Stimmt, ein Regenguss ging nieder auf Ankara an diesem 24. Mai, einem Tag, von dem die Älteren in der türkischen Opposition sagen, dass er sie an die düstersten Zeiten erinnert, an die Zeit der Militärputsche. Die Jüngeren sagen, dass sie so etwas in ihrem Leben noch nicht gesehen haben: Polizisten in Kampfuniform, die das Gebäude der größten Oppositionspartei stürmen, und den Vorsitzenden zwingen, es zu räumen.Nicht, weil die Partei ihn abgewählt hätte. Ein Richter hat es angeordnet, hat geurteilt, dass der Oppositionsführer abgesetzt werden soll. Weil der Staatspräsident es so will. Weil Recep Tayyip Erdoğan eine Opposition möchte, die von ihrem Vorhaben absieht, Wahlen gewinnen zu wollen.Alter und neuer Parteivorsitzender der CHP ist nun, laut Gerichtsbeschluss, Kemal Kılıçdaroğlu. Und so verließ Özgür Özel, der bisherige und aus seiner Sicht noch immer der rechtmäßige Parteichef, am Sonntag sein Büro. Am Nachmittag, als die Polizei mit Tränengas schoss und ins Haus eindrang. Jemand überreichte ihm noch den Gerichtsbeschluss, er ließ sich dabei filmen, wie er ihn zerriss.Im Protest gegen seine Zwangsabsetzung marschiert Özgür Özel zum ParlamentÖzel, dieser gelernte Apotheker, den das Land früher für einen Technokraten hielt, für einen Langweiler, er lief los. Die sieben Kilometer zum Parlament, genauer gesagt zum Park daneben. Vorsitzender der Parlamentsfraktion ist er weiterhin, das Amt ist ihm bisher nicht genommen worden.Özel lief, umgeben von Freunden und Unterstützerinnen und Journalisten. Er sagte, er habe ein Gebäude aufgegeben, aber die Demokratie verteidige man ja nicht in einem Büro, sondern auf der Straße. Und dass er nun zum Parlament gehe, weil es jetzt um die Demokratie gehe, und die sei Sache des ganzes Volkes, nicht nur einer Partei.Es fing an zu regnen, Özel lief weiter. Er gratulierte einem Hochzeitspaar, das im Auto vorbeifuhr. Er durchbrach Polizeibarrikaden, indem er weiterlief, die Beamten ließen Özel gewähren. In einem Moment, als sein weißes Hemd vom Regenwasser schon fast durchsichtig war, stieg Özel die Fahrerleiter eines Wasserwerfers hoch und reckte die Faust. Ein ikonisches Bild schon jetzt, eines, das im Gedächtnis des Landes bleiben wird.Wie rettet man eine Demokratie? So? Mit ikonischen Gesten?Vor der Frage steht die Türkei. Mal wieder, das Land hat ja Erfahrung mit der Frage. Der Präsidentschaftskandidat der CHP, Ekrem İmamoğlu, sitzt seit mehr als einem Jahr im Gefängnis. Der politische Anführer der Kurdenbewegung, Selahattin Demirtaş, ist seit 2016 in Haft. Was sich geändert hat, in diesen Tagen, seit Özgür Özel nicht mehr CHP-Chef sein soll, ist, dass die letzte Hoffnung in sich zusammenfällt.Vielleicht war sie naiv, die Hoffnung, aber viele Türkinnen und Türken hatten sie noch. Es gehört fast zu ihrer DNA. Sie dachten, am Ende könnten sie wählen.Erdoğan will kontrollieren, wer bei der Wahl gegen ihn antrittNach allen Verhaftungen, den niedergeschlagenen Protesten, nach all den geschlossenen Zeitungen und TV-Sendern. Nach alldem, so dachten fast alle, die man in der Türkei traf, würde es einen Wahltermin geben. Und gegen eine klare Abwahl würde sich auch Recep Tayyip Erdoğan nicht wehren können.Jetzt stellt sich heraus, dass es zwar Wahlen geben wird, vielleicht sogar schon früher, vielleicht im kommenden Herbst. Aber dass Erdoğan in Zukunft bestimmen will, wer gegen ihn antritt. Nicht Ekrem İmamoğlu, nicht Özgür Özel. Sondern jemand wie Kemal Kılıçdaroğlu, der 77-Jährige, der bisher nur als blass galt und in der Opposition nun als Verräter. Weil er sich darauf eingelassen hat, Erdoğans Spiel zu spielen, nur damit er wieder Parteichef werden darf. Zweieinhalb Jahre, nachdem er