Der andere BlickDeutschland insistiert auf einem Sitz im Uno-Sicherheitsrat. Das zeigt ein tieferes Problem: Berlin hält seinen Machtanspruch weiterhin für selbstverständlich. Viele andere Staaten tun das längst nicht mehr.08.06.2026, 18.28 Uhr4 LeseminutenNach der Niederlage ist vor dem nächsten Wahlkampf: der deutsche Aussenminister Johann Wadephul bei seiner Ankunft in Mexiko-Stadt. Berlin hat neue Kandidaturen für den Uno-Sicherheitsrat angekündigt.Juliane Sonntag / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Florian Eder, Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nur Tage nach der Niederlage bei der Wahl in den Uno-Sicherheitsrat hat die Bundesregierung ihre nächsten Kandidaturen angekündigt. Deutschland bewirbt sich für die Jahre 2035/36 und 2043/44. Das offenbart mehr als blosse Hartnäckigkeit. Es legt eine aussenpolitische Identitätskrise frei. In einer Phase der Machtverschiebung in der Welt agiert Berlin mit einem reflexhaften Weiter-so: Ein Defizit an Strategie wird mit administrativer Betriebsamkeit beantwortet.Aussenminister Johann Wadephul formulierte einen vertrauten deutschen Anspruch: Deutschland wolle «weiter Verantwortung für Frieden und Sicherheit weltweit übernehmen – auch im höchsten globalen Gremium». Das sei «auch im deutschen Interesse». Die neuen Bewerbungen sind genauso intoniert wie die eben gescheiterte. Wenig deutet darauf hin, dass das Ergebnis dann ein anderes sein könnte.Die deutsche Lesart der Niederlage – in der Politik wie vielfach in ihrer Kommentierung – behandelt das Ergebnis bis jetzt vor allem als organisatorisches Problem. Die Kandidatur sei zu spät angegangen worden, heisst es, Österreich und Portugal hätten sich früher positioniert. Beim nächsten Mal müsse Deutschland strategischer vorgehen.Nur spricht vieles dafür, dass über etwas ganz anderes abgestimmt wurde. Deutschland ist auch nicht nur an seiner Unterstützung Israels gescheitert, die ohnehin nur in den Augen ihrer Gegner eine hundertprozentige war. Diese Erklärung ist bequem, für beide Seiten. Sie erlaubt es, die Niederlage moralisch einzuordnen und die schwierigere Frage zu umgehen.Der deutsche Anspruch auf BedeutungDenn wer mit Regierungsvertretern und Diplomaten anderer Länder spricht, dem wird schnell klar: Viele Staaten störten sich weniger an einzelnen Positionen als an der Selbstverständlichkeit, mit der Deutschland Einfluss, Grösse und finanzielle Beiträge in institutionelle Ansprüche übersetzt.Aus Berliner Sicht mag das rational erscheinen. International wird es als ökonomisches Erpressungspotenzial dechiffriert. Die Bindungskraft des Geldes schwindet, wo der geopolitische Statuswert steigt: Macht lässt sich nicht leasen.Berlin spricht inzwischen offener über Interessen, geopolitische Konkurrenz und strategische Handlungsfähigkeit. Deutschland versucht führungsfähiger und machtbewusster aufzutreten. Wer sich aber aussenpolitisch sichtbarer positioniert, gewinnt Einfluss – und produziert Gegner. Auch das gehört zur Logik von Macht.In Berlin scheint diese Erkenntnis noch nicht vollständig angekommen zu sein. Denn gleichzeitig hält die Bundesregierung an einer Sprache fest, in der deutsche Macht automatisch als vernünftig, regelbasiert und wohlwollend erscheinen soll: Wir sind doch die Guten.Das funktioniert immer schlechter.Der Verweis auf Deutschlands hohe Beiträge an die Uno wirkt in Berlin wie ein Fairnessargument. Viele kleinere Staaten aber reagieren allergisch auf Akteure, die ihren Machtanspruch als universelle Vernunft tarnen.Warum Österreich Erfolg hatteGegen diese Logik organisiert sich seit Jahrzehnten Widerstand. Deshalb war auch Österreichs Kampagne so erfolgreich: weil sie die Wahl als Grundsatzfrage darstellen konnte. Sollten grosse Staaten kleinere verdrängen können, sobald sie ihren Einfluss für ausreichend bedeutend halten?In vielen Delegationen entstand der Eindruck, Deutschland beanspruche inzwischen eine eigene Kategorie: einen Anspruch darauf, in selbst definierten Abständen in den Sicherheitsrat zurückzukehren. Das traf einen Nerv, was man in Berlin völlig unterschätzt hatte. Die Abstimmung war daher auch ein Votum über den deutschen Blick auf die eigene Rolle in der Welt.Das macht den Sicherheitsrat nicht gerechter. Dass Frankreich und Grossbritannien dauerhaft vertreten sind, Deutschland aber nicht, wirkt aus heutiger Sicht schwer begründbar. Aus Sicht vieler Staaten des globalen Südens ist Europas Überrepräsentation Teil des Problems der Uno, nicht die europäischen Binnenverhältnisse.Solange Deutschland an der Forderung nach einem eigenen ständigen Sitz im Sicherheitsrat festhält, wird jede Kandidatur erneut als Versuch gelesen, den Einfluss im Zweifel eben auf Kosten der Kleinen durchzusetzen. Gegner werden dies weiter als neokolonial oder hegemonial beschreiben.Wenn sich die deutsche Kandidatur politisch nicht verändert, wird sich auch das Ergebnis kaum verändern. Es wäre deshalb klüger, weniger auf angeblich sichere Unterstützer und den nächsten Wahlkampf zu setzen, als über einen Kompromiss nachzudenken, der Deutschlands Gewicht anerkennt, ohne ein zusätzliches europäisches Vorrecht zu reklamieren.Solche Modelle – etwa ein faktisch privilegierter zusätzlicher Rotationsplatz für grössere europäische Staaten – werden in diplomatischen Kreisen längst diskutiert. In Berlin dagegen hält man bis jetzt am alten Anspruch fest.Deutschland hat noch keinen überzeugenden Umgang damit gefunden, wie deutsche Macht ausserhalb Europas wahrgenommen wird. Auch weil die Politik verlernt hat, sich mit den Augen der anderen zu sehen. Die Annahme, ein strukturelles Akzeptanzproblem lasse sich mit zehn weiteren Jahren Kampagnenführung lösen, ist eine Illusion.2 KommentareChristian Wendlandt vor 14 MinutenDeutschland sollte einfach seinen Weg zur interessengeleiteten Außenpolitik finden und mit der Welt Geschäfte machen, solange Deutschland noch etwas von Interesse anzubieten hat.Martin Thomas vor 16 MinutenDas kommt halt davon, wenn man die ganze Welt belehren will, z. B. Länder, die Hunderttausende von Kilometern entfernt sind. Autokraten zu 360 Grad Wenden animieren, kommt auch gut. Am Ende kann man dann den Schinken der Hoffnung verzehren, nur einen Sitz im Sicherheitsrat kriegt man damit eher nicht.Passend zum Artikel
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Deutschland bewirbt sich erneut um einen Sitz im Sicherheitsrat. Doch die Niederlage war kein Kampagnenfehler, sondern ein Votum gegen den deutschen Anspruch














