Eines Nachts erwachte der Henker und dachte:„Gott, was für ein vertracktes Rätsel:Je mehr sterben, desto zahlreicher werden die Leute,ich dagegen verkümmere, je mehr ich töte.“Als Ataol Behramoğlu, einer der bedeutendsten lebenden türkischen Dichter, diesen Vierzeiler 1974 verfasste, hatte er dabei natürlich nicht die heutige Türkei im Sinn. Doch die verzweifelte Situation, in der das Palastregime heute steckt, und die Folgen ihrer verzweifelten Maßnahmen lassen sich kaum treffender darstellen als mit diesen Zeilen. Denn jede Maßnahme, die die Regierung ergreift, um an der Macht zu bleiben, die sie seit 24 Jahren innehat, bringt sie dem unvermeidlichen Ende nur näher. Die Betroffenen werden zahlreicher, wohingegen jene, die „töten“, „verkümmern“.Kommen zu der Machtvergiftung durch ununterbrochene Herrschaft noch unverhältnismäßige Maßnahmen hinzu, die mit einer Arroganz ergriffen werden, die weit über Selbstbewusstsein hinausgeht, wächst die Unterstützung für Proteste gegen das Regime nur umso stärker. Der Anfang vom Ende kam ein Jahr, nachdem Erdoğan Staatspräsident mit sultansgleichen Befugnissen geworden war, an jenem Tag, als er Istanbul an die Opposition verlor. Als Kandidat von Oppositionsführerin CHP gewann Ekrem İmamoğlu mit einer Nasenlänge den Bürgermeisterposten von Istanbul, nachdem Erdoğans politisches Lager die Stadt 25 Jahre lang regiert hatte. Doch da Erdoğan nicht bereit war, die größte Metropole und Renditehauptstadt des Landes aus der Hand zu geben, ließ er die Wahl annullieren. Bei der Neuwahl vergrößerte die Opposition dann aber ihren Vorsprung auf rund 800.000 Stimmen, und Erdoğan hatte İmamoğlu eigenhändig zu ihrem Star gemacht.Bülent MumayEmir ÖzmenDoch: Erdoğan lernte nichts aus seinem Fehler von 2019. Als İmamoğlus Popularität rasant wuchs, setzte er alle möglichen Hebel an, um ihn handlungsunfähig zu machen. Die Befugnisse der Metropolverwaltungen wurden beschnitten, ihre Budgets reduziert. Gegen İmamoğlu wie auch gegen die von ihm regierte Kommune wurden diverse Ermittlungen eingeleitet. Schließlich ließ Erdoğan gegen İmamoğlu ein Politikverbot verhängen, um selbst bestimmen zu können, wer sein Herausforderer bei der Präsidentschaftswahl sein würde. So trat der damalige CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu gegen ihn an, der ihm bereits mehrfach unterlegen war und an der Wahlurne auch diesmal leichter zu schlagen sein würde.Aus diesem Grund bezeichnete ich Erdoğans daraus folgenden Triumph damals als Pyrrhussieg. Denn am Morgen nach der verlorenen Wahl rief İmamoğlu seine Partei zum Wandel auf, was einige Monate später zum Wechsel an der CHP-Spitze führte. Der temperamentvolle, redegewandte Özgür Özel wurde mit Unterstützung İmamoğlus zum Vorsitzenden gewählt. Aus den nur vier Monate nach diesem Wechsel abgehaltenen Kommunalwahlen ging die CHP dann nach 47 Jahren erstmals wieder als stärkste Partei hervor. Erdoğans Partei hingegen landete zum ersten Mal seit ihrer Gründung auf Platz zwei. Einmal mehr war Erdoğans Coup als Bumerang zu ihm selbst zurückgekehrt, wieder einmal hatte er seinen Rivalen eigenhändig gestärkt.Auch die Installation Kılıçdaroğlus ging nach hinten losDie Städte mit 65 Prozent der Gesamtbevölkerung, die die CHP seither regiert, erbringen 80 Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Erdoğan weiß genau, dass erfolgreiches Regieren auf kommunaler Ebene die Herrschaft über das ganze Land nach sich zieht. Denn sein eigener politischer Aufstieg hatte 1994 mit seiner Wahl zum Bürgermeister von Istanbul begonnen. Da er keine neue Politik und keine Lösungen für die von ihm selbst verursachten Probleme anzubieten hat, ließ er sich einmal mehr von der Wut leiten.
Brief aus Istanbul: Erdogans Schläge und die Opposition
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan versucht immer wieder, seine Macht zu sichern, indem er seine Gegner politisch aus dem Verkehr zieht. Doch die Repressionen haben ihren Preis: Je mehr er versucht, zu gewinnen, desto mehr verliert er.






