Unheimliche Begegnung mit dem Unbekannten: Die Fondation Beyeler zeigt den französischen Multimediakünstler Pierre HuygheDie Ausstellung in Riehen bricht mit herkömmlichen Kunstpräsentationen und schafft ein befremdendes Raumerlebnis. Pierre Huyghe hat ein Gesamtkunstwerk kreiert an der Schnittstelle zwischen Technologie sowie biologischer und unbelebter Materie.04.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie atmende Lunge der neuen Ausstellung in der Fondation Beyeler: Pierre Huyghes Werk «Apnea» von 2026.Ola Rindal / © Pierre Huyghe / 2026, ProLitteris Zürich / ADAGPDie Fondation Beyeler in Riehen gilt als eines der schönsten Kunsthäuser der Welt. Jetzt allerdings sind die Museumsräume des italienischen Stararchitekten Renzo Piano nicht mehr wiederzuerkennen. Die Ausblicke in den Berower Park mit seinem alten Baumbestand und dem an Claude Monet erinnernden Seerosenteich sind verschwunden. Als hätte eine fremde Macht von dem Museum Besitz ergriffen und es in ein hermetisch verschlossenes, unwirkliches Gebilde labyrinthischer Raumabfolgen verwandelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Alles ist von einem diffusen Zwielicht erfüllt. Unbekannte Geräusche sind zu vernehmen. Ein Luftzug weht leise durch die Räume, als würde in allem ein Wesen atmen. Ja die ganze Ausstellungsstruktur scheint ein einziger atmender Organismus zu sein. Man wähnt sich an einem Ort jenseits dieser Welt: Willkommen in Pierre Huyghes Kunstwelt.Der 1962 geborene Franzose ist bekannt dafür, seine Ausstellungen selbst zum Kunstwerk zu machen. Dazu passt, dass er uns in den einzelnen Räumen nicht einfach aufgereihte Werke vor die Nase setzt, sondern seine Präsentation geradezu ungewohnt sparsam orchestriert hat. Immer wieder betritt man auf dem Rundgang einen völlig leeren Raum, als wollte der Künstler einem hier die Gelegenheit geben, sich zu sammeln und mental auf die nächste Begegnung vorzubereiten.Der Affe mit der Mädchenmaske: Pierre Huyghes Video «Human Mask» von 2014.Ola Rindal / © Pierre Huyghe / 2026, ProLitteris Zürich / ADAGPTotenritual in der chilenischen wüste: Pierre Huyghes Videofilm «Camata» von 2024.Ola Rindal / © Pierre Huyghe / 2026, ProLitteris Zürich / ADAGPUnheimliche BegegnungenVon Begegnungen der unheimlichen Art zu sprechen, ist dabei nicht übertrieben. So stösst man im Zentrum der Schau auf einen mit Flüssigkeit gefüllten Glaskasten, in dessen Innerem ein fötales Gebilde in menschlichem Rhythmus zu atmen scheint. Wie eine grosse, gallertig weiss schimmernde Lunge macht es seine langsamen Auf-und-ab-Bewegungen.Sein Atem dringt dabei durch die ganze Ausstellungsarchitektur. Überall in den Wänden sind kleine Löcher zu entdecken, aus welchen es regelmässig seufzt und Luft herausströmt.Kunsttechnisch beschrieben, handelt es sich bei dem für die Fondation Beyeler ganz neu entstandenen Werk mit dem Titel «Apnea» (Atemstillstand) um einen Glaskasten mit mineralischer Miniaturlandschaft, einen schwebenden Felsbrocken, ein durch Robotertechnik gesteuertes Objekt aus Silikon sowie ein Ventilationssystem.Mit diesem System gekoppelt sind auch grosse Glasscheiben, die einzelne Raumsequenzen der Ausstellung voneinander trennen. Im Rhythmus des Atmens werden sie entweder mit einem matten Film belegt und undurchsichtig, als würden sie durch feuchte Atemluft beschlagen, oder geben glasklar den Blick in andere Räume frei.Es ist klar, mit was Pierre Huyghe spielt: mit unserer für Unheimlich-Lebendiges begabten Vorstellungskraft. Der Künstler hebt in seiner Auslegeordnung der Installationen und Raumgestaltungen die gängige Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion, Lebendigem und Künstlichem, Menschlichem und Nicht-Menschlichem auf. Pierre Huyghe meint dazu im Vorfeld der Schau: «Fiktionen sind Vehikel, die uns Zugang zu anderen Welten verschaffen. Sie ermöglichen uns, uns von aussen zu erfahren.»Alles basiert indes auf technischen Tricks, wenn man so will. So auch der milchig weisse Riesenwurm («Alchimia»), der sich wie eine Larve einer unbekannten Spezies am Boden eines anderen Raums windet. Darin versteckt sich übrigens Robotertechnik der ETH Zürich.Ola Rindal / © Pierre Huyghe / 2026, ProLitteris Zürich / ADAGPOla Rindal / © Pierre Huyghe / 2026, ProLitteris Zürich / ADAGPLarve einer unbekannten Spezies in «Alchimia» (links); am Ursprung des Lebens in «Cambrian Explosion 19» (rechts).Dystopischer ZwischenfallUm sich einen Überblick über all die schöpferisch-spukhaften Ausgeburten der kreativen Phantasie von Pierre Huyghe in dieser Ausstellung zu verschaffen, lassen sich vier Kategorien zeitlich-räumlicher Dimensionen