Offener Brief an Putin: Selenski schlägt dem russischen Präsidenten ein Treffen vor, um den Krieg zu beendenMit einem unerwarteten Manöver reisst der ukrainische Präsident die diplomatische Initiative an sich. Ein baldiges Treffen ist unwahrscheinlich. Dennoch setzt Selenski Putin unter Zugzwang.05.06.2026, 12.13 Uhr4 LeseminutenWolodimir Selenski wiederholt seine Bereitschaft zu persönlichen Verhandlungen mit Wladimir Putin. Als möglichen Ort für ein Treffen nennt er die Schweiz.Office of the President of Ukraine / ImagoDas Wirtschaftsforum in St. Petersburg dient dem Kreml, um Russland als Partner und Investitionsstandort anzupreisen. Der Krieg ist weit weg und braucht niemanden zu kümmern, der mit Russland Geschäfte machen will, so lautet die Botschaft von Präsident Wladimir Putin an die Welt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Ukraine gelingt es jedoch, auch im fernen St. Petersburg die Aufmerksamkeit auf sich und damit den Krieg zu lenken. Gleich zum Auftakt des Forums griffen ukrainische Langstreckendrohnen ein Erdölterminal im Petersburger Hafen an. Dicke Rauchschwaden waren am Himmel zu sehen, als die Gäste in Putins Heimatstadt eintrafen.Schweiz als möglicher TreffpunktNun hat der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski mit einem offenen Brief an Putin sein Land erst recht zum Gesprächsthema gemacht. Selenski bezeichnet darin den Krieg als persönliche Entscheidung Putins. Es sei an der Zeit, den Krieg zu beenden. Selenski betont Russlands zunehmende Schwierigkeiten auf dem Schlachtfeld und die wachsende Unzufriedenheit in der russischen Bevölkerung. Auch die Menschen in Russland bekämen die Folgen des Krieges immer stärker zu spüren.Selenski schlägt ein direktes Treffen mit Putin vor, um über ein Ende des Krieges zu verhandeln. Als möglichen Ort dafür nennt er unter anderem die Schweiz. Der Kreml hatte sich bisher bereit erklärt, Selenski in Moskau zu empfangen – ein für Kiew inakzeptabler Vorschlag.Absage an AnchorageFür die Dauer der Verhandlungen soll ein umfassender Waffenstillstand gelten. Ausserdem schlägt Selenski den Austausch aller Kriegsgefangenen vor und fordert die Rückkehr aller verschleppten Kinder und anderer Zivilisten.Dem vom Kreml oft zitierten «Geist von Anchorage» erteilt Selenski eine Absage. Das Treffen vom vergangenen August in Alaska zwischen Putin und dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump dient in Russland als Chiffre für ein Festhalten an den bekannten territorialen und politischen Ansprüchen gegenüber der Ukraine. Trump habe Putin zugesichert, dass diese Forderungen als Grundlage für eine Beendigung des Krieges dienen sollen.Fragen, die Europa und die Ukraine beträfen, würden jedoch nicht in Anchorage entschieden, schreibt Selenski in seinem Brief. Der ukrainische Präsident spricht sich für eine europäische Beteiligung an den Verhandlungen aus. Die USA seien zur Zeit vollständig durch den Konflikt mit Iran absorbiert. Auf den Brief angesprochen, sagte Trump am Donnerstag, dass er ein Treffen zwischen Selenski und Putin begrüssen würde.Putin droht mit EskalationDer Kreml hat bisher nicht offiziell auf Selenskis Schreiben reagiert, bestätigte aber, dieses erhalten zu haben. Zuvor hatte sich Putin in einer Fragerunde mit Journalisten zum Krieg geäussert und dabei an den Kriegszielen wie der Kontrolle über den gesamten Donbass festgehalten.Obwohl Russland selbst unter horrenden Verlusten nur noch geringe Geländegewinne macht, sagte Putin, dass die russische Armee weiterhin die Oberhand besitze und entlang der gesamten Front vorrücke. Kompromissbereitschaft liess der russische Präsident keine anklingen.Vielmehr zeigte er sich zu einer weiteren Eskalation bereit. Den neuerlichen Einsatz einer Oreschnik-Rakete am Montag bezeichnete er sinngemäss als blossen Testlauf. Zu wirklichen Kampfzwecken, etwa im städtischen Raum, sei die atomar bestückbare Waffe bisher nie eingesetzt worden, sagte Putin.Undiplomatischer TonDass sich Putin auf ein Treffen mit Selenski einlässt, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt unwahrscheinlich. Auch die ukrainische Seite dürfte dies nicht ernsthaft erwarten. Das Schreiben ist stellenweise sehr angriffig verfasst und zielt, in ukrainischer Sprache und ohne diplomatische Höflichkeitsfloskeln, direkt auf Putin und sein Selbstverständnis als Herrscher über ein starkes Land.Putin habe sich verkalkuliert, als er die Ukraine angegriffen habe, schreibt Selenski. Die Ukraine leiste erfolgreich Widerstand und werde es auch weiter tun. Man wisse um die Pläne des Kremls, Weissrussland oder Transnistrien in den Krieg hineinzuziehen und bereite sich darauf vor.In Anspielung auf die Kursk-Offensive in den Jahren 2024/25 schreibt Selenski, dass es Russland nur mit nordkoreanischer Hilfe gelungen sei, die ukrainische Armee vom russischen Territorium zu vertreiben. Zudem sei Russland heute vollständig von China abhängig, während die Ukraine in der Golfregion als Sicherheitspartner geschätzt werde.Putin solle an sein politisches Erbe denken. Die Hälfte seiner bereits 26 Jahre dauernden Amtszeit führe er Krieg gegen die Ukraine, ohne nennenswerten Erfolg. Allmählich mache sich das Alter bemerkbar. Mit solchen Spitzen erinnert der Brief ein wenig an den bissigen Erlass von Anfang Mai, als Selenski den russischen Truppen grosszügig «erlaubte», am 9. Mai auf dem Roten Platz in Moskau eine Siegesparade abzuhalten.Putin unter ZugzwangTrotzdem ist der Brief mehr als nur ein weiteres Manöver, um Putin einen symbolischen Tritt ans Schienbein zu versetzen. Selenski reisst die diplomatische Initiative an sich und demonstriert unmittelbarer und öffentlichkeitswirksamer als je zuvor seine Bereitschaft, auf ein Ende des Krieges hinzuwirken.Einmal mehr beweist die Ukraine dabei, dass sie sich auf strategische Kommunikation versteht. Kommt das Treffen nicht zustande und dauert der Krieg an, muss sich Putin erklären, vor der Welt und irgendwann vielleicht sogar vor dem eigenen Volk.Passend zum Artikel
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