Francesco De Gregori und Erri De Luca: Zwei ältere Herren sagen nicht das, was man von ihnen erwartetIn Italien tobt eine Debatte um das politische Engagement von Intellektuellen und Künstlern. Es geht um Gaza, Israel, Donald Trump und Bruce Springsteen.04.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMit Hits wie «Generale» oder «Viva l’Italia» hat er sich in die Herzen und Hirne der Italiener und der Italien-Freunde gesungen: Francesco De Gregori.Stefano Costantino / Avalon / ImagoLärm machen in Italien meist andere: Politiker, Stars und Sternchen. Erri De Luca und Francesco De Gregori dagegen gehören zu den Leiseren im Lande. Der eine, De Luca, ist Schriftsteller und einer der meistgelesenen Autoren Italiens, der andere, De Gregori, ist Liedermacher und ein Barde alter Schule aus der Generation von Lucio Dalla und Fabrizio De André. Beide sind schon im vorgerückten Alter, 76 und 75, und in der Regel zurückhaltend mit Interviews und öffentlichen Verlautbarungen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch innert weniger Tage sind die beiden nun unabhängig voneinander und wohl eher unfreiwillig mit Äusserungen in Erscheinung getreten, die die sozialen Netzwerke und etablierten Medien in Aufwallung brachten und in den Salons der «Roma bene» und anderer Städte zu reden gaben.Springsteen peinlich?De Gregori stellte kürzlich bei einem Pressetermin Künstler, die politische Botschaften verbreiten oder sich gegen Kriege aussprechen, als «imbarazzante» dar, als peinlich. Wörtlich sagte er: «Eine von der Bühne heruntergeschleuderte Erklärung oder auch ein schriftlicher Appell lassen mich ziemlich kalt. (. . .) Muss Springsteen wirklich sagen, dass er gegen die Trump-Regierung ist?»Erri De Luca seinerseits bezeichnete sich in einem Interview als Zionisten und den Zionismus als Haltung derjenigen, «welche an zwei Staaten glauben, von denen einer Israel ist, das ein Recht auf eine nationale Heimat und auf eine Verteidigung hat». Im traditionell Palästina-freundlichen Italien machte er sich damit keine Freunde.Seither ist Feuer im Dach. Wenn er zu den gegenwärtigen Kriegen schweigen wolle, solle er gleich für immer schweigen, lautete noch eine der zivilisierteren Forderungen in den sozialen Netzwerken an die Adresse De Gregoris. Dieser sei nur noch ein Auslaufmodell, ein Rentner, hiess es an anderer Stelle. «In Palästina stirbt Pablo weiter», postete ein anderer und nahm Bezug auf einen frühen, politisch engagierten Song des Cantautore aus Rom. Das Lied erzählt die Geschichte von Pablo, einem Gastarbeiter, der auf einer Baustelle in der Schweiz unter tragischen Umständen ums Leben kommt.War Lastwagenfahrer, Lagermitarbeiter und politischer Aktivist, ehe er zum vielgelesenen Schriftsteller wurde: Erri De Luca.Leonardo Cendamo / Hulton / GettyKollegen aus der Kulturszene wie die Sänger Vasco Rossi oder Elisa forderten De Gregori auf, seine Stimme zu erheben und Haltung zu zeigen. Wer eine öffentliche Stimme habe, solle sie auch nutzen.Mittlerweile hat die Debatte einige Nuancen erhalten. Es gibt die Enttäuschten, diejenigen, die von den beiden aufgrund ihrer Vergangenheit mehr Rückgrat und Haltung erwartet hätten. Tatsächlich haben sowohl De Gregori als auch De Luca den Status von Ikonen im linken und linksliberalen Milieu Italiens.De Luca war in den siebziger Jahren einer der führenden Köpfe von Lotta Continua, einer ausserparlamentarischen linken Organisation. Und De Gregoris Songs – etwa «La storia siamo noi» oder «Generale» – wurden als Hymnen