benennen, mit welchen sich der Künstler befasst: Da wäre die weit zurückliegende Vergangenheit in der Tiefe der Zeit. Dann ein dystopischer Zwischenfall in unserer Zeit. Zudem eine Wirklichkeit ausserhalb von Zeit und Raum. Und schliesslich eine Zukunft gleichsam nach der Zeit der Menschheit.Die erste Kategorie: In seinem Werk «Cambrian Explosion 19» (2013) nimmt Huyghe auf den Ursprung des Lebens Bezug. In einem Aquarium mit einem Brocken Vulkangestein lassen sich am Grund Urformen des Lebens entdecken: echte kleine, herumkrabbelnde und schwimmende krebs- und fischartige Organismen, die seit der kambrischen Artenexplosion vor 500 Millionen Jahren ihre ursprüngliche Gestalt kaum verändert haben.Die zweite Kategorie: Auf einen dystopischen Zwischenfall in unserer Zeit nimmt die enigmatische Videoarbeit «Human Mask» von 2014 Bezug. Der Künstler entführt uns in die Schattenwelt einer ramponierten und verlassenen japanischen Kneipe. Grund für die Aufgabe des Restaurationsbetriebs ist die Tsunami- und Nuklearkatastrophe von Fukushima. Im März 2011 verschluckte eine durch ein Erdbeben ausgelöste Flutwelle die Küste im Nordosten Japans und beschädigte ein Kernkraftwerk schwer.In dem Restaurant irrt ein Wesen mit Mädchenmaske und langem schwarzem Haar umher. Es tappt in die Küche, wo in verrotteten Nahrungsmitteln Insektenlarven gedeihen. Es hockt auf Tatami-Matten, schreckt manchmal auf durch ein fernes Grollen. Von draussen hört man den blechern hallenden Singsang einer weiblichen Lautsprecherstimme auf Japanisch, die in dem radioaktiv verseuchten Sperrgebiet Warnhinweise durchgibt.Aus der dunklen Schuluniform des maskierten Wesens kommen pelzige Ärmchen und Beinchen zum Vorschein. Man wird gewahr, dass die Kreatur ein verkleideter Affe ist. Für die 19-minütige Videoarbeit drehte Pierre Huyghe mit dem dressierten Makaken-Äffchen Fuku-chan, das in einer Sake-Kneipe im Norden Tokios als Servierfräulein mit Perücke und Nō-artiger Maske die Gäste bediente. Die Aussenaufnahmen mit dem halb zerstörten Restaurantgebäude wurden in Fukushima mit einer Drohne gemacht.Durch die befremdenden, ohne Sinn und Verstand ausgeführten Gesten des maskierten Äffchens wirkt die Szenerie in «Human Mask» wie ein hohles Echo aus einer fernen Zivilisation.Pierre Huyghe verwandelt die Fondation Beyeler in einen unheimlichen Ort: Blick in die Ausstellung.Ola Rindal / © Pierre Huyghe / 2026, Pro Litteris Zürich / ADAGPJenseits dieser WeltDie dritte Kategorie: In einer Wirklichkeit ausserhalb von Zeit und Raum und gleichsam nicht von dieser Welt spielt das Szenario, das Pierre Huyghe in seinem jüngsten Videofilm heraufbeschwört. Dafür hat er sich von Gesetzen und Phänomenen auf subatomarer Ebene inspirieren lassen. Seine Arbeit «Liminals» (2025, 50 Minuten) simuliert eine fundamental andere Realität, als wir sie kennen. Sound und Vibrationen des Werks wurden mit einem Quantencomputer erzeugt.Die Tonsequenzen in dem Video, das als Szenerie eine Art Mondlandschaft zeigt, gehen bisweilen durch Mark und Bein. Es entstehen Gesteinsformationen, und auch ein menschlicher Körper taucht auf, der in seinem fahlen Glanz selbst dem Gestein ähnelt. Die weibliche nackte Gestalt ist gesichtslos. Dort, wo Augen, Nase und Mund wären, klafft ein einziges schwarzes Loch. Mit seiner Figur, gespielt von einer professionellen Tänzerin, versucht Huyghe das radikal Fremde darzustellen.Die vierte Kategorie: In einer Welt nach der Menschheit spielt schliesslich die Videoarbeit «Camata» von 2024. Darin vollführen roboterartige Maschinen in einer weiten Einöde um ein menschliches Gerippe ein merkwürdiges Ritual zwischen Bestattungszeremonie und wissenschaftlichem Experiment. Das Skelett, auf das Huyghe in der Atacama-Wüste in Chile gestossen ist, soll von einem jungen Mann stammen.Die Blickwinkel ändern sich immer wieder, der Film wird laufend neu ediert, gesteuert durch Sensoren im Ausstellungsraum. Die Kamera zeigt Partien der menschlichen Überreste, den Sonnenuntergang am Horizont der Wüste, den nächtlichen Sternenhimmel. Wenn die filmende Sonde in das Innere des Schädels fährt, färbt sich die Leinwand mit dem zart schimmernden Rosa eines riesigen, domartigen Gewölbes.Der ebenso poetische wie befremdende Film auf der wandfüllenden Leinwand ist ohne Anfang und Ende. Dadurch wird er zur zeitvergessenen Meditation über Tod und Vergänglichkeit. Als Besucher kann man sich etwas verloren vorkommen in dieser irrlichternden Schau der ungewohnten Art – vor dieser Videoarbeit findet man zu innerer Ruhe.Pierre Huyghe, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, bis 13. September.Passend zum Artikel