Rassismus gegen Weisse? Der Polizist legte den schwerverletzten Henry Nowak in Handschellen, anstatt ihm zu helfenIn Grossbritannien sorgt das massive Fehlverhalten eines Polizisten für Debatten. Nachdem ein Sikh einen Studenten niedergestochen hat, verhaftet der Uniformierte den Sterbenden statt den Täter. Der Reform-UK-Chef Farage spricht von Weissen-Diskriminierung.03.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer im Dezember in Southampton getötete Student Henry Nowak.BBCIm Dezember geht bei der Polizei von Southampton ein Notruf ein. Der Anrufer sagt, sein Bruder – ein Sikh namens Vickrum Digwa – sei von einem Mann rassistisch beschimpft und angegriffen worden. Auch habe er ihm den Turban vom Kopf gerissen. Der Bruder habe sich aus Notwehr verteidigt. Als die Polizei am Tatort eintrifft, findet sie einen am Boden liegenden Mann namens Henry Nowak vor. Die beiden anderen Männer wiederholen gegenüber den Uniformierten ihre Version des Geschehens.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Polizisten legen Nowak Handschellen an. Wie Aufnahmen ihrer Bodycams zeigen, sagt Nowak mehrmals, er könne nicht atmen und sei niedergestochen worden. «Ich glaube nicht, Kumpel», entgegnet der Polizist. Dann sagt er, er werde ihn nun verhaften, und liest ihm seine Rechte vor. Nowak ist aber tatsächlich lebensgefährlich verletzt, und die Polizisten unterlassen es, ihn sofort zu untersuchen und erste Hilfe zu leisten. Wenig später erstickt er an seinem eigenen Blut.Zu lebenslänglicher Haft verurteiltInzwischen ist klar, dass der 23-jährige Vickrum Digwa den 18-jährigen Studenten Nowak mit mehreren Messerstichen umbrachte. Er wurde an diesem Montag zu lebenslänglicher Haft, das heisst mindestens 21 Jahren, verurteilt. Das Motiv ist unklar, aber der Richter ging davon aus, dass er gelogen hatte und nicht rassistisch belästigt worden war. Nowak hatte er mit einem Kirpan umgebracht, dem Zeremonialmesser der Sikhs; sie sind aus religiösen Gründen berechtigt, die Klinge mit sich zu tragen. Das Messer, das Digwa benützt hatte, war allerdings grösser als erlaubt. Auch seine Mutter wurde angeklagt. Sie wird verdächtigt, die Waffe ihres Sohnes nach der Tat versteckt zu haben.Der stellvertretende Polizeichef Robert France entschuldigte sich öffentlich für das gravierende Fehlverhalten der Uniformierten. Die Beamten seien beim Notruf und am Tatort belogen worden, sagte er. Er habe die Angelegenheit an die unabhängige Beschwerdestelle IOPC weitergeleitet.Der rechtsradikale Influencer Tommy Robinson liess schon kurz nach der Tat die Polizeivideos auf seinem X-Account zirkulieren. Seine These war, es herrsche bei der Polizei Rassismus gegen Weisse, die automatisch als Täter gesehen würden, auch wenn sie Opfer seien («Erstochen und in Handschellen gelegt, weil er weiss war»).Farage spricht von ZweiklassenjustizSchützenhilfe bekam Robinson von Elon Musk und vom Reform-UK-Chef Nigel Farage, der von einer Zweiklassenjustiz sprach. Die Rechte weisser Menschen zählten weniger als diejenigen von ethnischen Minderheiten, sagte er. Er verglich den Fall mit demjenigen von George Floyd, der 2020 in Minneapolis zum Opfer von Polizeigewalt geworden war, was zu landesweiten «Black Lives Matter»-Protesten führte. Er beklagte, dass es dieses Mal zu keinen Reaktionen gekommen sei.Am Montag äusserte sich Premierminister Keir Starmer auf X. «Das ist ein schrecklicher, schockierender Fall», schrieb er. «Henrys Angehörige haben das Trauma eines langen Prozesses durchgemacht und ertragen, wie Henrys Mörder entsetzliche Behauptungen über ihren Sohn aufstellte, der rücksichtsvoll, freundlich und zutiefst geliebt war.» Es sei richtig, dass die Reaktion der diensthabenden Beamten nun in einem internen Verfahren untersucht werde.Am Dienstag sprach auch Innenministerin Shabana Mahmood vor dem Parlament über den Fall. Es handle sich um ein schreckliches und böses Verbrechen, sagte sie. Die Bodycam-Aufnahmen, die das Verhalten der Polizei zeigten, seien verstörend und tragisch. Es sei unvorstellbar, was die Familie durchmachen müsse. Aber sie warnte auch davor, aus dem Fehlverhalten des Uniformierten auf die Polizei als Ganzes zu schliessen sowie weisse und nichtweisse Briten gegeneinander auszuspielen.Passend zum Artikel