Mit 40 kommen viele Erwachsene in eine „Midlife-Crisis“ und melden sich als Reaktion für einen Marathon an – sie laufen quasi mehr als einen Kilometer für jedes Lebensjahr. Zu seinem 40. Geburtstag läuft auch der Gasteig einen Kulturmarathon und zeigt am 5. und 6. Juni in vierzig Stunden geballt alles, was er das ganze Jahr über zu bieten hat. An fast 365 Tagen im Jahr finden dort Konzerte, Tanzaufführungen, Workshops, Performances und Theater statt. Klingt nicht nach einer altersbedingten Identitätskrise, sondern eher nach der Blütezeit des Bestehens.Der Gasteig beherbergt dabei mehrere Kulturinstitutionen, unter anderem die Münchner Philharmoniker, die Münchner Volkshochschule und das Richard-Strauss-Konservatorium der Hochschule für Musik und Theater München. Der ursprüngliche Standort des Kulturzentrums liegt in Haidhausen und wurde 1985 eröffnet. Aufgrund gravierender baulicher Mängel wird der Gasteig Senior bis voraussichtlich 2033 vollständig saniert, weshalb er seit 2021 als „Gasteig HP8“ interimistisch in Sendling residiert. Der Name rührt von der neuen Adresse des Gasteigs, der Hans-Preißinger-Straße 8.Die denkmalgeschützte Halle E ist das Herzstück des neuen Standorts, eine ehemalige Trafohalle, deren Fassade aus rotem Backstein besteht. Im Inneren zieren noch abgenutzte, bunte Hallenmarkierungen den Betonboden und unter dem Glasdach sieht man noch einen alten Kran, der den Industriecharme des Baus unterstreicht. Momentan hängt dort eine überdimensional große Discokugel mit knapp fünf Metern Durchmesser. Die Installation trägt den Namen „Play“ und ist ein Werk der türkischen Künstlerin Ayzit Bostan, die 2023 den Designpreis der Landeshauptstadt München erhielt. Die Halle E ist jeden Tag von 7 bis 23 Uhr für jeden frei zugänglich und neben einem Veranstaltungsort auch das Foyer für die Isarphilharmonie. So mische sich das Publikum und neue Begegnungen entstünden, meint Pressereferentin Melanie Brandl.Kunst und Kultur müssen nichts sein, wofür man ein Ticket braucht, so Brandl. Sie und ihre Kollegin, Kathrin Metzner, erleben das tagtäglich. Das Erdgeschoss der Halle E verwandle sich etwa regelmäßig in einen Indoor-Spielplatz, wenn Eltern bei Schlechtwetter mit ihren Kindern kommen und diese mit ihren Rollern und Bobbycars durch den Raum flitzen. Bei den Silent Discos auf der Kulturinsel vor der Halle E bemerken die beiden ebenfalls besondere Nebeneffekte. „Hier kommen viele Pärchen mit ihrem Kind in einer Babytrage und tanzen zusammen, während das Baby schläft, weil es ja ruhig ist“, erzählt Brandl. Auch bei der 40-Stunden-Gasteig-Veranstaltung wird es eine Silent Disco geben, wo gleich zwei DJs von Radio Charivari – DJ Kris und DJ Antonio – die Crowd mit Musik versorgen.Mit rund 1800 Veranstaltungen pro Jahr ist das Programm mehr als gut gefüllt. Aber viele Leute bekämen gar nicht mit, was der Gasteig tatsächlich alles zu bieten hat: „Es geht auch darum, den Leuten zu zeigen ‚Mensch, hier geht noch so viel mehr als die eine Veranstaltung, bei der du immer bist‘“, so Brandl. Aus diesem Grund soll in diesen 40 Stunden geballt gezeigt werden, was sonst das ganze Jahr über passiert – mit Tanz, Musik, Bastel- und Schreibworkshops, Filmen und