Da wäre zum Beispiel die Backhefe, das war 2020. In Deutschland grassierte die Pandemie, und plötzlich waren die Regale leer: Viele Haushalte hatten sich vorsichtshalber damit eingedeckt, auch Nudeln waren knapp. „Oft reicht schon das Gefühl einer Knappheit, um Verunsicherung auszulösen“, sagt der Agrarwissenschaftler Christoph Gornott, der an der Universität Kassel und am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung forscht. „Obwohl eigentlich genug für alle da gewesen wäre.“ Es gebe eben auch so etwas wie einen emotionalen Wert von Lebensmitteln, und der werde oft unterschätzt.Gornott ist einer der Autoren einer Studie zu „Resilienzschwachstellen in der deutschen Lebensmittelversorgung“. Die Untersuchung wurde von der Grünen-Fraktion im Bundestag finanziert, sie liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Einfluss auf die Ergebnisse hat die Fraktion nach Angaben der Autoren aber nicht genommen. Anhand von vier Lebensmitteln gehen sie der Frage nach, wie sich eine plötzliche Verknappung auswirken würde – und das nicht nur mit Blick auf gefüllte Mägen, sondern auch auf die gefühlte Sicherheit.Neben dem lebensnotwendigen Weizen nehmen sie deshalb auch Erzeugnisse in den Blick, die eigentlich verzichtbar erscheinen: Kaffee, Kakao und Braugerste, den Bierrohstoff. Auch die Risiken sind weit gefasst: Nicht nur den Klimawandel betrachten die Autoren, mit all seinen Extremen von Dürre bis Unwettern. Sondern auch geopolitische Verwerfungen und Cyberrisiken, etwa bei gezielten Angriffen auf die Transportinfrastruktur. Das Bild, das dabei entsteht, ist nicht sonderlich beruhigend.Denn allen Risiken ist gemein, dass sie in Zukunft eher eine größere Rolle spielen werden; sie können sich auch gegenseitig verstärken. Besonders gut belegt ist das beim menschengemachten Klimawandel. Beispiel Kaffee: Die Sorte Arabica, wie sie den europäischen Markt dominiere, komme vor allem aus Brasilien und Teilen Ostafrikas, argumentiert die Studie. „Diese hohe geografische Konzentration erhöht die Anfälligkeit gegenüber synchron auftretenden Extremereignissen.“ Die Folge wäre: massiv steigende Preise.Frühe Warnsysteme notwendigDas wiederum ließe sich abtun wie ein vorübergehender Mangel an Backhefe. Doch die Studie spielt die Effekte durch. Schließlich sei Kaffee tief in täglichen Routinen verankert. „Dauerhaft steigende Preise könnten das Gefühl struktureller Instabilität verstärken“, schreiben die Autoren. In der Folge könnten sich in sozialen Netzwerken Narrative von Politikversagen und einer fehlgeleiteten Globalisierung verbreiten. „Die Situation bliebe ökonomisch grundsätzlich beherrschbar, würde jedoch eine deutliche politisch-gesellschaftliche Dynamik entfalten“, heißt es in der Studie.Diese Dynamik ließe sich demnach auch von außen herbeiführen. Die Wissenschaftler untersuchen das am Beispiel von Kakao. Auch hier stammt der weit größte Teil aus einigen Ländern Westafrikas, importiert wird er über wenige Häfen: etwa Amsterdam und Antwerpen. Ein gezielter Cyberangriff auf diese Infrastruktur könnte Europas Kakaoversorgung empfindlich treffen – mit Folgen für Preise und Supermarktregale. Und womöglich auch für die Stimmung im Land.Die Güter müssen der Studie zufolge nicht mal von weit her kommen, damit sich derlei Verunsicherung breitmacht. Weizen und Braugerste etwa werden hierzulande angebaut, der Selbstversorgungsgrad bei Weizen liegt bei 120 Prozent. Dessen Preis allerdings entsteht am Weltmarkt, und der wiederum bildet auch Extremwetter ab: So könne eine gleichzeitig auftretende Hitzewelle in mehreren wichtigen Anbauregionen, etwa Nordindien und Nordchina, die Erträge einbrechen und die Weizenpreise ansteigen lassen. Mache dann das Wort von der „globalen Getreidekrise“ die Runde, verbreite sich auch schnell Unsicherheit bis hin zu Hamsterkäufen, dann eben von Mehl. Bei der Braugerste wiederum reiche Extremwetter in Deutschland, um die Preise von Bier ansteigen zu lassen – noch so ein sensibles Gut.„Die Nahrungsmittelproduktion in Deutschland ist krisenanfälliger, als wir das im Alltag denken“, sagt der Grünen-Agrarpolitiker Karl Bär. Konsequente Klimapolitik diene deshalb auch der Resilienz.Auch die Studie plädiert dafür, die Landwirtschaft klimaresilienter aufzustellen, etwa über Agroforstsysteme, gezielten Humusaufbau und die Förderung widerstandsfähiger Sorten. Sie macht aber dort nicht halt. So müsse die EU ihre milliardenschweren Agrarsubventionen stärker auf Nachhaltigkeit und Resilienz trimmen. Entwicklungspolitik könne dazu in aller Welt beitragen. Auch brauche es Frühwarnsysteme, um etwaige Knappheiten abzusehen und darauf zu reagieren. Anstrengungen rund um die Cybersicherheit müssten auch Landwirtschaft und Nahrungsmittel-Logistik in den Blick nehmen. „Über Jahrzehnte haben wir die sichere Versorgung mit Lebensmitteln für gegeben gehalten“, sagt Gornott. „Und jetzt stoßen wir an ganz vielen Stellen an Grenzen.“
Lebensmittelversorgung in Deutschland: Drei Gründe, warum sie anfälliger ist als wir denken
Studie zeigt Risiken für deutsche Lebensmittelversorgung durch Klimawandel, geopolitische Konflikte und Cyberangriffe. Steigende Preise und gesellschaftliche Folgen möglich.








