Südwesten Simbabwes nach Johannesburg, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sah. Arbeit gab es kaum. Als Friseurin verdiente sie umgerechnet nur wenige Euro am Tag. In Südafrika fand sie etwas besser bezahlte Jobs, später eine Wohnung und irgendwann ein Leben, das einigermaßen funktionierte.Heute fühlt sich dieses Leben immer eingeengter, bedrohlicher an. Ihre kleine Wohnung im Ponte Tower, die sie sich mit ihrer älteren Schwester Lindiwe* teilt, ist zum wichtigsten Rückzugsort geworden. Ausgerechnet Ponte. Das Hochhaus mit seinen 55 Stockwerken ragt wie ein Betonfinger über dem Hillbrow empor, jenem Viertel im Herzen Johannesburgs, das seit Jahrzehnten als Ankunftsort für Migranten aus dem gesamten Kontinent dient.Als Ponte im Jahr 1975 eröffnet wurde, galt das Gebäude noch als Symbol für Wohlstand, hier lebten ausschließlich gut situierte Weiße. In den 1990er-Jahren wurde der Turm zum Synonym für Kriminalität und städtischen Verfall, Anlaufstelle für Migranten. Das Haus ist inzwischen wieder besser gemanagt, die Sicherheit gilt als gut. Heute leben hier rund 1600 Menschen. Fast alle stammen aus Ländern wie Simbabwe, Mosambik, Malawi oder dem Kongo.Von den Fenstern des 27. Stockwerks aus wirkt Johannesburg friedlich. Die Hochhäuser des Finanzzentrums Sandton glitzern in der Ferne in der Sonne. Minibus-Taxis schieben sich durch den Verkehr. Menschen eilen über die Kreuzungen. Der Blick reicht bis zu den Halden stillgelegter Minen am Horizont, wo einst der Großteil der weltweiten Goldproduktion stattfand.Doch für Nomsa beginnt die Gefahr inzwischen oft schon auf der Straße vor dem Gebäude. Sie zögert, dort überhaupt zu reden, hat Angst, dass ihr Akzent ihre Herkunft verrät. Lange hatte sie dieses Risiko verdrängt. Im Jahr 2008 wurden bei fremdenfeindlichen Ausschreitungen mindestens 62 Menschen getötet. Männer wurden aus ihren Häusern gezerrt, Geschäfte von afrikanischen Migranten geplündert, Menschen vor den Augen ihrer Nachbarn ermordet. 2015 und 2019 folgten weitere Gewaltwellen, wenn auch mit deutlich weniger Todesopfern. Die Bilder haben sich tief in das Gedächtnis vieler Migranten eingebrannt.Man nimmt Präsident Ramaphosa ab, dass er eine Wiederholung verhindern will – der Reputationsschaden für das Land war enorm. Doch die Polizei habe dem öffentlichen Druck nachgegeben, erzählen die Schwestern. Da sind die Polizeikontrollen, teils willkürliche Verhaftungen befreundeter Migranten. Da sind Krankenhäuser, die ihre Behandlung verweigern. „Ich bete, dass ich nicht krank werde“, sagt Nomsa.Ihre Schwester Lindiwe, 34, Mutter von drei Kindern, hat anders als sie keine gültigen Papiere. Auch sie hat zwei ihrer Kinder nach Simbabwe geschickt. Nur die älteste Tochter, 13, blieb zurück – allerdings bei einer Verwandten in einem Vorort, wo es vermeintlich sicherer ist. Lindiwe liefert Essen und Medikamente auf einem Motorroller aus, oft zwölf Stunden täglich. Das Risiko, kontrolliert zu werden, ist bei diesem Beruf besonders groß. Aber eine Wahl hat sie nicht. Der Großteil ihres Einkommens verschwindet für Miete, Lebensmittel und Rücküberweisungen in die Heimat. „Wenn wir nicht arbeiten“, sagt Lindiwe, „essen unsere Familien nicht.“Nomsa hat gültige Papiere, aber das zähle für viele Südafrikaner nicht, sagt sie. „Sie wollen, dass wir verschwinden.“ Neulich hatte sie Schicht im Restaurant. Sie komme doch aus Simbabwe, rief ihr einer der Gäste zu. Pass auf, dass „March and March“ hier nicht aufräumt, sagte er und lachte. Es war wohl ein Scherz. Für Nomsa klang es wie eine Drohung.*Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt, wurden aber aus Sicherheitsgründen geändert.Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.
Migration in Afrika: Wo Bürger brutale Selbstjustiz gegen Migranten ausüben - WELT
Sie machen Einwanderer für alle Probleme verantwortlich, terrorisieren und kontrollieren sie: In Südafrika gehen selbst ernannte Aktivisten gegen Migranten vor. Das erinnert an ein noch dunkleres Kapitel in dem Land.














