Der andere BlickDeutschland geht bei der Wahl für den Uno-Sicherheitsrat leer aus. Das ist ein herber Rückschlag für den Aussenkanzler Friedrich MerzDie verlorene Abstimmung sagt viel aus über Deutschlands Ansehen in der Welt. Die Regierung träumt von einer Führungsrolle – doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander.04.06.2026, 04.30 Uhr3 LeseminutenDer deutsche Aussenminister Johann Wadephul am Mittwoch vor der Abstimmung im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York.David Dee Delgado / ReutersSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Anna Schiller, Redaktorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Deutschland hat die Wahl zum nichtständigen Mitglied im Uno-Sicherheitsrat verloren. Stattdessen werden Portugal und Österreich in den Jahren 2027 und 2028 die Plätze der westeuropäischen Staatengruppe in dem wichtigsten Gremium der Vereinten Nationen einnehmen.Das ist ein Novum. In der Vergangenheit hatte sich die Bundesrepublik bei diesen Wahlen stets durchgesetzt. Für den aussenpolitischen Kurs des deutschen Kanzlers Friedrich Merz ist das ein herber Rückschlag.Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinanderMerz ist mit dem Versprechen angetreten, dass Deutschland in der Aussenpolitik wieder eine tragende Rolle einnehmen, sich international Gehör verschaffen und aktiver zur Lösung von Konflikten beitragen soll. Das Ergebnis der Wahl zeigt jedoch schmerzhaft, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen.Das Ergebnis muss für die Aussenpolitiker des Landes ein Signal sein: Viele Staaten sehen Deutschland offenbar noch nicht als jene gestaltende Macht, als die es sich selbst zunehmend versteht.Ganz offensichtlich verfügt das Land international nicht über die nötige Strahlkraft, die für die angestrebte Führungsrolle vonnöten wäre. Mehr noch: Deutschland wird nicht als der verlässliche Partner gesehen, für den es sich selbst so gern hält.Das ist umso ernüchternder, wenn man bedenkt, welche Rolle Deutschland im System der Vereinten Nationen einnimmt. Rechnet man alle Beiträge an die unterschiedlichen Uno-Organisationen zusammen, ist die Bundesrepublik der zweitgrösste Nettozahler. Doch die jährlichen Milliardenbeträge aus Berlin reichten offensichtlich nicht aus, um sich Sympathien zu erkaufen.Deutschland muss sein Selbstbild korrigierenZudem steckte in der Bewerbung ein enormer Aufwand. Diplomaten im Auswärtigen Amt waren über Jahre hinweg damit beschäftigt, hinter den Kulissen Stimmen zu mobilisieren. Der Aussenminister Johann Wadephul war am Donnerstag nach New York gereist, um noch in letzter Minute persönlich für Deutschland zu werben. Der Einsatz des Ministers fruchtete jedoch nicht.Deutschland muss diese Niederlage daher zum Anlass nehmen, sein Selbstbild dringend zu korrigieren und in der neuen globalen Ordnung endlich seinen Platz zu finden. In der vergangenen unipolaren Ära mag es für eine Mittelmacht gereicht haben, sich pflichtbewusst in den internationalen Organisationen zu engagieren und zu hoffen, dass die Amerikaner schon alles im Sinne Deutschlands regeln werden. Damals war das schon reichlich bequem, in der anbrechenden multipolaren Zeit rivalisierender Grossmächte wäre es fatal, weiter so passiv zu agieren.Das Uno-System hat an Bedeutung verloren. Seine grössten Mitglieder machen kein Hehl daraus, wie wenig sie auf die Institution geben. Weder Sondersitzungen des Sicherheitsrates noch die mahnenden Appelle besorgter Staaten konnten Putin im Februar 2022 von seinem Einmarsch in der Ukraine abhalten. Selbst die Amerikaner, die dieses System aufgebaut haben, halten es für dysfunktional. Trump hat längst seinen eigenen Friedensrat gegründet.Ansehen muss man sich erarbeitenSicher, Deutschland hat nicht nur aus ideellen, sondern auch aus strategischen Gründen ein Interesse daran, dass die Vereinten Nationen im Kern funktionieren. In einer Welt, in der nur noch das Recht des Stärkeren gilt, könnte das Land nicht überleben.Deutschland kann sich jedoch nicht mehr darauf verlassen, dass die Uno, wie einst intendiert, dauerhaft zu einer friedlichen Welt beitragen wird. Würde sich der Sicherheitsrat etwa auf eine Resolution einigen können, sollte Russland einmal eines der baltischen Länder angreifen? Aufgrund des Vetorechts der fünf permanenten Mitglieder, zu denen auch Russland selbst gehört, wohl eher nicht.Deutschland wird nur dann eine Führungsrolle übernehmen können, wenn es wirtschaftlich, militärisch und diplomatisch wieder als handlungsfähiger Akteur wahrgenommen wird. Dazu gehören eine konsequente Aufrüstung, engere Partnerschaften in Europa und ein nüchterner Blick auf die Interessen jener Staaten, mit denen man zusammenarbeiten will.Erst wenn Deutschland wieder als eigenständiger Machtfaktor wahrgenommen wird, wächst auch die Bereitschaft anderer Staaten, dem Land mehr Verantwortung zuzutrauen. Die Niederlage im Uno-Sicherheitsrat ist deshalb weniger eine diplomatische Panne als eine Erinnerung daran, dass internationales Ansehen nicht beantragt, sondern erarbeitet werden muss.Passend zum Artikel