Die KI-Euphorie macht den Schweizer Industriekonzern Huber + Suhner zum BörsenstarDer Aktienkurs von Huber + Suhner ist allein seit Jahresbeginn um über 80 Prozent gestiegen. Die Ostschweizer Technologiefirma hofft auf das grosse Geschäft mit Google und anderen Betreibern riesiger Rechenzentren.06.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenHuber + Suhner hat einen bedeutenden Auftrag von einem «weltweit tätigen Eigentümer und Betreiber von Hyperscale-Rechenzentrumsinfrastrukturen» erhalten, teilte das Unternehmen im vergangenen Jahr mit. Die Meldung elektrisierte die Anleger.Gian Ehrenzeller / KeystoneHuber + Suhner (H+S) gilt seit Jahren als sicherer Wert der Schweizer Industrie. Dank der breiten Ausrichtung auf eine Reihe von Absatzmärkten wie den Telekomsektor, die Bahn- und die Rüstungsbranche hat der Konzern mit Doppelsitz im zürcherischen Pfäffikon und in Herisau immer wieder seine Widerstandskraft unter Beweis gestellt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Während andere Schweizer Industrieunternehmen wegen der schwachen Konjunktur in den letzten Jahren Personal abbauen mussten, arbeiten für H+S hierzulande unverändert rund 1200 Mitarbeitende. Der Umsatz erreichte im vergangenen Jahr 864 Millionen Franken.Weltweit zählt die Gruppe, die Kabel und andere Produkte für die Sprach- und Datenübertragung herstellt, 4200 Beschäftigte. Die operative Marge fiel in den letzten zehn Jahren nie unter 7,5 Prozent. Andere Schweizer Industriefirmen wären selbst in einem Spitzenjahr froh, auf ein solches Niveau zu kommen.Weg vom MauerblümchendaseinMan könnte auch sagen, jemand, der sich so stabil wie H+S entwickle, sei ziemlich langweilig. Die Aktien von H+S bewegten sich denn auch jahrelang mehr oder weniger seitwärts, das Interesse aufseiten von Investoren und Wertschriftenhäusern hielt sich in engen Grenzen.Seit dem vergangenen Jahr wird die Firma von Anlegern und Analysten aber regelrecht bestürmt. Der Aktienkurs ist allein seit Anfang dieses Jahres um über 80 Prozent in die Höhe geschossen. Seit Mitte 2025 hat er sich verdreifacht.H+S verdankt den Höhenflug Spekulationen rund um das Geschäft mit Datenzentren. Diese erleben weltweit einen Investitionsboom, weil wegen der künstlichen Intelligenz immer grössere Datenmengen verarbeitet werden müssen.Bereits in den vergangenen fünf Jahren flossen nach Angaben der Marktforschungsfirma Bloomberg Intelligence über 1600 Milliarden Dollar in den Bau neuer Rechenzentren. Bis 2030 dürften weitere 5700 Milliarden Dollar in diesem Bereich ausgegeben werden.Das Gros der Investitionen wird wohl wie bisher von lediglich einer guten Handvoll amerikanischer Technologiekonzerne geschultert werden. Microsoft, Google, Meta, Oracle, Apple und AWS, eine Tochterfirma des E-Commerce-Spezialisten Amazon, betreiben besonders leistungsstarke Datenzentren.Einer dieser Multis zählt seit vergangenem Juli zum Kundenkreis von H+S. Das Schweizer Unternehmen teilte damals mit, man habe einen bedeutenden Auftrag von einem «weltweit tätigen Eigentümer und Betreiber von Hyperscale-Rechenzentrumsinfrastrukturen» erhalten. Der Konzern fügte hinzu, dass die Bestellungen Teil einer mehrjährigen Kooperationsvereinbarung seien und in den nächsten drei Jahren «zu substanziellen Umsätzen» führen sollten. Die Meldung elektrisierte die Anleger und trug dazu bei, dass der Aktienkurs seither auf immer neue Höchststände kletterte.Am meisten profitieren Anbieter von Servern und ProzessorenAls Anbieter im Bereich der Verbindungstechnik betätigt sich H+S lediglich in einer Nische des mittlerweile billionenschweren Geschäfts mit Datenzentren. Die Marktforscher von Bloomberg Intelligence erwarten, dass von den Investitionen in den Aufbau der Rechenzentren nur zwei bis drei Prozent auf die Verbindungstechnik entfallen werden. Rund zwei Drittel der Ausgaben dürften den Herstellern von Servern und Grafikprozessoren zugutekommen.Zugleich sind die erwarteten Investitionssummen derart riesig, dass selbst für den Nischenmarkt der Verbindungstechnik enorme Umsätze abfallen sollten. Auf Basis der Annahmen von Bloomberg Intelligence werden sie bis 2030 zusammengerechnet zwischen 100 und 200 Milliarden Dollar betragen.Geschäfte mit optischen SchalternDer Auftrag, den H+S von einem der grossen Betreiber von Datenzentren erhalten hat, betrifft eine neuartige Anwendung der Verbindungstechnik. Er entfällt damit gewissermassen auf eine Nische in der Nische.Die Bestellung umfasst «eine erhebliche Anzahl» von sogenannten Optical Circuit Switches (OCS). Bei der Datenübertragung, etwa in Glasfaserkabeln, werden die Daten durch