Franz Christian Gundlach, vornamentlich besser unter den Fußballklub-Initialen F.C. bekannt, hat die bundesdeutsche Modefotografie geprägt wie kein Zweiter. Seine Bilder erschienen auf den Titelblättern und in Fotoreportagen viel gelesener Magazine wie „Brigitte“, „Film und Frau“, „Stern“, „Quick“ oder „Twen“. Und einige seiner Aufnahmen – zwei Badekappen-Trägerinnen vor der Cheops-Pyramide in Gizeh, ein sonnenbebrilltes Model im Op-Art-Badeanzug – gingen ins kollektive Bildgedächtnis ein. Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg widmet dem vor hundert Jahren geborenen und 2021 gestorbenen F.C. Gundlach nun eine Ausstellung, die mehr ist als eine Retrospektive.Zu sehen sind neben 130 seiner eigenen Werke noch 70 Bilder anderer Fotografen, darunter von Erwin Blumenfeld, Richard Avedon, Regina Relang, Cindy Sherman und Wolfgang Tillmans. Es sind Fotografen, denen Gundlach als Freund oder Bewunderer, als Lehrer oder Förderer verbunden war. Kontakte zu Kollegen, die ihn interessierten, knüpfte er, wo immer er gerade arbeitete. Die Exponate stammen aus seinem Nachlass und seiner umfangreichen Fotosammlung, die zusammen den Grundstock der von ihm gegründeten Stiftung F.C. Gundlach bilden.So nimmt die Schau, kuratiert von Sebastian Lux, Franziska Mecklenburg und Sophie Charlotte Opitz, neben Gundlachs Œuvre auch seine immens wichtige Rolle als Mentor, Galerist und Sammler, Unternehmer und Lobbyist für die Fotokultur in den Blick. Drei Abschnitte der Ausstellung orientieren sich an den Hauptstädten seines fotografischen Schaffens Paris, Berlin und New York, zwei weitere thematisieren wirtschaftliche und politische Kontexte seiner Arbeit. Eine eigene Abteilung ist schließlich der von Gundlach mitgegründeten Firma Professional Photo Service (PPS) gewidmet, ein Dienstleistungsunternehmen, das Fotografen den neuesten Stand der Labor-, Studio- und Kameratechnik bot.Die Rundum-Verpoppung der frühen SiebzigerjahreIn der Ausstellung mit ihren oft exzellenten, immer interessanten und geschickt ausgewählten Arbeiten wird deutlich, was Gundlachs Arbeiten über die vieler Kollegen hinaushebt: Seine Art, die Mode zu inszenieren, gibt die Essenz des jeweiligen Zeitgeists wieder, mitunter bis an die Grenze zur Karikatur. Das gilt für Pierre Cardins „Sputnik-Girl“ oder seine orangefarbenen, zwischen Bauarbeiter- und Stewardessenlook changierenden Kreationen ebenso wie für Ursula „Uschi“ Obermaier, die sich an eine – ihr nicht ganz unähnliche – Sinalco-Puppe schmiegt und so die Rundum-Verpoppung der frühen Siebziger verkörpert.Kongeniale Kooperation: Armin Morbach x F.C. Gundlach, Rekonstruktion einer ikonischen Aufnahme von 1955 vor dem Brandenburger Tor für die Kampagne „100 Jahre Schwarzkopf“, 2018Armin MorbachZwar bildete die Mode das Leitmotiv in Gundlachs Schaffen, aber er bezog immer wieder das urbane Ambiente, die Welt hinter den Kulissen, das gesellschaftliche Gewebe mit ein. Zu Recht steht „Paris“ am Beginn der Ausstellung, denn hier schulte er in den Fünfzigerjahren seinen fotografischen Blick und Stil. Neben seinen Aufträgen als Modefotograf und Porträtist von Künstlern, Literaten und Schauspielern wie Jean Cocteau und Jean Marais betätigte sich Gundlach als Straßenfotograf, der neben der existenzialistischen auch die existenzielle Düsterkeit ablichtete, wie sie sich jenseits von Cafés, Filmstudios und Modeateliers an den maroden Fassaden heruntergekommener Stadtteile abzeichnete. Schnappschüsse, die gesellschaftliche Situationen verdichten, gelangen Gundlach auch in New York: In Harlem fotografierte er einen berittenen Polizisten vor einem Kino, das Reklame für den Western „The Last Hunt“ macht.Die Kombination von Mode mit Architektur ist ein zentrales Element in Gundlachs Bildsprache. Ein ideales Ambiente dafür bot das von Oscar Niemeyer am Reißbrett entworfene Brasilia, das er fotografierte, als es noch im Entstehen war. Die futuristisch-surrealen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, in denen er die leeren Straßenfluchten und die monumentalen Silhouetten seiner Gebäude unter wilden Wolkenformationen einfing, gehören zu den Höhepunkten der Ausstellung.Gundlachs Vermarktungsgeschick war beträchtlich„Talent, Fleiß und Fortune“ – das waren Gundlach zufolge die Ingredienzien des Erfolgs. Er hätte noch „Vermarktungsgeschick“ und „geschäftlicher Weitblick“ hinzufügen können. In welch hohem Maße er selbst darüber verfügte, wird am Beispiel seiner Arbeit für die Lufthansa sichtbar. Deren interkontinentale Eröffnungsflüge in den Fünfzigerjahren, zelebriert mit viel Prominenz und Luxus, begleitete er mit Fotoreportagen für die Werbemedien der Lufthansa ebenso wie für Magazine, die den Lesern die große weite Welt der Schönen und Reichen in die heimischen Wohnstuben holten. Statt Honorare zu verlangen, ließ sich Gundlach in Form von Freiflügen bezahlen, die ihn in entlegene Erdteile brachten.So konnte er seine Modeaufnahmen an damals noch exklusiven Sehnsuchtsorten machen, während seine Kollegen daheim ihre Szenen unter Palmen im Studio nachbauen mussten. Bei einer dieser Reisen entstand eine eindrückliche Aufnahme, die den denkbar größten Kontrast zu diesem frühen Jet-Set-Glamour darstellt: Es zeigt die verstümmelten Hände eines Lepra-Patienten, gelegt in die Hände eines Pflegers. Gundlach nahm das Bild 1963 in einem thailändischen Lepradorf auf, das von der Lufthansa finanziell unterstützt wurde.Frau in Rot: F.C. Gundlachs „Wilhelmina Cooper, Fashion Studio“, Hamburg 1965F.C. Gundlach/Stiftung F.C. GundlachEin zwiespältiges Gefühl hinterlässt das Kapitel der Ausstellung, das unter der Überschrift „Politik“ steht. Dies nicht wegen der fotografischen Qualität der Exponate, sondern wegen ihrer postkolonialistischen „Kontextualisierung“ durch die begleitenden Texte. Gewiss, einige der dort gezeigten Bilder vermitteln eine gönnerhaft-westliche Heilsbringerattitüde, die eigentlich kaum einer Kommentierung bedarf – so eine Aufnahme aus einer peruanischen Kleinstadt, auf der ein barbieblondes Model, umgeben von Quechua, mit einem einheimischen Säugling im Arm posiert. In anderen Fällen hingegen werden die kolonialen Bildmuster als Ergebnis woker Deutungskünste in die Fotografien hineininterpretiert. So bei einer Schwarz-Weiß-Aufnahme, die den verschatteten Kopf einer schwarzen Frau zeigt, die eine gleißende Brosche im Haar trägt. Es ist eine meisterhafte Komposition von Strukturen, Formen und Kontrasten, die hier unter den abwegigen Verdacht des Exotismus und der „Konstruktion“ von Andersartigkeit gestellt wird.Gelegentlich machte Gundlach die Fotogeschichte, die er mit seinen Werken schrieb, ihrerseits wieder zum Motiv: Eine Mannequin-Pose am Brandenburger Tor, die er vor dem Bau der Mauer aufgenommen hatte, stellte er zwanzig Jahre nach deren Fall zusammen mit seinem Kollegen Armin Morbach nach. Jetzt ist das Mannequin ein Model und trägt einen weißblonden Kurzhaarschnitt. Fotografiert wurde es für die Kampagne „100 Jahre Schwarzkopf“.F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone. Bucerius Kunst Forum, Hamburg; bis zum 16. August. Der Katalog kostet 39,90 Euro.
Die Hamburger Stiftung des Fotografen und Mentors F.C. Gundlach zeigt mehr als eine Retrospektive
Uschi Obermaier lichtete er als Sinalco-Puppe ab: Das Hamburger Bucerius Forum zeigt die unerreichten Aufnahmen des Fotografen F.C. Gundlach unter dem fußballaffinen Titel „You’ll Never Watch Alone“.









