Am Tag nach dem Debakel ist die Stimmung im Keller. Ausgerechnet gegen die kleinen EU-Partner Österreich und Portugal ist Deutschland bei der Wahl der nicht-ständigen Mitglieder in den UN-Sicherheitsrat gescheitert. Das ist eine bittere Niederlage für einen der größten UN-Beitragszahler, für „Außenkanzler“ Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul (beide CDU). Für die angeschlagene schwarz-rote Koalition und die Außenpolitik „aus einem Guss“ (Merz) ist es ein weiterer Nackenschlag.Wadephul musste die krachende Abstimmungsniederlage ausgerechnet aus dem Mund seiner Vorgängerin, UN-Generalversammlungspräsidentin Annalena Baerbock (Grüne), vernehmen. Er machte keinen Hehl aus seiner Verärgerung, sprach von einer „echten Enttäuschung“ und einer „herben Niederlage“. In der CDU ist der Ärger gar so groß, dass Hessens Minister für Internationales, Manfred Pentz, in der „Bild“-Zeitung die hohen Zahlungen Berlins an die UN infrage stellte: „Wenn wir künftig dort nicht den Einfluss haben, der uns zusteht, stellt sich die Frage: Warum sollten wir dann weiterhin so viel Geld in die UN investieren?“Doch woran lag das deutsche Scheitern? An eigenem Unvermögen? Berlins Unterstützung für die Ukraine und Russlands Einfluss, wie die Bundesregierung schon vor dem Votum argumentativ vorgebaut hatte? Oder an Deutschlands Solidarität mit Israel, dessen Regierung weltweit an Ansehen verliert und unter zunehmender Judenfeindlichkeit leidet? „Diese Kandidatur war von Anfang an dilettantisch aufgesetzt“, sagte Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung im Europäischen Parlament, dem Tagesspiegel. Während Österreich und Portugal jahrelang weltweit um Unterstützung geworben hätten, sei „Deutschland zu spät in das Rennen eingestiegen“. Internationale Beziehungen aber lebten von „langfristiger Vertrauensarbeit“. Das lasse sich nicht kurz vor einer Abstimmung aufholen.Zudem habe die internationale Gemeinschaft der Politik der früheren Außenministerin Baerbock und ihres Vorgängers Heiko Maas (SPD) sowie ihrem „unabgestimmten Vorgehen“ zunehmend kritisch gegenübergestanden, sagte Strack-Zimmermann. Auch der laut angekündigte Anspruch, ein „Außenkanzler“ zu sein, müsse sich an Ergebnissen messen lassen. Deutschland brauche nicht weniger internationale Verantwortung, sondern eine Außenpolitik, die „langfristiger, verlässlicher und strategischer“ sei.Wie Stack-Zimmermann sieht der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter einen Hauptgrund des Scheiterns darin, „dass wir zu spät in dieses Rennen gegangen sind“. So habe sich der „jahrelange Vorsprung“ von Portugal und insbesondere Österreich nicht mehr aufholen lassen. „Diese Niederlage lag allerdings keineswegs an unserer klaren pro-israelischen Haltung, denn Österreich trat hier teilweise noch deutlich solidarischer auf“, sagte Kiesewetter dem Tagesspiegel, „was eindrucksvoll beweist, dass sich eine unmissverständliche Haltung auf dem diplomatischen Parkett am Ende auszahlt.“ Wenn wir als Deutschland gar zum stärksten Geber der Vereinten Nationen aufsteigen könnten, muss sich das zwingend auch in handfesten politischen Einfluss ummünzen lassen.Roderich Kiesewetter, CDU-AußenpolitikerDeutschland müsse seine Personalentscheidungen und finanziellen Mittel „künftig weitaus zielgerichteter einsetzen“. Mit Blick auf die bald anstehende Besetzung der UN-Untersekretäre müsse die Bundesregierung „hart und klar definieren“, welche Schlüsselposition sie dort zwingend besetzen will. „Wenn wir als Deutschland auf absehbare Zeit gar zum stärksten Geber der Vereinten Nationen aufsteigen könnten, muss sich dieses enorme finanzielle Engagement zwingend auch in handfesten politischen Einfluss ummünzen lassen.“ Dieser Anspruch auf eine strategische Führungsebene müsse „ab sofort als Maßstab für unser Wirken in internationalen Organisationen gelten“.Einen konsequenteren Einsatz für nationale Interessen verlangt auch Thorsten Benner von der Denkwerkstatt Global Public Policy Institute. „Wir brauchen eine Diskussion, wie Deutschland seine Interessen in einer Welt aggressiver Großmächte bestmöglich verfolgen kann“, sagte er dem Tagesspiegel. Ein Motto wie „Respekt. Gerechtigkeit. Frieden“ wohlig als Schild ins Schaufenster zu stellen, wie bei der jüngsten Kampagne für den Sitz im Sicherheitsrat, reiche nicht aus, ist Benner überzeugt.Die Mehrheit der UN-Staaten in einer geheimen Abstimmung für sich zu gewinnen, könne kein Ziel deutscher Außenpolitik sein. Als mögliche Gründe der Niederlage sieht Benner „Israelpolitik, Ukraine-Unterstützung, Trump-Buckelei, Glaubwürdigkeitsdefizit“.