optische Signale transportiert. Treffen sie auf einen Router, zum Beispiel in einem Datenzentrum, müssen sie in elektrische Signale zurückkonvertiert werden – und anschliessend wieder in optische. Bei den Schaltern vom Typ OCS gibt es diesen Umweg nicht mehr. Die Übertragung erfolgt optisch zu optisch.Dadurch werde die Leistungsfähigkeit in Netzwerken gesteigert, erklärt Huber + Suhner auf Anfrage. In der Medienmitteilung zum Vertragsabschluss vor einem Jahr erwähnte das Unternehmen zudem, dass dank den neuartigen Schaltern der Stromverbrauch und damit die Betriebskosten von Rechenzentren erheblich reduziert würden.Nach Einschätzung des Marktforschungsunternehmens Cignal AI beschränkte sich der bisherige Markt im Bereich OCS weitgehend auf interne Geschäfte von Google. Der Technologiekonzern gilt als Pionier für diese Art der Verbindungstechnik. Allerdings dürfte sein Marktanteil in den nächsten Jahren markant zurückgehen, auch weil Google laut Branchenbeobachtern schon substanzielle Aufträge an externe Anbieter vergeben hat. Bekannt ist, dass die amerikanische Firma Coherent Google mit optischen Schaltern beliefert.Der Internetriese Google betreibt wie hier im niederländischen Eemshaven an 30 Standorten weltweit eigene Datenzentren.Jochen Tack / ImagoNachfrage übersteigt AngebotIm laufenden Jahr dürften Spezialisten wie Coherent und H+S erste namhafte Umsätze im Geschäft mit OCS erzielen. So richtig dürfte der Markt für sie aber erst 2027 in Schwung kommen. Dies gilt auch für den dritten bedeutenden Anbieter, Lumentum.Alle drei Firmen sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, mit hohem Tempo zusätzliche Produktionskapazitäten aufzubauen. Zurzeit übersteige die Nachfrage das Angebot, konstatierten Analysten der amerikanischen Bank JP Morgan vor zwei Wochen nach einem Treffen mit dem Management von Lumentum.Die Marktbeobachter von Cignal AI glauben, dass das Geschäft mit OCS bis 2029 ein Volumen von über 3,5 Milliarden Dollar erreichen wird. Etwas zurückhaltender sind die Analysten der Schweizer Grossbank UBS, die von 2,5 Milliarden Dollar ausgehen.Amerikanische Anbieter im Vorteil?Die Aktien von Coherent und Lumentum sind im Zuge der KI-Euphorie noch stärker nach oben katapultiert worden als die Valoren von H+S. Ihr Wert hat sich in den vergangenen zwölf Monaten verfünffacht beziehungsweise sogar verzwölffacht.Weil beide Unternehmen in den Vereinigten Staaten ansässig sind, könnte ihnen dies einen Vorteil bei den fast ausschliesslich amerikanischen Betreibern der grossen Datenzentren in Europa und den USA verschaffen. Die Firmen, die im Bereich der Verbindungstechnik zahlreiche weitere Produkte vertreiben, sind zudem vom Umsatz her einiges grösser als H+S. Dadurch könnten sie tendenziell von besseren Bedingungen, beispielsweise beim Einkauf von Materialien und Komponenten, profitieren.H+S scheint sich gegenüber der amerikanischen Konkurrenz aber nicht im Nachteil zu wähnen. Die Betreiber von Datenzentren seien in der Regel global tätig, schreibt das Unternehmen. Bei der Auswahl ihrer Lieferanten stünden für diese Kunden Leistung, Skalierbarkeit und Zuverlässigkeit im Vordergrund. Auf die Frage, ob auch asiatische Unternehmen in den Markt drängten, reagiert H+S mit einer floskelhaften Aussage, die Firmen in einem solchen Kontext oft verwenden: Man äussere sich nicht zu Wettbewerbern.Der Schweizer Konzern stellt seine Produkte für das Segment OCS bis anhin in Polen her. Eine zweite Fabrik wurde vor einem Jahr in Betrieb genommen, nachdem die Kapazitäten im ersten Werk nicht mehr ausgereicht hatten. Beide Produktionsstätten befinden sich westlich der Grossstadt Krakau.Mittlerweile gibt es Spekulationen, dass H+S auch so die hohe Nachfrage nicht befriedigen kann und gezwungen sein könnte, Auftragsfertiger mit der Herstellung zusätzlicher Volumen zu beauftragen. Lumentum hat bereits damit begonnen, mit Lohnherstellern zusammenzuarbeiten.Unliebsame Erfahrungen nach der JahrtausendwendeDas Management von H+S hält sich auch mit Blick auf die weitere Produktionsplanung bedeckt. So hoch die Erwartungen an das Geschäft mit den Betreibern von Datenzentren auch sind – es dürfte beim Kapazitätsausbau eine gewisse Zurückhaltung walten lassen.In Pfäffikon und in Herisau hat man nicht vergessen, wie das Unternehmen vor einem Vierteljahrhundert von einem abrupten Abschwung erfasst wurde. Als nach der Jahrtausendwende die Internetblase platzte, stornierten Kunden reihenweise Aufträge. «Huber + Suhner musste um das Überleben kämpfen», sagte der Konzernchef Urs Ryffel vor einem Jahr im Interview mit der NZZ.Passend zum Artikel