Lina Schuurman sitzt in einem der grauen Hörsäle ihrer Universität, als die Professorin zu schimpfen beginnt. Nach der Abgabe einer Hausarbeit ist sie unzufrieden mit der Leistung der Studierenden. Wie es denn sein könne, dass alle schlechte Arbeiten abgeben würden, fragt sie. Und dann sagt die Professorin einen Satz, der Schuurman im Kopf geblieben ist: Ihr seid doch alles nur faule Studenten. Nach der Vorlesung geht Schuurman in das Büro der Frau. Sie sagt, dass sie bis zu zwanzig Stunden pro Woche arbeitet. Dass sie sich ihr Studium selbst finanzieren muss. Ohne Stipendium, ohne Zuschuss der Eltern, ohne Bafög. Die Professorin kann es kaum glauben. Heute, mit etwas Abstand, denkt Schuurman, sie habe es einfach nicht besser gewusst. In diesen Tagen fühlt sich Schuurman an den Satz zurückerinnert. Die Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) sprach vor Kurzem über die Situation der Studenten im Land. „Wir leben in Deutschland in einer sehr privilegierten Situation: Es gibt keine Studiengebühren, und der Staat ermöglicht vielen jungen Menschen überhaupt erst ein Studium“, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Anlass war die geplante Bafög-Reform: Die Wohnkostenpauschale sollte sich erhöhen, das Bafög sich stärker an der Grundsicherung orientieren und damit steigen, der Bezug vereinfacht werden. Dazu scheint es zumindest für Bär erst mal nicht zu kommen. „Mein Haus hat alle Weichen gestellt für die Bafög-Reform, und wir sind auch im Zeitplan. Ich habe aber auch gehört, dass die Reform von den Regierungsfraktionen nicht mehr unterstützt wird.“ Dafür habe sie Verständnis: „Wenn Pflegebedürftige sparen sollen und beim Elterngeld Kürzungen vorgenommen werden, dann ist nachvollziehbar, dass man nicht gleichzeitig an anderer Stelle große zusätzliche Leistungen verspricht.“ Ein „Vollkaskostudium“ werde es nicht geben. Und sowieso – Jobben neben dem Studium sei „kein Drama“.„Es war keine einfache Zeit“Solche Töne sind nicht neu. „Wer im Studium trödelt, soll dafür nicht auch noch bei der Rente belohnt werden“, sagte Katherina Reiche (CDU) bereits 2003, damals noch als bildungspolitische Sprecherin. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) befeuert die Klischees, indem er gleich der ganzen jungen Generation vorwirft, zu wenig zu arbeiten. Das Narrativ ist das gleiche. Nur: Stimmt das, was sie sagen, überhaupt?Gleicher Hörsaal, einige Zeit später. Schuurman sitzt in einer leeren Stuhlreihe, es ist abends, nur wenige Studenten sind noch auf dem kleinen Campus in Wiesbaden. Es war nicht das erste Mal. „Ein Dozent meinte einmal, wir seien alle nur Zahnarztkinder, die alles von zu Hause mitbekämen.“Lina Schuurman, 28 Jahre, hat in Wiesbaden Innenarchitektur studiert. Im Februar hat sie ihren Abschluss gemacht. Jetzt ist sie das erste Mal wieder in dem grauen Unigebäude. Es fühle sich noch immer so an wie damals, sagt sie. „Ich bin häufig an meine Grenze gekommen.“ Schuurman überlegt, macht eine Pause beim Sprechen. „Es war keine einfache Zeit.“ Dann beginnt sie zu erzählen.Für ihren ersten Job im Studium steht Schuurman um fünf Uhr in der Backstube. Brötchen aufbacken, schmieren, verkaufen. Um neun Uhr sitzt sie in der Vorlesung. Das ist 2017. In den nächsten neun Jahren hat Schuurman viele Jobs: zum Beispiel in einem Immobilienbüro – dort macht sie Kaltakquise am Telefon. Oder bei einem Raumausstatter. Dort mag sie ihre Kollegen, aber die Arbeitsstunden sind zu gering. Zuletzt arbeitet sie in einem Architekturbüro, hier bis zu 20 Stunden die Woche. „Es gibt keine Zeit, in der ich nicht gearbeitet habe“, sagt sie. Wie denn auch? Es wäre ja gar nicht anders möglich gewesen.
Bafög-Reform: Von wegen laues Studentenleben!
Die Forschungsministerin hält Arbeiten neben dem Studium für kein Problem. Lina Schuurman hat es an ihre Grenzen gebracht.














