Wie konnte es zu Deutschlands Niederlage in der Uno kommen? Experten sagen, es habe an der eigenen Anspruchshaltung gelegenNach der verlorenen Abstimmung zum Sicherheitsrat beginnt in Deutschland die Aufarbeitung. Während einige die Gründe in der deutschen Nahostpolitik suchen, sehen Politologen strategische Fehler.Eric Matt, Berlin04.06.2026, 17.15 Uhr5 LeseminutenZwei Sieger, ein Verlierer: die Aussenminister von Portugal, Österreich und Deutschland (von links) vor der Wahl für den Uno-Sicherheitsrat am Mittwoch.Bianca Otero / ImagoAusgerechnet Annalena Baerbock, Deutschlands frühere Aussenministerin und jetzige Präsidentin der Uno-Generalversammlung, verkündete am Mittwoch die herbe Niederlage für ihr Heimatland: Bei der Wahl für den Uno-Sicherheitsrat ging Deutschland leer aus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Stattdessen werden Österreich und Portugal als nichtständige Mitglieder in den Jahren 2027 und 2028 im wichtigsten Gremium der Vereinten Nationen sitzen. Aus anderen Teilen der Welt schafften es Kirgistan, Simbabwe sowie Trinidad und Tobago in den Sicherheitsrat. Das gab Baerbock am Mittwoch bekannt.Deutschlands «Doppelmoral» war nicht entscheidendBesonders überraschend war, wie deutlich Deutschland an der nötigen Zweidrittelmehrheit von 127 Stimmen gescheitert ist. Deutschland kam auf 104 Stimmen, Österreich auf 131 Stimmen. Wie es zu diesem Ergebnis kommen konnte? «Die Gründe, warum Staaten nicht gewählt werden, sind vielfältig, weil auch die Uno-Mitglieder und ihre Interessen vielfältig sind», sagt Holger Niemann vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.In der Generalversammlung der Vereinten Nationen sitzen alle 193 Mitgliedstaaten. Sie wählen die nichtständigen Mitglieder des Sicherheitsrates.Juliane Sonntag / ImagoDer Sicherheitsrat ist das wichtigste Organ der Vereinten Nationen. Seine Aufgabe ist es, Frieden und Sicherheit in der Welt zu gewährleisten, dafür darf der Rat unter engen völkerrechtlichen Voraussetzungen auch militärische Gewalt einsetzen. Das Gremium besteht aus 15 Mitgliedern, darunter sind fünf Mitglieder dauerhaft vertreten, die gegen alle inhaltlichen Entscheidungen ein Vetorecht besitzen. Dies sind die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges China, Frankreich, Russland, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten. Alle zwei Jahre werden zudem die zehn nichtständigen Mitglieder gewählt. Hierfür kandidierten Deutschland, Österreich und Portugal.In der öffentlichen Debatte ist seit der Wahlniederlage aus der deutschen Opposition häufig das vereinfachte Argument zu hören, Deutschland sei an seiner eigenen «Doppelmoral» gescheitert. So zeige sich die deutsche Bundesregierung unnachgiebig bei Russlands Angriffskrieg in der Ukraine, sei zugleich aber zurückhaltend, das Verhalten der Vereinigten Staaten und Israels in Iran, Gaza oder Libanon zu kritisieren. Für diesen Widerspruch habe Deutschland nun die Quittung erhalten. Zwar sagte der Aussenminister Johann Wadephul, Deutschlands Rolle im Nahen Osten sei für die Wahlniederlage nicht entscheidend gewesen. Doch selbst er ging davon aus «dass das uns die eine oder andere Stimme gekostet hat».Deutschlands Aussenminister Johann Wadephul am Mittwoch in New York nach der gescheiterten Wahl.Eine derartige Argumentation verkennt jedoch den Umstand, dass auch das neutrale Österreich ein enger Partner Israels ist und eine ähnliche Nahostpolitik verfolgt, die den jüdischen Staat mitunter noch stärker unterstützt. Als im Oktober 2023 etwa in der Uno über einen Waffenstillstand im Gaza-Krieg abgestimmt wurde, hatte sich Deutschland lediglich enthalten, während Österreich dies abgelehnt hatte. Grund war, dass die terroristische Hamas in der Resolution nicht erwähnt wurde.Zudem hat die Regierung in Wien, wie auch Deutschland, einen eigenständigen Staat Palästina bislang nicht anerkannt. Das Wahlergebnis lässt sich daher kaum ausschliesslich mit der Nahostpolitik erklären, vielmehr ist dies einer von mehreren Bausteinen.Deutschland entschied sich für eine KampfkandidaturWenn also nicht die deutsche Nahostpolitik entscheidend war, welche Gründe könnte es dann noch für die Niederlage geben? Der Politologe Niemann, der zum Uno-Sicherheitsrat promovierte, hält die «deutsche Anspruchshaltung» für wesentlich. Denn Deutschland wollte, nachdem man zuletzt 2019 und 2020 im Sicherheitsrat sass, erneut Mitglied werden, zum siebten Mal. Viele andere Staaten hingegen würden «Jahrzehnte warten, um überhaupt ihre