PfadnavigationHomeRegionalesHamburgFotografieErkenne dich selbst – im Bild der anderenStand: 07:31 UhrLesedauer: 6 MinutenDas Fotografie-Projekt „Being there“ von Lee Shulman und Omar Victor Diop baut schwarze Akteure in historische Kontexte ein – verweist auf den Rassismus der 50er- und 60er-JahreQuelle: © Courtesy the artistsDie Triennale der Fotografie feiert in elf Ausstellungen in acht Museen das verbindende und kritische Potenzial der Fotografie. Ein besonderer Schwerpunkt ist zu dessen 100. Geburtstag Triennale-Gründer F. C. Gundlach gewidmet.Zusammengerollt wie ein Embryo liegt eine Frau schlafend inmitten einer wild wuchernden, exotischen Pflanze, die sich, am Wegesrand bodennah wachsend, als bequemes Lager anbietet. Mensch und Natur verschmelzen auf der Fotografie der portugiesisch-angolanischen Künstlerin Mónica de Miranda zu einer Einheit, was dem Bild eine tiefere Bedeutung verleiht. Denn die Pflanze Welwitschia Mirabilis, die bis zu 1500 Jahre alt werden kann und als lebendes Fossil gilt, gedeiht nur in der Namib-Wüste in Namibia und Südangola. „Die Mirabilis-Pflanzen tragen das gesamte Archiv der angolanischen Geschichte in sich“, erklärt die Fotografin.„Auf der Reise zu einem neuen Ort des Verstehens“Angola war bis 1975 portugiesische Kolonie. De Miranda, als Tochter angolanischer Eltern 1976 in Porto geboren, setzt sich als Künstlerin, Filmemacherin und Forscherin mit ihrem afrikanischen Erbe in der Diaspora und der postkolonialen Geschichte ebenso auseinander, wie mit Fragen der Identität und Zugehörigkeit. Ihre Arbeiten sind jetzt im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg in den Deichtorhallen zu sehen. Unter dem Titel „Alliance, Infinity, Love – In the Face of the Other“ zeigt die zentrale, titelgebende Ausstellung des Festivals dort rund 500 Fotos, Videos und Filme von 30 internationalen Künstlern.Die große, höchst beeindruckende Schau wurde von Mark Sealy kuratiert, dem diesjährigen künstlerischen Leiter der Photo-Triennale und Direktor von Autograph ABP (Association of Black Photographers). Die eingeladenen Fotografen, darunter etwa Dawoud Bey, Tyler Mitchell, Teresa Margolles oder Mao Ishikawa, bilden eine transglobale Gemeinschaft, die neue Formen des Austauschens erkundet.Aus gesellschaftspolitischen Verflechtungen kristallisieren sich persönliche Geschichten heraus. Dabei verdeutlichen die einzelnen Arbeiten, worum es in der Triennale insgesamt gehen soll: das verbindende und zugleich kritische Potenzial der Fotografie, die soziale Strukturen reflektiert, Wahrnehmungen prägt und zum Perspektivenwechsel auffordert. Die Fotografie sei derzeit auf einer „Reise zu einem neuen Ort des Verstehens“, erklärt Sealy.300 Bilder aus der Sammlung F. C. GundlachAcht Museen sind mit elf Ausstellungen an dem Großevent beteiligt, das rund 279 fotografische Positionen vereint. Die Triennale fördere das „Training des Muskels der Kooperation zwischen unseren Institutionen“, sagt Kultursenator Carsten Brosda (SPD). Darüber hinaus habe sie eine Bedeutung für uns als soziale Wesen: „Sind wir noch in der Lage, andere zu sehen? Sind wir noch zu Mitmenschlichkeit fähig?“, fragt der Politiker. Es gebe „einen Wandel in der zeitgenössischen Fotografie“, ergänzt Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen: „Sie eröffnet Räume des Dialogs. Sie fordert Empathie und ein Mitdenken des anderen ein.“Die Deichtorhallen steuern vier Präsentationen zum Festival bei. So stellt „Cocktail Prolongé“ rund 300 Arbeiten aus der Kollektion des Modefotografen und Sammlers F. C. Gundlach (1926–2021) vor, der die Triennale der Fotografie im Jahr 1999 auf den Weg brachte. „Er hat die Überzeugung verfochten, dass die Fotografie eine Kunstform ist“, sagt Luckow. Mit dieser Grundthese im Kopf prägte Gundlach von den 1950er- bis 1980er-Jahren die Modefotografie und damit die Sicht auf den weiblichen Körper entscheidend mit.Familiengeschichten in SchnappschüssenAls Sammler wandte er sich aber auch provokanteren, tiefgründigeren Formen der Körperlichkeit zu, interessierte sich für Extravaganz, Unangepasstheit und Queerness. Zu den rund 70 Fotografen, die sich mit der Inszenierung des Körperlichen beschäftigt haben, zählen Diane Arbus, Richard Avedon, Erwin Blumenfeld, Irvin Penn und Cindy Sherman. Mit der Ausstellung „F. C. Gundlach – You’ll Never Watch Alone“ widmet sich anlässlich der Triennale auch das Bucerius Kunst Forum dem umtriebigen Fotografen, Galeristen, Sammler und Netzwerker (WELT AM SONNTAG berichtete).Die dritte Schau der Deichtorhallen stellt im Phoxxi zwei Lichtbildner einander gegenüber, die raumgreifend mit analoger Fotografie arbeiten: den deutsch-türkischen Künstler Abdulhamid Kircher und die deutsch-ghanaische Künstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah.Kircher setzt sich mit Patriarchat und Gewalt einerseits, mit der Suche nach Versöhnung und Nähe andererseits auseinander. Seine neun mal zwei Meter große Installation aus Schnappschüssen und persönlichen Texten versteht er als fragmentarisches Familienalbum. Auch Adu-Sanyah verarbeitet ihre Familiengeschichte. So verwendet sie historische Archivbilder vom Geburtsort ihres Vaters in Ghana und entwirft eine alternative Erzählung, indem sie Bildelemente aus dem kolonialen Zusammenhang herauslöst und neu kombiniert.Werke von Gerhard Richter und Marcel DuchampIn der Sammlung Falckenberg ist viertens die Ausstellung „Inner Mornings, or Forms of Counterculture“ zu entdecken, die vom Leben und Werk der surrealistischen Fotografin Claude Cahun (1894–1954) inspiriert wurde und Kunst in ihrem Sinne als Praxis des Widerstands begreift. Gezeigt werden rund 170 Werke von 80 Künstlern – darunter etwa Gerhard Richter, Wolfgang Tillmans, Nan Goldin, Walker Evans, Martha Rosler oder Gilbert & George –, die einseitige Geschichtsschreibung hinterfragen, Kritik an Darstellungen üben, eine alternative Historie entwerfen oder das Absurde als Waffe einsetzen.Auch die Kunsthalle präsentiert zum Festival eine Gruppenschau. Dort korrespondieren die Werke von mehr als 40 internationalen Künstlern verschiedener Generationen, darunter etwa Marcel Duchamp, Richard Hamilton, Pierre Huyghe, Rosemarie Trockel, Tacita Dean oder Walid Raad. In drei Kapiteln geht es um Erinnerungen, Mythen und Ideologien sowie um die Nutzung von Fotos und Artefakten zur Sichtbarmachung verborgener Bedeutungen.Mit historischen Quellen setzt sich auch die Schau „Bilderechos aus Peru“ im Museum am Rothenbaum (MARKK) auseinander. Dort wird gezeigt, wie Fotos und Musikaufnahmen des deutschen Amateurforschers Hans Heinrich Brüning (1848–1928), der sich fünfzig Jahre lang in Peru aufhielt und das Leben der Menschen vor Ort dokumentierte, bis heute widerhallen und durch zeitgenössische Künstler in Peru neu interpretiert werden.Einzelausstellungen von vier FotografinnenDie Triennale stellt außerdem vier Fotografinnen in Einzelausstellungen vor. So präsentiert der Kunstverein die britische Konzeptkünstlerin Nina Porter, die sich mit der Dynamik zwischen Kamera, Motiv und Bild auseinandersetzt, während das Kunsthaus von der in Köln lebenden Künstlerin Melike Kara bespielt wird, die ihr kurdisches Vermächtnis erforscht.Im Museum für Kunst und Gewerbe sind neue Arbeiten der ägyptischen, in den Niederlanden lebenden Fotografin Sara Sallam zu sehen, die sich eigens mit der archäologischen und fotografischen Sammlung des Museums sowie dessen kolonialem Erbe befasst.Für ihr Werk „Suturing Wounds“ etwa nähte die Künstlerin aus fragmentierten Faksimiles koptischer Textilien aus der Antikensammlung ein Gewand, das sie anschließend auf inszenierten Selbstporträts trug. Der Akt des Zerlegens und Neuzusammenfügens stellte für sie ein heilendes Ritual dar, mit dem sie ihrer unbekannten Vorfahren im alten Ägypten gedachte. Das Museum der Arbeit schließlich widmet sich dem Werk der britischen Fotografin Franki Raffles (1955–1994), die sich in den 1970er- und 1980er-Jahren mit der Lebens- und Arbeitswirklichkeit von Frauen in Schottland, Osteuropa und Asien beschäftigt hat. Mit ihrem Werk wollte die Fotografin, Feministin und Aktivistin soziale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten aufzeigen. Die aktuelle Relevanz hat ihre Arbeit mit den vielen anderen Positionen der Photo-Triennale gemeinsam.Triennale der Photographie Hamburg: bis 22. September. Programm und Infos: 2026.phototriennale.de/
Fotografie: Erkenne dich selbst – im Bild der anderen - WELT
Die Triennale der Fotografie feiert in elf Ausstellungen in acht Museen das verbindende und kritische Potenzial der Fotografie. Ein besonderer Schwerpunkt ist zu dessen 100. Geburtstag Triennale-Gründer F. C. Gundlach gewidmet.