Lesungen.Christian Benning will Percussion mit Ballsport kombinieren. shotbywozniakDer Marathon startet am Freitag, 5. Juni, um 10 Uhr mit einem Picknick unter der strahlenden Discokugel und wird von einem modernisierten Jazz-Manouche des Julian Blumenthaler Trios begleitet. Bei Tageslicht finden in allen Ecken des Gasteigs Veranstaltungen und Workshops für Jung und Alt statt. Das Dachauer Percussion-Multitalent Christian Benning verbindet in der Show „Beats’n’Basketball“ Percussion mit Ballsport und enthüllt zusammen mit Felix Kolb, Marcel Morikawa, Godwin Schmid, Patrick Stapleton und Daan Wilms die Harmonie zwischen Basketball, Musik und Rhythmus. Kassandra Wedel und Elisabeth Brichta zeigen in einem Workshop, wie man Musik mit Gebärden tanzen kann und den ganzen Tag gibt es Bastelstationen mit Origami, Ölkreiden und Siebdruck.Zu später Stunde weichen Trubel und Treiben dann einer eher gemütlichen Atmosphäre. In der Nacht von Freitag auf Samstag verwandelt sich die Halle E in ein riesiges Wohnzimmer mit Heimkino. Die Besuchenden können dort mit ihren eigenen Schlafsäcken campieren und an der wohl größten Übernachtungsparty Münchens teilnehmen. Die ganze Nacht lang werden hier im Rahmen des Filmfests München die besten Filme aus der Vergangenheit des Film-Festivals zu sehen sein. Für frühe Vögel oder Partyhungrige startet am Samstagmorgen um sechs Uhr früh ein „Early Hours Rave“ des Kollektivs „wakeupsocietymunich“ und gibt mit basslastiger Musik den Stimmungstakt für den nächsten Tag vor.Das Münchener Kammerorchester lädt Publikum auf die Bühne ein. Florian Ganslmeier/Anne GanslmeierDoch nicht nur externe Kollektive und Kunstschaffende gestalten das Programm, auch die eigene „Gasteig-Familie“ mischt mit. „Wir haben diese Power“, so Metzner und betont die Zusammenarbeit der Kulturinstitutionen im Haus. So gibt es am Freitag-Abend etwa zwei kostenlose Überraschungskonzerte im großen Konzertsaal der Isarphilharmonie. Wer wissen möchte, wie es sich anfühlt, inmitten eines Orchesters zu sitzen, der kann am Samstag von 15.30 Uhr an zwischen den Musikerinnen und Musikern des Münchener Kammerorchesters Platz nehmen. Für Teile des Publikums sind Plätze auf der Bühne reserviert. Ilknur Warnecke und Susanne Kermer machen die Musik in ihrer Deaf-Performance mit Gebärdensprache sichtbar und eröffnen neue Zugänge zur Musik.Trotz des vollen Programms soll 40 Stunden Gasteig mehr sein, als eine bloße Aneinanderreihung von Veranstaltungen. Es ist wie ein statischer Hop-on-Hop-Off-Bus, der sich durch seinen Festivalcharakter auszeichnet. Der Gasteig versucht in diesen Stunden noch mehr ein Ort zu sein, an dem Leute zusammen kommen und gemeinsam Kultur erleben können. Die politische Einstellung spiele dabei keine Rolle, die Gesellschaft müsse wieder mehr zusammenrücken und eine gute Zeit miteinander haben. „Eine gute Zeit zu haben kann sehr politisch sein“, so Metzner.Der Kulturmarathon ist die Klimax der Jubiläumssaison, das große Finale ist dann Ende Juli „Tanz den Gasteig“, wo sich das ganze Areal in ein multi-stilistisches Tanzparkett verwandelt.40 Stunden Gasteig, 5.–6. Juni 2026, Hans-Preißinger Straße 8, 81379 München, weitere Informationen unter: gasteig.de