Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat einen Offenen Brief an den russischen Präsidenten Wladimir Putin veröffentlicht. Darin nimmt Selenskyj Bezug auf die in den vergangenen Monaten immer stärker sichtbar gewordene Verwundbarkeit Russlands durch die Ukraine und plädiert auch angesichts dieser Tatsache dafür, sofort Friedensverhandlungen aufzunehmen. Zudem schlägt Selenskyj Putin ein persönliches Treffen auf neutralem Boden vor, nennt aber kein konkretes Datum.„Als Sie vor 26 Jahren begannen, Russland zu führen, hatten viele in der Ukraine eine positive Einstellung Ihnen gegenüber“, schreibt Selenskyj zu Beginn. Doch das sei vorbei. „Jetzt nimmt die absolute Mehrheit der Ukrainer positiv wahr, dass unsere Langstreckendrohnen die Eröffnung Ihres Forums in Sankt Petersburg besucht und dabei mehr als tausend Kilometer zurückgelegt haben.“ Und das sei noch nicht das Ende ukrainischer Fähigkeiten.Sodann listet Selenskyj all die Konsequenzen des Krieges auf, die nun auch Russlands Bevölkerung zu spüren bekomme: Drohnenangriffe, Benzinmangel, Inflation, die immensen Verluste an der Front, Angst vor Mobilmachung, sowie endliche Ressourcen.Putin so herausgefordert wie nie„Wir in der Ukraine wollen keinen dauerhaften Krieg“, schreibt Selenskyj. Es sei Zeit, ihn zu beenden, und er glaube, dass das auch die Mehrheit der Russen wolle. Er wisse um Putins Pläne, den Krieg auch 2027 und 2028 weiterzuführen. Doch sei es ein Irrglaube, dass die Ukrainer schwach seien oder sich ergeben würden. Er schlage deshalb ein persönliches Treffen auf neutralem Boden vor, etwa in der Schweiz, der Türkei oder Ländern der arabischen Welt.Ausgangspunkt für Gespräche sei die derzeitige Frontlinie, schreibt Selenskyj. Das bekräftigt ein Zugeständnis, da Kiew lange darauf beharrt hatte, dass Russland die besetzten Gebiete räumen müsse. Zugleich fordert er einen Waffenstillstand für die Zeit der Gespräche und die Einbeziehung der USA und Europa. Diese Länder seien die einzigen, die wirksame Sicherheitsgarantien sowohl für die Ukraine als auch für Russland geben könnten. Sollte Putin sich dafür entscheiden, den Krieg fortzuführen, werde die Ukraine weiter um ihre Existenz kämpfen.Selenskyjs Brief kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Putin so herausgefordert ist wie wahrscheinlich noch nie während seiner Präsidentschaft. An der Front gelingen Russland so gut wie keine Fortschritte mehr, stattdessen greift die Ukraine Russlands Rüstungs- und Ölindustrie auch weit im Hinterland an, was enorme finanzielle Folgen für den russischen Staatshaushalt hat. Hinzu kommt, dass sich die USA aus den von ihr vermittelten Friedensgesprächen vorerst zurückgezogen haben. Zum einen, weil sie mit dem eigenen Krieg in Iran beschäftigt sind, aber auch, weil sie auf russischer Seite keine Bereitschaft zu einem Kriegsende in der Ukraine sehen.Selenskyj hatte bereits in der vergangenen Woche mit Verweis auf die Lage an der Front sowie eigene Luftangriffsfähigkeiten erklärt, dass er jetzt ein Zeitfenster sehe, Russland zu Verhandlungen zu bringen. Mit dem Offenen Brief richtet Selenskyj zudem den Fokus auf Putin.Der Kreml reagierte jedoch mit seiner Standardantwort im imperialen Gestus. Selenskyj könne nach Moskau kommen, wenn er etwas mit Putin zu besprechen habe. US-Präsident Donald Trump sagte auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus, dass er es „großartig“ finde, wenn sich Putin und Selenskyj zusammensetzen würden.