Frau Wagner, egal ob Dinkelkekse, Dinkelbrot oder Dinkelpizza – der Hype um das Getreide dauert an. In vielen Supermärkten scheint es gerade im Bio-Segment präsenter zu sein als Weizen. Viele Verbraucher greifen zu Dinkel, weil sie ihn für gesünder und bekömmlicher halten. Sie als Ernährungswissenschaftlerin können mir sagen: Stimmt das überhaupt?Nein, nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft spricht wenig dafür, dass Dinkel grundsätzlich bekömmlicher ist. Der Dinkel ist eine Unterart des Weizens. Beide sind sehr eng miteinander verwandt. In ihren Inhaltsstoffen unterscheiden sie sich nicht wesentlich.Es gibt eine Studie, in der Teilnehmer angaben, Dinkel besser als Weizen zu vertragen. In Blindverkostungen zeigten sie jedoch ähnliche Beschwerden beim Konsum von Dinkel- und Weizenprodukten. Warum nehmen wir den Dinkel trotzdem als besser verträglich wahr?Dinkel wird häufig als ursprünglicher, natürlicher und weniger „überzüchtet“ wahrgenommen. Wissenschaftlich ist das jedoch nicht haltbar. Man könnte also auf einen Placeboeffekt schließen: Weil ich denke, dass Dinkel als evolutionär älteres Getreide bekömmlicher sein muss, fühlt es sich auch so an.Wenn der Dinkel nicht bekömmlicher ist, hat er dann wenigstens bessere Nährstoffe als Weizen?Beim Dinkel finden wir etwas höhere Mineralstoffgehalte, vor allem bei Magnesium, Eisen und Zink. Auch der Proteingehalt ist tendenziell etwas höher. Aber diese Unterschiede sind nicht so gravierend, dass man sagen könnte: Dinkel ist gesünder als Weizen – oder umgekehrt, Weizen ungesünder als Dinkel.Prof. Dr. Anika Wagner ist Professorin für Ernährung und Immunsystem am Institut für Ernährungswissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. Auf Instagram informiert sie unter @prof_nutritionista fundiert und wissenschaftsnah über aktuelle Fragen der Ernährung.Katrina FrieseDass der Dinkel so positiv wahrgenommen wird, könnte mit dem negativen Image des Weizens zusammenhängen.Weizen ist im Vergleich zu Dinkel ein weltweites Grundnahrungsmittel. Er wird in großen Mengen angebaut und trägt in Form von Brot oder Nudeln wesentlich zur Versorgung mit Makronährstoffen bei. Gleichzeitig hört man immer wieder, er sei genetisch besonders stark verändert oder industriell verarbeitet. Auch populärwissenschaftliche Bücher wie „Weizenwampe“ des Mediziners William Davis haben dazu beigetragen, dass Weizen häufig sehr kritisch gesehen wird.Ein Grund, warum viele Menschen Weizen meiden, sind Glutenunverträglichkeiten. Ist im Dinkel denn wenigstens weniger Gluten als in Weizen?Nein. Gluten – also das Klebereiweiß – ist im Dinkel tendenziell sogar in höheren Anteilen enthalten als im Weizen. Das gilt auch für die sogenannten Amylase-Trypsin-Inhibitoren, kurz ATIs, die mit Weizenunverträglichkeiten in Verbindung gebracht werden. Auch hier finden wir im Dinkel eher höhere Werte. Häufig wird auch behauptet, Dinkel enthalte weniger Allergene als Weizen. Das stimmt so aber nicht. Als Weizenart finden sich auch dort alle relevanten Allergene. Wer eine nachgewiesene Weizenallergie hat, kann daher in der Regel auch keinen Dinkel essen.Von Menschen mit Zöliakie – also einer medizinisch gesicherten Glutenunverträglichkeit – bis hin zu Personen mit anderen Weizenallergien: Sie alle sollten Dinkel also wie Weizen meiden?Genau. Es gibt zum einen die Weizenallergie. Dabei richtet sich das Immunsystem gegen bestimmte Weizenproteine – das muss nicht zwingend Gluten sein, es können auch andere Eiweiße betroffen sein. Das ist eine klassische Allergie vom Soforttyp, vergleichbar mit Heuschnupfen oder einer Hausstaubmilbenallergie. In schweren Fällen kann es sogar zu einer Anaphylaxie kommen.Und das andere ist die Zöliakie. Wie unterscheidet sie sich von der Allergie?Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung. Hier reagiert das Immunsystem auf Gluten. Bestimmte Spaltprodukte des Klebereiweißes lösen im Dünndarm eine entzündliche Reaktion aus. Die Darmschleimhaut wird geschädigt, was zu typischen Symptomen wie Nährstoffmangel und Verdauungsproblemen führt. Personen mit Zöliakie dürfen deshalb weder Weizen noch Dinkel oder Roggen essen.
Ernährungswissenschaftlerin klärt auf: „Dinkel ist nicht gesünder als Weizen“
Viele Menschen behaupten, Dinkel besser zu vertragen als Weizen. Aber stimmt das überhaupt? Eine Ernährungswissenschaftlerin räumt mit Mythen auf – und verrät, worauf man wirklich achten sollte.








