Im Wein-und-Käse-AlterZu alt für WG-Partys, zu arm für Dinner-Tafeln? Unser Autor fragte sich lange, wie er seinen 35. Geburtstag feiern soll. Bis er auf ein neues Konzept stiess – das eigentlich ein altes ist.Timo Posselt29.05.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenDer neue Partytrend: alles Käse!Getty ImagesAn meinem 34. Geburtstag hatte ich, ohne lange nachzudenken, zu mir nach Hause eingeladen. Ich schaffte mithilfe meiner Mitbewohnerin so viel Bier wie möglich in meine WG, füllte die Badewanne mit Eis und stellte eine Anlage in mein Zimmer für einen Dancefloor. Schliesslich wurde es keine schlechte Party.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Okay, der Espresso-Martini-Fleck auf dem Teppich war unnötig. Genauso die Zigarettenstummel in den Topfpflanzen. Aber am Ende wurde sogar getanzt.Hauptsache, es hat sich niemand ins K-Hole geballert, die Polizei gerufen oder in den Ficus gereihert. Alles in allem war es also eine gute Party. Dennoch beschlich mich im Nachgang das Gefühl, dass ich womöglich an meinem nächsten Geburtstag zu alt bin für eine Home-Party mit Badewannen-Bier.Aber was war die Alternative?Ein Freund, der kürzlich sein 39. Lebensjahr feierte, hatte zusammen mit fünf anderen Geburtstagskindern einen ganzen Klub gemietet. Diese Party war unter objektiven Gesichtspunkten der absolute Abriss.Es müssen mehrere hundert Leute gewesen sein, die zuerst «Wonderwall» beim Karaoke mitgrölten und dann bis Tagesanbruch zu Techno tanzten. Nur fühlte sich der Abend weniger wie ein Geburtstagsfest und mehr wie ein Klubbesuch an.Bereits auf dem Heimweg kam ich zu dem Schluss, dass ich mir für meinen Geburtstag einen solchen Maximalismus nicht vorstellen konnte. Zumindest noch nicht. Allein schon aus finanziellen Gründen. Stattdessen schwebte mir etwas Intimeres vor. Etwas, bei dem meine Freunde untereinander ins Gespräch kämen, und wer weiss, sich vielleicht sogar zwei Singles finden würden.Käse geht immer.Getty Images«Letzten Samstag habe ich das perfekte Partykonzept erlebt», erzählte mir kurze Zeit später eine Freundin aus Basel am Telefon. Sie schwärmte von der Einladung, auf der stand, alle sollen einfach eine Flasche Wein und einen Käse mitbringen. Die Gastgeberin hatte nur Brot, Butter, Geschirr und Gläser zur Verfügung gestellt. Und vielleicht noch die eine oder andere Weinflasche für den Notfall. Mehr Aufwand hatte sie nicht. Und vor allem auch nicht mehr Ausgaben.Eine ganze Tafelrunde zum Essen einzuladen, wie das früher vielleicht noch normal war, das können sich viele in meinem Alter schlicht nicht mehr leisten. Wie es tönte, befand sich auch besagte Gastgeberin gerade in der finanzbiografischen Daumenpresse von wahlweise befristeten Verträgen, mehr oder weniger freiwilliger Selbständigkeit, Kurzengagements «beim RAV» und den schlicht gottlosen Mietpreisen in Basel, Zürich, Bern oder Berlin.Begeistert erzählte meine Basler Freundin am Telefon, wie sie den ganzen Abend gesnackt, getrunken, geplaudert und schliesslich sogar die Tische weggeschoben hatten, um zu tanzen. «Dieses Konzept klau ich jetzt», verkündete sie am Schluss.Diese Käse-Wein-Abende seien auch bei französischen Millennials bereits ein grosses Ding, sagte sie noch, bevor sie auflegte. «Google doch mal soirée vin et fromages.»So richtig konnte ich mir das noch nicht vorstellen. Es stimmte schon, Käse geht eigentlich immer. Aber Wein? Musste man sich da nicht auskennen? Was war plötzlich falsch an kühlem Bier? Kam ich mit Mitte 30 jetzt etwa gezwungenermassen ins Weinalter?Vielleicht war es ja auch normal, dass man sich jenseits der Zwanziger, statt in Klubnächten das alternde Oberstübchen wegzuballern, lieber zur gediegenen Genussmittelverkostung trifft.Dabei war Wein für mich immer das prätentiöse Arschloch unter den Getränken. Das fing schon beim Einkauf an. Wie oft stand ich vor Regalen und fragte mich, ob ich den Wein mit der schönen Etikette, den unter 10 Franken oder den biologischen nehmen sollte? Wie oft habe ich irgendwo eine gute Flasche mitgetrunken, das Etikett fotografiert, um sie dann garantiert