des friedenspolitischen Engagements an Parteikongressen und -feiern abgespielt.Die Kritik an den beiden sei Ausdruck der Intoleranz der neuen Linken, die keine abweichenden Haltungen mehr toleriere, schrieb Antonio Polito im «Corriere della Sera» und verwies belustigt auf die Tatsache, dass De Gregori ja gar keine Haltung zum Ausdruck gebracht habe. «Man stopft ihm den Mund nicht etwa, weil er eine andere Meinung hat, sondern weil er gar keine Meinung geäussert hat und sich weigert, die derzeit üblichen Floskeln zu wiederholen.»Die Enttäuschten übersehen zudem einige interessante Abweichungen von vermeintlich linken Normvorstellungen. De Luca etwa brachte sich in seinem früheren Leben als Lastwagenfahrer und Lagerarbeiter im Selbststudium Althebräisch bei, weil er Interesse an israelischer Kultur und Geschichte hatte und die Bibel übersetzen wollte. Und De Gregori wurde in den siebziger Jahren Angeklagter in einem Schauprozess militanter Gruppierungen, die ihn als zu nett, zu lieblich, zu wenig entschieden empfanden und ihm seine hohe Gage und seine mangelnde Solidarität mit der Arbeiterbewegung vorhielten. De Luca und De Gregori waren keine lebenslangen Parteigänger, sondern stets Aussenseiter.Die Sache mit dem AlterAber es gibt auch Applaus. Bisweilen kommt er politisch etwas durchsichtig daher, aber manchmal ist er auch ehrlich gemeint. De Luca und De Gregori sind dann, je nachdem, Helden, weil sie sich dem linken Mainstream verweigern, oder liberale Fahnenträger, weil sie für Meinungsfreiheit und gegen ideologischen Totalitarismus einstehen.Und dann gibt es tatsächlich die Sache mit dem Alter. Giuliano Ferrara, Gründer der liberalen Zeitung «Il Foglio» und Altersgenosse der Kritisierten, hat es so auf den Punkt gebracht: «Die Fälle Erri De Luca und Francesco De Gregori sind keine Fälle, sie sind eine verdammt einfache Angelegenheit: Man wird alt und versteht Dinge.» Ist es das? Sind die umstrittenen Äusserungen des Barden und des Schriftstellers etwa ein Zeichen von Altersweisheit?Mag sein, dass es damit zu tun hat. Bei dem Medientermin, der am Anfang der ganzen Aufregung stand, hat De Gregori gestanden, dass er seit mehr als zehn Jahren keine Zeile mehr geschrieben habe und dass ihm die Inspiration fehle.Der Cantautore tritt zwar immer noch regelmässig auf den Bühnen Italiens auf. Aber die Lieder, die er auf seinen langen Konzerttourneen singt, sind entweder Evergreens aus den bewegten siebziger, achtziger oder neunziger Jahren – oder aber «Nevergreens», Songs, die es nie in die Charts geschafft haben und die keiner auswendig nachsingen kann wie «Generale» oder «Viva l’Italia». «Nevergreen» ist denn auch der Titel der Reihe, mit der De Gregori ab diesem Herbst in kleineren Sälen in Italien auftritt.Der «Principe», wie man ihn hier aufgrund seiner etwas distanzierten Art auch nennt, ist etwas müde geworden. «Ich fühle mich niemandem überlegen», meinte De Gregori bei der Präsentation, «ich kann niemandem beibringen, wie man lebt, wie man eine Zeitung liest oder welche Haltung man zu Gaza, Israel oder Iran einnehmen sollte. Ich fühle mich nicht in der Lage, anderen Lektionen zu erteilen. Meine Gedanken sind verworren, und ich finde es ehrlich, verworren zu sein.»Keine raschen Antworten bereithalten, nicht sofort wissen, wie man die Dinge einordnen soll: In einer Zeit der Vereinfachungen und vermeintlich klaren Haltungen kann man De Gregoris Weigerung, sich zu bekennen, deshalb als ein spätes Votum für die Freiheit des Zweiflers sehen.Passend zum Artikel