eine Kampfabstimmung gegen Özgür Özel verlor.Am Sonntag soll Kılıçdaroğlu damit einverstanden gewesen sein, dass die Polizei das CHP-Gebäude stürmt. Die Zentrale einer Partei, deren Gründer, Mustafa Kemal Atatürk, auch der Gründer der türkischen Republik ist. Wenn Erdoğan selbst dieses Haus stürmen lässt, welches ist dann vor ihm sicher? Das ist eine der rhetorischen Fragen, die in der Türkei gerade umgehen. Es ist, als hätte Erdoğan am Sonntag die alte Republik beerdigt.Es hat etwas Endgültiges. Auch wenn Özgür Özel sich gegen den Eindruck wehrt. Mit seinem Marsch zum Parlament, mit seiner gereckten Faust auf dem Wasserwerfer.Am Abend, eine Stunde nach Özels Rede vor dem Parlament, ist niemand mehr im Park. Der Marsch vom CHP-Gebäude hierher, er ging so schnell vorbei, wie er begonnen hatte. Özel hat sich in sein Parlamentsbüro zurückgezogen, hat ein trockenes Hemd angelegt und plant jetzt, mutmaßlich, das weitere Vorgehen: Wie rettet man eine Demokratie? Eine, die längst keine mehr ist.Eine Gruppe junger Studenten zeigt sich pessimistisch und idealistisch zugleichDraußen, im dunklen Park, stellen sich ein paar Studenten, eine Gruppe Jungs, dieselbe Frage. Sie sind die Letzten, die von Özels Auftritt geblieben sind, sie kamen spät, da wollten sie nicht gleich wieder gehen. Auf einer Parkbank sitzen sie, neben zerdrückten Wasserflaschen und Zigarettenschachteln. Einer im Holzfällerhemd, einer in Lederjacke, einer im Hoodie. Ihre Namen sollen nicht verraten werden, könnte gefährlich sein.„Jetzt sind es also nur noch wir“, sagt der im Holzfällerhemd und lacht ein bisschen. Einer aus der Gruppe zweifelt an Özgür Özel, der sei noch immer „nicht mutig genug“. Doch, er habe das Foto gesehen: der Parteichef auf dem Wasserwerfer. „Aber wohin führt es? Özel glaubt, er kann innerhalb des Systems Widerstand leisten, da ist es klar, dass es für ihn nicht gut ausgeht.“„Wir bräuchten“, sagt der Student im Hoodie, „den Mut von ganz früher, von den Aktivisten aus den Siebzigerjahren.“ Leute, meint er, die zu Straßenschlachten bereit seien, nicht nur zu symbolischen Märschen. „Generalstreiks“, sagt er. „Einen echten Kampf.“Die jungen Männer reden, wie es die Menschen oft tun in diesem Land, pessimistisch und idealistisch zugleich. Sie glauben nicht an eine Zukunft. „Solange unser verehrter Präsident lebt“, sagt der im Hoodie, „wird er regieren.“ Er lacht. Wegen des Ausdrucks „verehrter Präsident“, den er ironisch benutzt. Was tun? „Ab auf die Straßen“, sagt der im Holzfällerhemd, ein Idealist. Ein Land voller Demokraten ist es geblieben, eines ohne demokratische Institutionen ist es geworden.In der Türkei beginnt eine Feiertagswoche, ab Dienstag feiert sie das islamische Opferfest, der Präsident hat dem Land gleich die ganze Woche freigegeben. Özgür Özel wird zusehen müssen, dass die Menschen trotzdem demonstrieren gehen, nicht nur in Ankara, in Istanbul oder Izmir, sondern überall im Land.Jetzt, am Abend, in der Stille nach dem lauten Tag, ist die Frage offen: Wie rettet man eine Demokratie?Özgür Özel fordert einen schnellen Parteitag, damit er sich erneut wählen lassen kann, in der alten Hoffnung, dass Wahlen gelten. Er könnte auch eine neue Partei aufbauen, nur was, wenn Erdoğan mit ihr dasselbe anstellt wie jetzt mit der CHP?In der Runde im Park wissen sie keine Antworten außer denen, mit denen sie aufgewachsen sind. Auf die Straße gehen, laut sein. Die Antworten einer Zivilgesellschaft. Bis zur allerletzten Demo, irgendwann, wenn der Präsident noch immer Erdoğan heißt, alle nach Hause gehen und es wieder still wird.„So wird es kommen“, sagt der Student im Holzfällerhemd, „so kommt es immer.“ Und keiner seiner Freunde widerspricht.