erste und vielleicht einzige Ratsmitgliedschaft zu erreichen». Deutschlands Ansatz, eine «quasi regelmässige Mitgliedschaft zu verfolgen und einen wiederkehrenden Sitz als Selbstverständlichkeit» zu erachten, sei daher fragwürdig.Holger Niemann hat zum Uno-Sicherheitsrat promoviert.Quelle: IFSHEinen Hinweis auf diese Selbstverständlichkeit gab es auch im vergangenen September bei der Uno-Generalversammlung. Kanzler Friedrich Merz entschied sich damals – entgegen den diplomatischen Gepflogenheiten –, nicht nach New York zu reisen und stattdessen seinen Aussenminister zu entsenden. Österreich hingegen reiste mit seinem Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, dem Bundeskanzler Christian Stocker sowie der Aussenministerin Beate Meinl-Reisinger an.Dass es überhaupt zu einem Wettbewerb zwischen Deutschland, Österreich und Portugal kam, liegt ebenfalls am deutschen Verhalten. Denn die nichtständigen Mitglieder des Sicherheitsrates werden nach einem Regionalproporz gewählt. Im Falle der drei Länder ist das die Regionalgruppe «Westeuropa und sonstige Staaten (WEOG)», für die es jedoch nur zwei Sitze im Sicherheitsrat gibt.Gängige Praxis ist es, dass die Regionalgruppen nur so viele Bewerber aufstellen, wie Plätze zu vergeben sind. Zwar gibt es in der europäischen Regionalgruppe deutlich öfter Kampfkandidaturen als etwa in Afrika oder Lateinamerika. Dennoch wusste Deutschland, als es 2020 seine Kandidatur offiziell machte, dass es für einen der drei Staaten somit nicht klappen würde. Denn Österreich hatte seine Kandidatur bereits 2011 bekanntgegeben, Portugal im Jahr 2013.Österreichs Aussenministerin Beate Meinl-Reisinger am Mittwoch in New York nach der erfolgreichen Wahl.In der Vergangenheit ging diese Wettbewerbsstrategie auf. So konnte sich Deutschland 2010 in einer Kampfkandidatur durchsetzen, während Kanada leer ausging. Auch 2018 gab es neben Deutschland zwei weitere Bewerber, bis Israel seine Kandidatur kurz vor der Wahl zurückzog und den Weg freimachte.Österreich überzeugte mit seiner Vision – anders als DeutschlandExperten sehen jedoch noch einen grundsätzlicheren Grund für Deutschlands Niederlage, nämlich die langfristige Aussenpolitik. Patrick Rosenow von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen kritisiert, dass Deutschlands Regierung keine kohärente Strategie für die Vereinten Nationen habe. «Die wichtigsten Ministerien sind nicht in der Lage, eine gemeinsame Vision in einer sich wandelnden Welt zu vermitteln», sagt Rosenow. Dies habe die Kampagne für den Sicherheitsrat gezeigt, die sich vor allem auf die hohen Beitragszahlungen gestützt hatte.Patrick Rosenow arbeitet für die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen.Quelle: Frank PetersTatsächlich ist Deutschland seit langem der zweitgrösste Geldgeber des Uno‑Systems und könnte mittlerweile gar der grösste Geber sein, seit die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump ihre Beiträge nicht mehr bezahlen. Daher beansprucht man auch eine gewichtige Stimme innerhalb der Vereinten Nationen. Als Argument allein reicht das jedoch kaum. Rosenow sagt, die europäischen Konkurrenten seien inhaltlich überzeugender gewesen: «Portugal warb stark mit seiner Rolle als Brücke zwischen Europa, Afrika und Lateinamerika. Und Österreich verwies auf Wien als einen der wichtigsten Uno-Standorte und auf seine Tradition als Vermittlerstaat.»Marten Breuer ist Völkerrechtler und forscht zu internationalen Organisationen.Quelle: Universität KonstanzDeutschlands Scheitern dürfte jedoch auch an einem weiteren, recht simplen Grund liegen. Marten Breuer, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht mit internationaler Ausrichtung an der Universität Konstanz, vermutet, dass sich durch den zeitlichen Vorsprung von mehreren Jahren schlichtweg schon zu viele Staaten auf Portugal und Österreich festgelegt hatten. «Insofern sollte man dem für Deutschland wenig erfreulichen Ergebnis nicht zu viel Gewicht beimessen und nichts überinterpretieren», sagt Breuer. Da die Wahl geheim ist, wird man die genauen Gründe für die deutsche Niederlage wohl nie endgültig erfahren.Die nächstmögliche Chance, in den Uno-Sicherheitsrat einzuziehen, wäre im Jahr 2028 für die Amtszeit 2029 bis 2030. Doch auch hier gibt es mit Finnland und Australien für zwei Plätze bereits zwei Bewerber. In Anbetracht der Zeit dürfte eine Kandidatur ohnehin nicht infrage kommen.Deutschland sitzt somit auf unbestimmte Zeit nicht im wichtigsten Gremium der Welt.Passend zum Artikel