in keinem Coop-Weinregal jemals zu finden?Was stand ich schon mit der Vivino-App im Denner und scannte mich durch die «Wochenendknaller», nur um einzusehen, dass ich es in meinem Preissegment nie über die Höchstnote 3,7 von 5 Sternen schaffen würde? Deshalb habe ich irgendwann entschieden, dass ein Genussmittel, für das eine Weiterbildung nötig ist, keins für mich ist.Bis die Einladung zum Geburtstagsfest einer anderen Freundin per Whatsapp eintraf.Sie trug den Titel: «Cheese and Wine and Friends With Time», und das kam mir bekannt vor. Die Freundin schrieb, dass sie sich für das Motto von einem peinlichen Wandbild mit Weingläsern und Käsestücken in einem Airbnb in Kopenhagen inspirieren liess.Die Party kann beginnen.FABRICE COFFRINI / AFPSie lud in die Galerie in Berlin-Friedrichshain ein, wo sie auch arbeitet, und schrieb, sie freue sich riesig auf einen «(mehr oder weniger) gediegenen Schmaus, ganz wie es sich für die 30er gehört». Mitbringen sollte man seinen «Lieblingskäse» und seinen «Lieblingswein». «I can’t wait!», schrieb sie noch, und: «Bussi».Es klang wie das beste Alternativprogramm zu teuren Klubnächten und siffigen Home-Partys, und für mich war es nun Zeit, meinen Ängsten zu begegnen.«Kann ich helfen?», fragte der ältere Verkäufer in der Weinhandlung in Berlin-Mitte, in die ich mich noch vor einem Jahr nie getraut hätte. Er trug einen nicht weniger einschüchternden Henriquatre-Bart, und ich antwortete ihm mit jenem Satz, den ich mir vorher zurechtgelegt hatte: «Ich suche einen guten trockenen Weisswein für unter 10 Euro.» Wider Erwarten kam ihm mein Wunsch gar nicht ungewöhnlich vor.Am Ende verliess ich das Geschäft sogar mit zwei Flaschen für je weniger als 10 Euro. Eine Cuvée aus Weissburgunder und Chardonnay von Hammel & Cie, laut dem Verkäufer das «Schweizer Taschenmesser unter den trockenen Weissweinen», mehr Überzeugungsarbeit für die 8,40-Euro-Flasche brauchte ich nicht.Dazu kam ein weisser Bordeaux von Château Saint Florin für 7 Euro mit einem Etikett, das so bemüht traditionsreich aussah wie der hinterletzte Kochwein. Von meinem letzten Besuch in der Schweizer Heimat hatte ich noch einen Appenzeller Käse, der jede deutsche Edamer-, Tilsiter- oder Limburger-Lächerlichkeit in den Schatten stellte. Den schnappte ich mit den Flaschen aus meinem Kühlschrank, steckte ein paar Kerzen ein, und dann ging es los auf die, ähm, Party.Das Geburtstagskind hatte eine grosse Tafel aus Biertischen und Bänken mit Tischtüchern angerichtet. Beim Eingang stand eine riesige Schüssel mit Eis, wo wir unsere Weine deponierten, und am Ende des Galerieraums stand ein Tisch mit einem Käsebuffet, das aussah, als sei es hergerichtet für die Hofgesellschaft von Versailles des frühen 18. Jahrhunderts und nicht für einen Haufen Selbständiger, Studentinnen und Dauerpraktikanten mit chronischer Geldnot.Ich setzte mich zu ein paar Halbbekannten, öffnete die erste Flasche, und sagen wir es so: Es sollte nicht die letzte bleiben. Nacheinander steckten wir die mitgebrachten Kerzen in die leeren Flaschen, bis sich auf den Tischen ein önologisches Lichtermeer ausbreitete.Ich bediente mich ausgiebig am Buffet, kam oft schon dort mit neuen Leuten ins Gespräch und plauderte bis halb 3 Uhr nachts durch. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich jemals an einem einzigen Abend so viele neue Leute kennengelernt hatte.Es fühlte sich ungewohnt an für einen Millennial wie mich, der mit Social-Media- und Dating-Apps erwachsen geworden ist, die uns hartnäckig vorgaukelten, man käme dort statt im richtigen Leben mit anderen Menschen in Kontakt.Als irgendwann die letzte Flasche ausgetrunken war und sich niemand so recht des lauwarmen Rotkäppchen-Sekts erbarmen wollte, war ich nicht nur versöhnt mit meiner Schwellenangst vor dem Weintrinken, sondern auch mit meinem Alter.Mit Mitte 30 muss ich Geburtstage nicht mehr wie verlängerte Zwanziger feiern und kann trotzdem Teil eines Partytrends sein. «Cheese and Wine and Friends with Time» ist für meinen nächsten Geburtstag gesetzt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel