Fast jeder neue Fed-Chef musste schwere Börsen-Crashs meistern. Auch für Kevin Warsh ist die Gefahr einer Krise sehr realDie US-Notenbank ist regelmässig mit grossen Marktturbulenzen konfrontiert. Alan Greenspan hatte den «schwarzen Montag», Ben Bernanke die globale Finanzkrise. Was wartet auf Kevin Warsh?06.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenKevin Warsh, der neue Vorsitzende der US-Notenbank, bei seiner Vereidigung am 22. Mai im East Room des Weissen Hauses.Alex Brandon / APAn der Spitze der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) hat eine neue Ära begonnen. Mitte Mai trat mit Kevin Warsh der 17. Vorsitzende in der 112-jährigen Geschichte des Fed sein Amt an. Er leitet damit auch den für die Zinspolitik zuständigen Offenmarktausschuss.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für Marktteilnehmer bedeutet ein Wechsel auf dem Chefsessel erst einmal mehr Unsicherheit und oft auch höhere Volatilität. Ein neuer Vorsitzender pflegt häufig einen anderen Stil, verfolgt eine andere Kommunikation und hat andere Prioritäten in der Geldpolitik. Deshalb müssen sich die Börsianer erst mit dem neuen Chef vertraut machen.Alan Greenspan und der «schwarze Montag»Die Eingewöhnungsphase gilt auch umgekehrt. Als Präsident der wichtigsten Notenbank der Welt muss man seine Worte sorgfältig abwägen, da Marktteilnehmer sie genau analysieren, um daraus Rückschlüsse für die Geldpolitik und die Zinsentwicklung zu ziehen.Das beidseitige Verständnis ist noch wichtiger, wenn Märkte in Turbulenzen geraten – und das passiert regelmässig. So kam es beispielsweise im Jahr 1987 nur gut zwei Monate nach dem Amtsantritt von Alan Greenspan am 19. Oktober zum «schwarzen Montag» an der Wall Street, an dem der Dow Jones um 22,6 Prozent abstürzte. Das ist bis heute der mit Abstand grösste Tagesverlust des amerikanischen Leitindexes.Wenngleich der Absturz unübertroffen ist, kommen Krisen regelmässig vor. In den vergangenen gut fünf Jahrzehnten war fast jeder Vorsitzende der US-Notenbank mit grossen Marktturbulenzen oder gar Börsen-Crashs konfrontiert, oftmals bereits in den ersten Jahren der Amtszeit. Arthur Burns musste in seiner Präsidentschaft von 1970 bis Anfang 1978 mit der ersten Erdölkrise 1973 sowie mit dem Watergate-Skandal umgehen. In die kurze Amtszeit seines Nachfolgers G. William Miller fiel die zweite Erdölkrise 1979.In den 1970er Jahren reagierte das Fed zu wenig energisch auf die enorme Inflation aufgrund der hohen Erdölpreise, die zugleich zu einer Stagnation der Wirtschaft führten. In beiden Erdölkrisen kam es zu Marktturbulenzen durch eine starke Abschwächung des Dollars. Dieser verlor von Mitte 1971 bis März 1973 gegenüber dem Yen 25 Prozent und stürzte von Anfang 1977 bis Herbst 1978 sogar um fast 50 Prozent gegenüber der japanischen Währung ab.Erst Paul Volcker, der den Fed-Vorsitz im August 1979 für acht Jahre übernahm, bekam die Inflation wieder in den Griff, die Anfang 1980 mit fast 15 Prozent den Höhepunkt erreichte. Im Kampf gegen die Teuerung erhöhte Volcker die Leitzinsen auf rund 20 Prozent. Das führte zu einem Crash am Anleihemarkt, während der Dow Jones in dieser Zeit seitwärts lief. Erst 1983 sank die Inflationsrate in den USA wieder unter 3 Prozent.Sein Nachfolger Alan Greenspan bekam es sogar mit zwei grossen Crashs am Aktienmarkt zu tun. Nach dem erwähnten «schwarzen Montag» 1987 entwickelte sich von 2000 bis 2002 ein sogenannter Salami-Crash. Er war gekennzeichnet durch das Platzen der New-Economy-Blase 2000, die Anschläge vom 11. September 2001 und die Krise der Versicherungen 2002. In dieser Zeit sank der Dow Jones um knapp 40 Prozent.Nur fünf Jahre später hielt dann die amerikanische Immobilien- und Finanzkrise die Welt in Atem, während deren sich der Dow Jones nahezu halbierte. Das Ereignis fiel in die Amtszeit von Ben Bernanke, der das Fed von 2006 bis 2014 leitete. Obwohl sich Bernanke in seiner akademischen Karriere sehr stark mit derlei Krisen befasst hatte, erkannte er das Ausmass der Finanzkrise relativ spät. Doch dann senkte das Fed unter seiner Führung die Leitzinsen in atemberaubender Geschwindigkeit innerhalb von nur wenigen Monaten von 5,25 auf fast null Prozent.Lediglich Bernankes Nachfolgerin Janet Yellen, die nur vier Jahre, bis Februar 2018, im Amt war, musste nicht mit einer grossen Krise an den Finanzmärkten zurechtkommen. In ihrer Amtszeit erlitt jedoch der Bitcoin mehrfach grosse Rückschläge. Dem jüngst abgetretenen Jerome Powell blieben nach Amtsbeginn schliesslich zwei Jahre, bis er durch die Corona-Pandemie mit dem ersten grossen Absturz am Aktienmarkt konfrontiert wurde.Dabei gab der Dow Jones zwar Anfang des Jahres 2020 in anderthalb Monaten um 37 Prozent nach. Doch die Märkte erholten sich sehr schnell von dem Einbruch und liessen sich auch in den Folgejahren immer nur kurzzeitig erschüttern. Das galt beispielsweise für die starke Korrektur nach den ersten Ankündigungen massiver Zölle durch Donald Trump am sogenannten «Liberation Day».Warsh tritt Amt in heikler Phase anMuss also auch der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh bald mit einer grossen Finanzmarktkrise rechnen? Die Gefahr ist aus mehreren Gründen real. Die führenden amerikanischen Aktienindizes notieren allesamt auf Rekordniveau. Das ist zwar per se ein Zeichen von Stärke, das optimistisch stimmen sollte.Die Situation birgt jedoch auch Rückschlagspotenzial. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des breiten S&P-500-Indexes liegt klar über dem historischen Durchschnitt, und der Technologieindex Nasdaq 100 hat sich seit April 2025 immerhin fast verdoppelt. Aus Sicht einiger Beobachter sind die Märkte heissgelaufen und damit reif für eine Korrektur.Zudem dürften mit dem Wechsel von Powell zu Warsh so grosse geldpolitische Änderungen einhergehen, wie man sie seit langem nicht gesehen hat. Der Novize auf dem Chefposten des Fed, der allerdings von 2006 bis 2011 bereits einmal Mitglied des Federal Reserve Board of Governors war, hat bei vielen Themen eine andere Ansicht als Powell – und er hat das Fed in den vergangenen Jahren teilweise kräftig kritisiert.Aus seinen bisherigen Stellungnahmen geht hervor, dass Warsh die hohe Inflation der vergangenen Jahre auch der verfehlten Politik des Fed anlastet. Er kritisierte die immer stärkere Einmischung der Notenbank in Politikbereiche, etwa durch den enormen Ankauf von überwiegend staatlichen Wertpapieren, was wiederum zur Aufblähung der Fed-Bilanz geführt hat. Warsh will das Fed deshalb wieder stärker auf seinen Kernauftrag konzentrieren, die Preisstabilität sowie die Unterstützung des Arbeitsmarktes – und die Fed-Bilanz erheblich reduzieren.Dazu kommt, dass Warsh sein Amt unter schwierigen Bedingungen antritt. Das Fed verfehlt sein Inflationsziel von 2 Prozent seit fünf Jahren, was die Kaufkraft der Konsumenten immer stärker schmälert. Im Gegensatz zur EZB ist der primäre Auftrag des Fed jedoch nicht die Preisstabilität allein, sondern gleichgewichtig die Bewahrung der Preisstabilität und die Unterstützung des Arbeitsmarkts. Der Iran-Krieg hat über die Erdölpreise auch in den USA die Inflation angeheizt, und der Fortgang des Konflikts ist unberechenbar – inklusive neuer Eskalation.Auch deshalb gingen im Offenmarktausschuss die Meinungen bereits in der letzten Sitzung unter Jerome Powell so stark wie selten auseinander, als es um die Frage ging, ob die Notenbank die Zinsen künftig eher erhöhen oder senken sollte. An den Finanzmärkten wird inzwischen nicht mehr mit Zinssenkungen, sondern mit einer Zinserhöhung im Sommer gerechnet.Dieses Umfeld wird Warsh den Start erschweren, da Präsident Donald Trump, der Warsh als neuen Fed-Chef installierte, massiv auf tiefere Zinsen drängt. Weil Powell dem Wunsch nicht folgte, hatte Trump ihn und andere Fed-Mitglieder immer wieder persönlich angegriffen und beleidigt – ein wohl einmaliger Vorgang in der Geschichte des Fed.Abstürzende Aktienkurse: Ein Verlust von 1,6 Prozent ist beim Dow Jones eher selten. Bei richtigen Crashs fällt das Barometer deutlich stärker.Brendan McDermid / ReutersDas Fed unter dem Druck des Weissen HausesAuch Warsh wird sehr schnell den Druck des Weissen Hauses zu spüren bekommen, denn Trump erhofft sich von ihm nicht zuletzt aufgrund der hohen amerikanischen Staatsverschuldung sinkende Leitzinsen. Dabei galt Warsh zumindest früher als sogenannter Falke, der eher eine straffe Geldpolitik vertritt. Derzeit ist der 56-Jährige jedoch der Ansicht, dass der Boom der künstlichen Intelligenz (KI) eine signifikante disinflationäre Kraft ist, die zu steigender Produktivität und einer Stärkung der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit führen wird. Diese Sicht dürfte ihm geholfen haben, den Fed-Chefposten zu bekommen.Der disinflationäre Effekt der KI wird Warshs Meinung nach durch die Deregulierung und die Steuerpolitik der Regierung Trump unterstützt. Beobachter halten das zwar nicht für falsch, aber für eine etwas einseitige Sichtweise. Der KI-Boom sei erst einmal inflationstreibend. Zunächst müsse nämlich die Infrastruktur gebaut werden, doch derzeit sind Halbleiter und Strom teuer und Bauarbeiter knapp. Warsh lasse zudem strukturelle Inflationstreiber ausser acht, etwa die Demografie oder die durch aussenpolitische Konflikte verursachte Deglobalisierung.Wie Warsh derzeit genau denkt, werden die anderen Fed-Mitglieder, die Marktteilnehmer und die Öffentlichkeit Mitte Juni erfahren. Er leitet dann erstmals die Sitzung des Offenmarktausschusses und wird Journalisten während der anschliessenden Medienkonferenz Rede und Antwort stehen. Dann haben die Marktteilnehmer und Warsh die erste Gelegenheit, sich gegenseitig zu beschnuppern. Wie dieses erste Date verläuft, wird man an der Reaktion des Aktienmarktes ablesen können.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel