PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungWenders-Film zurückgezogenWie wir anfangen, unsere Vergangenheit umzuschreibenStand: 09:49 UhrLesedauer: 4 MinutenDie 13-jährige Nastassja Kinski als Mignon im Wenders-Film „Falsche Bewegung“Quelle: Albatros Produktion/COLLECTION CHRISTOPHEL/picture allianceImmer häufiger wird Vergangenheit nach den Maßstäben der Gegenwart korrigiert. Jetzt hat auch Wim Wenders einen Film aus dem Verkehr gezogen. Zwar ist der Fall besonders gelagert, doch erzählt er viel über ein neues Kulturverständnis.Jetzt hat er es doch getan, ausgerechnet er, Wim Wenders, einer der großen deutschen Filmemacher, der immer dafür einstand, dass die Kunst in ihrem Kern nicht verhandelbar ist. Wenders hat sich nach großem medialem Druck (und einer drohenden juristischen Auseinandersetzung) dafür entschieden, einen seiner frühen Filme vorerst zurückzuziehen. „Falsche Bewegung“ heißt das Werk von 1975, und es zeigt die 13-jährige Nastassja Kinski in einer Einstellung oberkörperfrei. Kinski will seit Jahren, dass diese Szene aus dem Film entfernt wird. Wenders zögerte, weil er die Ansicht vertritt, dass ein vollendetes Kunstwerk nicht mehr verändert werden dürfe.Lesen Sie auchDoch es ist gar nicht so sehr der konkrete Fall, sondern mehr die strukturelle Frage dahinter, die in unserer politisierten Gegenwart immer häufiger verhandelt wird und damit symptomatisch für das Kulturverständnis unserer Zeit steht: Wem gehört eigentlich die Vergangenheit? Den Menschen, die sie geschaffen haben, oder den Menschen, die heute auf sie blicken? Immer häufiger scheint es nicht mehr auszureichen, alte Werke kritisch einzuordnen, immer häufiger sollen sie verändert werden. Das sehen wir nicht nur im Kino, auch Bücher werden überarbeitet, Triggerwarnungen ergänzt, Formulierungen angepasst, Filme neu geschnitten.Natürlich gab es in der Geschichte der Kunst auch schon früher immer wieder Fälle nachträglicher Bearbeitung. Als Michelangelos „Jüngstes Gericht“ im 16. Jahrhundert als moralisch anstößig galt, wurden nackte Figuren nachträglich übermalt. Neu ist also nicht der Wunsch, Kunst zu korrigieren, neu ist nur, dass wir diesen Wunsch heute oft für Fortschritt halten.Vergangenheit wird nicht konserviert, sondern überschriebenIst ein abgeschlossenes Werk also noch verhandelbar? Die Vorstellung, ein Kunstwerk sei mit seiner Veröffentlichung abgeschlossen, verliert jedenfalls zunehmend an Bedeutung. Kultur wird immer häufiger behandelt wie Software, die man aktualisieren, korrigieren und an neue gesellschaftliche Erwartungen anpassen kann. Was gestern noch als Dokument seiner Zeit galt, erscheint heute vielen als Problem, das gelöst werden muss.Der Umgang mit dem eigenen Werk wird aber auch von den Künstlern selbst zunehmend neu gedacht. So hat Kanye West immer wieder seine Alben von Streamingplattformen heruntergenommen, verändert und neu hochgeladen. Kunst wird hier als performativer Prozess verstanden. Doch aus dem Recht eines Künstlers, sein eigenes Werk zu verändern, folgt noch lange kein Recht der Gegenwart, jedes Werk nach selbsterdachten moralischen Vorstellungen verändern zu dürfen – und hier beginnt das eigentliche Problem. Lesen Sie auchDenn aus der Tatsache, dass manche Künstler die Überarbeitung ihres Werkes zur Kunstform selbst machen, folgt noch lange nicht, dass alle Kunst zu einem permanenten Update-Projekt werden sollte. Im Gegenteil. Gerade in einer Gegenwart, die sich täglich neu erfindet, wächst der Wert jener Werke, die sich unserem Zugriff entziehen. Kunst ist nicht nur Ausdruck ihrer Zeit, sie ist vielmehr auch ihr Archiv. Wer alte Werke ständig an die Moral der Gegenwart anpasst, konserviert nicht die Vergangenheit, sondern überschreibt sie.Nicht jede Korrektur ist schädlich. Aber in der Kunst sind die wenigsten sinnvollUnd dennoch ist der Fall Kinski hier anders gelagert. Denn hier geht es eben nicht bloß um ein Kunstwerk, um die literarische Figur Mignon, sondern um einen echten Menschen, der diese Figur im Film verkörpert hat. Um ein minderjähriges Mädchen, das so gezeigt wurde, wie ein minderjähriges Mädchen nicht gezeigt werden sollte. Die entsprechende Szene herauszunehmen, erscheint in diesem Fall legitim, ja sogar geboten. Die Herausforderung besteht darin, zwischen einem begründeten Eingriff und dem Wunsch zu unterscheiden, die Vergangenheit an die Moral der Gegenwart anzupassen. Das ist kein Kulturkampf, das ist besonders hier eine komplexe Frage.Der Fall Kinski mag eine begründete Ausnahme sein. Gerade deshalb ist er so wichtig. Ausnahmen definieren die Regeln und über die sollte man sich noch einmal verständigen. Gefährlich wird es nämlich, wenn aus diesen (begründeten) Ausnahmen neue Regeln werden. Nicht jede Korrektur ist verwerflich. Aber die wenigsten Korrekturen machen eine Kultur aufgeklärter. Manchmal sind sie einfach nur der Versuch, die Vergangenheit nachträglich auf die richtige Seite der Geschichte zu zwingen. Dass sich unser westlicher Kunst- und Kulturbegriff verändert hat, dass er gerade neu verhandelt wird, in der Beständigkeit eines Werkes flexibler geworden ist, das ist Realität. Wie wir damit umgehen, sollten wir verhandeln.Dennis Sand schreibt über Popkultur und Zeitgeist. Seine Bücher mit Bushido, Jan Ullrich und dem YouTuber Montanablack hielten sich monatelang auf Spitzenpositionen in den Bestsellerlisten.