Das Palastregime in der Türkei will auf keinem Gebiet Macht abgeben. Mit unausgesetzten Schlägen bemüht es sich in Politik und Soziokultur um die Vorherrschaft und strebt die unbeschränkte Macht an. Den vom Druck zermürbten breiten Kreisen der Gesellschaft lässt es keine Luft zum Atmen. Von bereits erobertem Terrain weicht es keinen Schritt zurück, und Gebiete, die es noch nicht beherrscht, versucht es zu übernehmen oder zu vernichten. Die Hintergründe des Schlags, den der Palast der größten Oppositionspartei CHP versetzt hat, die Erdoǧans Partei bei den Kommunalwahlen 2024 überrundet hatte, erläutere ich. Zuvor muss ich noch von einem anderen langen Kampf der Regierung berichten.Kaum hatte Erdoǧan 2018 das mit sultansgleichen Befugnissen ausgestattete neu gestaltete Amt des Staatspräsidenten angetreten, verlautbarte der Mann, der kurz darauf Leiter der Kommunikationsdirektion im Präsidialamt werden sollte, folgenden Satz: „Eure politische Vorherrschaft ist beendet, auch eure kulturelle Vorherrschaft wird enden.“ Das war nicht im Siegesrausch so dahingesagt. Vielmehr verwies es auf etwas, das bis dahin tatsächlich nicht gelungen war. Die Regierung war 16 Jahre im Amt, war im kulturellen Sektor aber keinen Schritt vorangekommen, von Vorherrschaft ganz zu schweigen. Das eigene Lager hatte keinen Schriftsteller, keine Musikerin, keinen Regisseur hervorbringen können, der Spuren in der Kultur hinterlassen hätte. Es war lediglich gelungen, mithilfe finanzieller Ressourcen einige Künstler ins eigene Lager zu ziehen. Ob Justiz oder Medien, Wirtschaft oder Fußball, das Erdoǧan-Regime kontrolliert alles, doch die kulturelle Atmosphäre konnte es nicht ändern.Bülent MumayEmir ÖzmenDa es dem Regime nicht gelang, neue Gesichter in der Kultur zu etablieren, zog sie physisch gegen kulturelle Bereiche zu Felde. Wer Istanbul kennt, weiß, dass sein Herz auf dem zentralen Taksim-Platz schlägt. Von hier führt die İstiklal-Straße zum Galataturm hinunter, den im 14. Jahrhundert die Genuesen erbauten. Dieser Boulevard war bis zum Regierungsantritt der AKP von Buchhändlern, Geschäften, Cafés, Bars, Galerien und Museen gesäumt. Das Viertel war jahrhundertelang von unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppen geprägt. Zu byzantinischen Zeiten lautete sein griechischer Name Pera, nach der Eroberung durch die Osmanen wurde es zu Beyoǧlu.In Beyoǧlu schlug das Herz von Kunst und KulturHier schlug das Herz von Kunst und Kultur. Die AKP-Regierung nahm es sogleich aufs Korn. Das Quartier wurde als „Gebiet für Tourismus, Handel und Dienstleistungen“ ausgewiesen, um das Bild der modernen Türkei insbesondere von der İstiklal-Straße und den umliegenden Gassen zu tilgen. Ein historisches Kino wurde abgerissen, die Außengastronomie von Cafés und Bars massiv eingeschränkt. Mit solchen Maßnahmen und der Ansiedlung mehrstöckiger Geschäfte und Einkaufszentren wurde die İstiklal-Straße zur Flaniermeile für Touristen fast ausschließlich aus dem Nahen Osten.